Wenn das Ticket wertlos ist

Wer Flüge bucht, zahlt das Ticket lange im Voraus - das birgt Risiken.
Wer Flüge bucht, zahlt das Ticket lange im Voraus - das birgt Risiken. © Foto: dpa
Von Thomas Wüpper 13.01.2018

Die Pleite von Air Berlin trifft rund eine Million Gläubiger. Der Insolvenzverwalter der vormals zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft, Lucas Flöther, hat daher viel zu tun. Allein beim Ferienflieger Niki, der zu Air Berlin gehörte und Mitte Dezember unerwartet den Betrieb einstellte, wollen nun mehr als 400 000 Kunden ihr Geld für bereits bezahlte Tickets zurück. Es geht insgesamt um dreistellige Millionenbeträge.

Viele Betroffene werden ihre Vorauszahlungen kaum wiedersehen. Wer Flüge vor dem 15. August, dem Tag des Insolvenzantrags von Air Berlin, gebucht und bezahlt hat, wird vermutlich leer ausgehen, weil kaum Konkursmasse der hochverschuldeten Airline vorhanden ist.

Wer danach buchte, soll sein Geld von Treuhandkonten zurückbekommen, auf denen die Vorauszahlungen geparkt wurden. Die Details sind aber noch unklar.

Bei den Pleiten zahlen Reisende wieder mal teures Lehrgeld. Besser gestellt sind alle, die über Veranstalter wie Tui eine Pauschalreise mit Air Berlin oder Niki gebucht haben. Hier muss der Veranstalter für Ersatzbeförderung und Entschädigung sorgen. Zudem dürfen Veranstalter nur einen Teil des Preises vor Reiseantritt fordern und die Anzahlung erst kassieren, nachdem der Kunde einen Sicherungsschein bekommen hat.

Dieser Schein garantiert, dass ein spezieller Versicherer die Anzahlung an den Kunden zurückerstattet, falls der Veranstalter pleitegeht. Auch das kann passieren, wie erst kürzlich die Insolvenz von JT Touristik gezeigt hat. Das Berliner Unternehmen hatte keinen Insolvenz-Versicherer mehr gefunden, musste aufgeben und wurde inzwischen vom Handelsriesen Lidl übernommen.

Bei reinen Flugbuchungen sind die Vorauszahlungen der Kunden dagegen nicht abgesichert. Anders als Veranstalter, für die seit Jahrzehnten das strenge Pauschalreiserecht gilt, müssen Airlines ihren Kunden keinen Sicherungsschein übergeben. Es existiert auch kein Sicherungsfonds, der einspringt und Kunden entschädigt, wenn ein Anbieter pleitegeht. Im Online-Zeitalter kassieren Airlines den kompletten Ticketpreis sofort bei Buchung, selbst wenn der Flieger erst ein Jahr später startet. Experten halten den fehlenden Insolvenzschutz bei Einzelbuchungen für ein Unding. „Eine Schlechterstellung gegenüber Pauschalreisenden ist sachlich nicht gerechtfertigt“, kritisiert Professor Anusch Alexander Tavakoli, Wirtschaftsjurist der Hochschule Pforzheim.

Mit der Vorkasse, die es so in keiner anderen Branche gebe, verschaffe sich die Branche „kostenlosen Kredit“, sagt der Experte. Das Risiko des Totalverlustes im Insolvenzfall trage einseitig der Reisende. Eine Insolvenzsicherung zum Schutz der Passagiere sei daher „überfällig“. Schon 2013 habe die EU-Kommission dringenden Handlungsbedarf angemahnt. Doch passiert ist bisher wenig, trotz zahlreicher Pleiten.

Auch in der Reisebranche, der die jüngsten Pleiten viel Ärger beschert haben, wächst der Unmut über hohe Anzahlungen und undurchsichtige Flugpreise. Der Deutsche Reiseverband (DRV) plädiert für einen Insolvenzschutz wie bei Pauschalreisen. Wünschenswert sei eine europa- oder weltweite Regelung, sagt DRV-Präsident Norbert Fiebig.

Im Verband vertretene Reisebüros dringen dagegen auf eine rasche Lösung. „Zahlungen für Flugbuchungen sollten maximal 30 Tage im Voraus zulässig sein“, fordert Egon Dobat, geschäftsführender Gesellschafter der Air Travel Service (ATS) in Berlin. An Fonds-Lösungen, die immer wieder diskutiert werden, glaubt der erfahrene Unternehmer nicht. Schon vor 20 Jahren sei der Vorschlag eines „Ticketgroschens“ zur Absicherung der Vorauszahlungen am Widerstand vor allem der Lufthansa gescheitert.

Die Airlines argumentieren bis heute, bei einem Sicherungsfonds zahlten sie für Pleiten unsolide arbeitender Unternehmen mit. Da eine Branchenlösung fehlt, sehen Experten die Politik in der Pflicht, endlich für besseren Verbraucherschutz zu sorgen. Die bisherige Bundesregierung hat zumindest angekündigt, nach der Pleite von Air Berlin strengere Regeln für Airlines durchzusetzen.

Man sei „zur Frage einer verpflichtenden Insolvenzabsicherung mit den betroffenen Kreisen und der Europäischen Kommission im Gespräch“, sagt eine Sprecherin des bisherigen Justiz- und Verbraucherministers Heiko Maas (SPD). Bei den Beratungen über die Fluggastrechte in der EU soll „geprüft“ werden, ob eine Insolvenzabsicherungspflicht in die Verordnung aufgenommen wird. Das klingt nicht so, als stünde das wichtige Verbraucherschutz-Thema weit oben auf der politischen Agenda.