Der Mensch bleibt sich gern treu. Wer auf Camping steht, wird immer wieder das Zelt einpacken. Fans von Ferienwohnungen und -häusern buchen gern erneut die Immobilie auf Zeit. Und wer sich in Mittelklassehotels wohlfühlt, sucht sich bevorzugt eine Urlaubsadresse im Drei-Sterne-Bereich. Touristiker kennen diese ehernen Gesetze des Reisens. Eine zu große Abweichung schafft Unsicherheit.

Aber manchmal müssen die Regeln außer Kraft gesetzt werden. Etwa wenn man zu erschöpft ist, um Kompromisse zu machen. Jede Menge Stress im Beruflichen wie im Privaten, da muss Erholung sein. Und zwar an einem Platz, für den folgende Kriterien gelten sollen: Gutwettergarantie und ein Hotel in unmittelbarer Strandnähe, das keinerlei Wünsche übrig lässt.

Die Wahl fällt auf ein Haus, das zum Urgestein des Inseltourismus gehört. Es firmiert heute als Designhotel. Lobby und Halle wirken wie aus „Schöner Wohnen“. Man darf wählen, ob man ein Zimmer in Beige-Braun, Türkis-Gelb, Koralle-Blau oder Violett-Türkis will. Es gibt drei Pools, dazu eine Gartenoase im Schatten eines Haines von über hundertjährigen Palmen. Auch die Wellnessabteilung ist vom Feinsten. Und die drei Restaurants servieren vorzügliches Essen. Alles perfekt also. Die Ferien werden wundervoll. Der riesige Flachbildfernseher wird kein einziges Mal eingeschaltet. E-Mails bleiben ungelesen und Nachrichten ungesehen. Dafür wird jeden Morgen vor dem Frühstück lange geschwommen. Und jeden Abend ist Saunazeit. Wenn die anderen fast alle schon beim Essen sind. Was sonst noch passiert? Lange Strandspaziergänge, Wellenbäder im Atlantik, Ausflüge mit den hoteleigenen Rädern.

Man hätte in einem Designhotel vielleicht Hipster und Kreative mit Vollbart erwartet, aber davon kann keine Rede sein. Das Durchschnittsalter der Gäste ist hoch. Zu den Gästen zählen ein ehemaliger Fußballgott sowie pensionierte Vorstände großer deutscher Banken, die inzwischen im Aufsichtsrat von Lebensversicherungen sitzen. Sie tragen teures Tuch und ihre Gattinnen schicken Fummel oder gewollt trendige Klamotten, die ihre Labels mit Buchstaben so groß wie auf Wegweisern ausweisen. Dazu funkelt jede Menge Bling-Bling-Schmuck, echt und falsch.

Aber Europas Elite ist alt geworden, vielleicht weil die Jungen heutzutage einfach nicht mehr genug Kohle verdienen. Manche der betagten Herren sehen allerdings aus wie kleine Buben, die einfach nur stark gealtert sind. Die Frauen dagegen erfüllen das im Familienjargon sehr salopp bezeichnete Kriterium des „letztmalig aufgetakelten Schraubendampfers“. Sie haben sich 1960 eine Tankfüllung Duftwasser à la „Je ne regrette rien“ („Ich bereue nichts“) gekauft und baden allmorgendlich in diesem harzig-strengen Parfüm, bevor sie damit den Pool aromatisieren.

Die Gespräche der Damen kreisen um das Angebot in der Hotelboutique und die Beschwernis, dass man sich gleich wieder von der Liege zu Tisch schleppen muss. Die Männer sagen meistens gar nichts, lesen Wirtschaftszeitungen oder verfolgen die Börsenkurse via Smartphone. Ist das Ganze ein Einzelfall? Mitnichten. Eine Umfrage im Freundeskreis führt zu folgendem Ergebnis: Jeder war irgendwann schon mal in einem Luxushotel. Sei es aus beruflichen Gründen oder weil es etwas Besonderes zu begehen, zu feiern oder für sich selbst auszuprobieren galt.

Allerlei Anekdoten sind zu hören. Von einem Protzpalast an der Riviera, wo als Matrosen verkleidete Angestellte hinter der Hecke darauf lauerten, jedem, der dem Pool entstieg, in einen vorgewärmten Bademantel zu helfen. Von Russen, die ihre Supersuiten in der Hotellegende eines Kurbades in private Spielcasinos verwandelten. Von einem Schweizer Grandhotel, in dem ein Hund in Smoking und Lackschuhen in den Speisesaal geführt wurde.

Fast überall ist das Durchschnittsalter der Gäste hoch, die wenigen Kinder wirken zwischen ihnen wie exotische Wesen. Immer auch ist alles perfekt, jedenfalls aus der Sicht von Normalverbrauchern. Aber jenseits der Perfektion fehlen die bleibenden Eindrücke des Besonderen. Das Fazit: Luxus und Langeweile liegen ganz nah beieinander. Das Abenteuer wartet anderswo.

Das Beste am Hotel jedenfalls war der Mann für Yoga, Tai-Chi und Poolgymnastik. Bei der Wassergymnastik ließ er coole Clubmusik laufen. Passte gut. Wo kann man sich schon so jung fühlen wie unter solventen Senioren?