Dass Füssen einmal den japanischen Touristen nachtrauert, hätte sich Stefan Fredlmeier bis 2015 nie vorstellen können. Dafür musste sich der Fremdenverkehrsdirektor zu viele Klagen über „zu viele Schlitzaugen“ anhören. Seitdem jedoch chinesische Gruppen das Stadtbild prägen und die nahe gelegene „perfekte Märchenburg“ am Ende der Romantischen Straße regelrecht verstopfen, wissen die Ostallgäuer, dass „die Asiaten“ so unterschiedlich sein können wie „die Europäer“. Denn die Gästescharen aus dem Reich der Mitte haben wenig gemein mit den kultivierten Japanern, die in stummer Ergriffenheit das enge Sträßchen zur globalen Sehenswürdigkeit hochpilgern und die deutsche Waldromantik lieben.

Die Chinesen hingegen treten deutlich rustikaler auf. Das von König Ludwig II. erbaute Schloss Neuschwanstein ist für sie nur eine spektakuläre Station, die sie auf ihrer zehntägigen Deutschland- oder Europatour im Eiltempo abhaken. Oder genauer: mit dem Smartphone abfotografieren, um auch diese Reisetrophäe umgehend in die Heimat zu posten. Rücksicht wird da wenig genommen. Weder beim Rundgang noch im Hotel. „Die Zimmer sehen nachher schlimm aus“, sagt ein Gastronom, der es sich leisten kann, chinesische Gruppen „über den Preis“ auszusortieren. Die Tischmanieren lassen nicht nur ihn schaudern.

Was die Chinesen bei Verpflegung und Unterkunft sparen, geben sie anderweitig mit vollen Händen aus. „Sleep cheap, shop expensive!“, lautet ihr Motto. Billig schlafen, teuer einkaufen. Für sie ist es kein Widerspruch, mittags im Outletcenter geduldig bei Prada oder Gucci anzustehen, um eine sündhaft teure Handtasche zu erstehen, um dann am Abend im abgelegenen Einfach-Hotel billige Instantnudeln aufzukochen. Dafür erwarten sie allerdings einen Wasserkocher auf dem Zimmer, chinesische Fernsehprogramme und kostenloses WLAN, wie die Münchner Generalkonsulin Mao Jingqiu die Ansprüche ihrer Landsleute auf einer Tagung der Universität Eichstätt überraschend direkt formuliert.

Das neue Selbstbewusstsein lässt sich mit Daten unterfüttern: Mit 440 Euro Tagesumsatz und rund 700 Euro Shopping-Etat pro Kopf zählen die Chinesen zu den kauffreudigsten Touristen. Schon heute ist Deutschland ihr beliebtestes Reiseziel in Europa. Zweistellige Wachstumsraten dürften die Zahl der Besucher bis 2020 auf weit über zwei Millionen verdoppeln. Bereits jetzt hat etwa jeder dritte Nürnberg-Besucher einen chinesischen Pass. Auf der Zugspitze oder der Kölner Domplatte ist es gefühlt jeder zweite.

Dabei kommen die Massen erst noch. „Es gibt allein 200 Millionen wohlhabende Rentner in China, die sich einen Europa-Trip leisten können“, verdeutlicht Wolfgang Georg Arlt die Dimension. Hinzu komme eine wachsende Mittelschicht, die durch Immobilien- und Aktienspekulation wohlhabend geworden ist und nun die Welt sehen will. „In den wenigen Urlaubstagen wollen sie möglichst viel erleben“, erläutert der Sinologie-Professor Arlt die Erwartungshaltung dieser Reisenden, die er zu den oberen zehn Prozent des 1,37-Milliarden-Volkes zählt.

Unter ihnen gibt es auch zunehmend Individualtouristen, die einen „typischen deutschen Bauernhof erleben wollen. Von abends sechs bis morgens um sieben, möglichst mit abschließendem Kuhmelker-Diplom, das sie zu Hause vorzeigen können“, sagt Arlt und beschreibt damit die neuen Marktchancen. „Wir müssen die Massen weglocken von den überlaufenen Hotspots und ihnen Naturerlebnisse in leicht buchbaren Paketen bieten.“ Etwa Pilzesammeln mit Zertifikat. Auch die in Chur lehrende Professorin für Internationalen Tourismus, Barbara Haller Rupf, sieht die Gefahr, dass die Stimmung gegen die Chinesen kippt. Ihr Gegenrezept: Europa nicht verramschen, sondern für gehobene Leistung gutes Geld verlangen: „Dann bleibt die Wertschöpfung bei uns und nicht bei den chinesischen Reiseanbietern.“

Qualität statt Quantität - das propagieren alle Tourismusmanager, seitdem die Einheimischen von Bamberg bis Barcelona gegen die nicht enden wollenden Gästescharen aufbegehren, weil sie um ihre Identität fürchten. Doch am Ende bringt eben doch die Masse volle Kassen. Zumal die Pekinger Führung auch strategische Ziele verfolgt. „Sie fördert den Tourismus, weil sie glaubt, dass mehr Weltoffenheit ihrer Bürger gut für den Export ist“, berichtet Arlt.

Chinesische Konzerne kaufen sich nicht nur in Schlüsseltechnologien ein, sondern beteiligen sich an Hotelketten (Hilton), Reiseunternehmen (Club Med) oder übernehmen gleich ganze Flughäfen (Frankfurt-Hahn) sowie strategisch wichtige Häfen (Piräus, Sri Lanka). So gesehen passen die chinesischen Touristen-Massen in das 900 Milliarden teure Infrastruktur-Projekt der „Neuen Seidenstraße“, mit dem Peking bis 2025 den europäischen Markt erobern will.

Mittlerweile haben auch die kommunistischen Planwirtschaftler in Peking erkannt, dass ihre Landsleute nur selten Sympathieträger sind. Die staatliche Reiseagentur CNTH gibt deshalb allen Auslandsreisenden eine 64-seitige Benimm-Broschüre an die Hand, in der zum Beispiel davon abgeraten wird, „Schwimmwesten im Flugzeug zu klauen“. Wer besonders unangenehm auffällt, wird sogar auf eine Schwarze Liste gesetzt, die im Netz einsehbar ist. Ob die Umerziehung zum „liebenswerten Touristen“ wirkt?

Am 1. Oktober beginnt in China die nächste Reisesaison.