Hamburg, „Strand-Pauli“: Der Beachclub an der Elbe mit coolen Drinks und Sounds, Liegestühlen und bestem Blick auf vorbeischippernde Kreuzfahrer und Container-Dampfer. Doch seit Kurzem sind nicht mehr allein diese Riesenpötte der Blickfang, sondern im Hinterhof des Beachclubs geparkte, rot-weiße Kinderbadewannen. So sehen sie auf den ersten Blick aus - seifenkistenartige Gefährte auf Gokart-Rädern, mit Außenspiegeln, klein wie Scheckkarten, mit Fahrradlampen vorn und Stummel-Spoilern hinten. Moment mal - damit in Hamburgs rummeligen Straßenverkehr? Zur Stadtrundfahrt? „Klar“, sagt Franz Wesser, Miterfinder der Hot Rod City Tours, „unsere Cars haben Zulassung - hier, Auto-Nummernschild mit allen Plaketten ist dran.“ Vorm Start bittet der 37-Jährige zur Fahrschul-Viertelstunde an der Verleihstation: Vorsichtig von oben mit ausgestreckten Beinen ins Cockpit hineingleiten. Aha, rechts Gas, links Bremse, aber keine Kupplung. Lenkung ohne Servo, reagiert aber zackig auf kleinste Bewegungen. Helm auf (ist Pflicht!), kurz noch Funkverbindung zu Marek, dem Guide, checken. Er fährt voraus, vier Tour-Teilnehmer hinterher. Und los!

Der 14-PS-Motor röhrt hinterm Sitz, die Badewanne ist sofort auf Speed. Und jeder Fahrer ameisenklein. Die Sightseeing-Konkurrenz im Doppeldeckerbus wirkt wie eine rote Hauswand. Irgendwo da oben winken Menschen aus dem Fenster. Der Seifenkisten-Pilot hingegen sitzt mit seinem Hintern nur Zentimeter überm Asphalt. Da dieser in Hamburg mehr Löcher als Teer enthält, merkt man - aua,ah,oh -, dass das Kunststoff-Cabrio ungefedert über die Straße rumpelt. Ab Tempo 50 gibt’s eine Vibrationsmassage für den Hintern und Gesichtspeeling gratis - mit Staub und Sand, aufgewirbelt von vorausfahrenden Fahrzeugen.

Der Guide erzählt im Vorbeifahren von Hamburgs Millionengrab, der Elbphilharmonie, hat gute Geschichten parat aus Hamburgs Rotklinker-Lagerhaus-Ensemble, der Speicherstadt, und empfiehlt das Portugiesen-Viertel gegenüber mit seinen leckeren Restaurants. Alles Tipps, die per Funk zwar im Helm-Kopfhörer ankommen, aber nicht gleich im Kopf. Denn der ist mit Fahren beschäftigt. Zum Blinken rechts den grauen Schieberegler nach oben, abbiegen. Warum fuchtelt Marek jetzt mit der Hand in der Luft herum? Ach so, Blinker wieder ausschalten. Stopp an der Ampel. Die springt um auf Grün, aber die Gruppe kann nicht weiter, ist umlagert von Neugierigen, die ihre Fotohandys gezückt haben und knipsen wollen - die tollkühnen Männer in ihren liegenden Kisten.

Endlich, drüben auf der anderen Elbseite im ausgestorbenen Hafengelände bei Schuppen 53 kann man Gas geben. Der Einzylinder-Motor bringt die 120 Kilo leichte Kunststoff-Kiste auf maximal 88 Kilometer pro Stunde. „Aber keinen mehr, denn ab 89 müsste das Gefährt Kotflügel haben“, sagt Franz Wesser und erzählt beim ersten Stopp, wie sein Partner Maik Wenckstern zwei Jahre lang mit dem Tüv um eine Zulassung für seine Hot Rods rang. Der Name steht für aufgemotzte Nachbauten von US-Modellen der dreißiger und vierziger Jahre. Nach einigen Aufsitzrasenmäher-Rennen und reichlich Bier hatte der gelernte Florist, Finanzwirt und Motorradbastler Wenckstern die Idee, einen „Wenckstern“ zu bauen - auf Basis eines 1932er Ford Revolver. Den schrauben in seiner Manufaktur in Norderstedt bei Hamburg inzwischen 14 Mitarbeiter serienmäßig zusammen. Alle zwei Tage rollt so ein fertiger Hot Rod auf die Straße, meistens für den Einsatz in Sightseeingtouren. Gut 20 zumeist nach Kundenwunsch designte Kisten hat Wenckstern aber auch schon verkauft - Stückpreis ab 12 900 Euro.

Die Hot Rod City Tour ist inzwischen auf Hamburgs Postkartenseite angekommen: einmal rund um die Binnenalster vorbei an Nobelhotels und der Einkaufsmeile Jungfernstieg, weiter entlang der Außenalster mit Spaziergängern, Joggern und weißen Booten auf dem glitzernden Wasser. Spätestens jetzt wird klar: Anders als bei üblichen Sightseeingtouren ist die Stadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten, ihrer Geschichte und Geschichten nicht Hauptattraktion, sondern prächtige Kulisse. Denn die Teilnehmer wollen nicht in erster Linie Hamburgensien hören, sondern viel lieber „Wencksterniaden“, also Geschichten rund um diese außergewöhnliche Stadtrundfahrt.

Franz Wesser liefert sie, gleich beim nächsten Stopp an der „Schönen Aussicht“, einer der besten Hamburger Adressen: „Hier hat uns auf einer der ersten Touren die Polizei gestoppt, wollte nicht glauben, dass wir eine Straßenzulassung für unsere Autos haben. Auch das Nummernschild überzeugte sie nicht, sie wollten die Rahmennummer sehen. Weil die unterhalb des Wencksterns eingraviert ist, mussten wir einen davon mit vier Mann hochheben.“ Inzwischen, so Wesser, hatte sich in der schmalen Villenstraße wegen der Verkehrskontrolle bereits ein Stau gebildet, erste Autofahrer begannen zu hupen. Daraufhin schalteten die Polizisten ihr Blaulicht an und fragten Wesser nun in aller Ruhe aus, wollten wissen, was das denn für eine coole Stadtrundfahrt sei und ob sie da auch mal mitfahren könnten.

Zwei Stunden dauert die Tour nun schon fast, vor allem für Menschen mit langen Beinen wird es allmählich etwas beengt in der rollenden Badewanne. Aber der finale Schlenker über die Reeperbahn muss sein. Schon allein, um von Marek noch zu hören, wie eine seiner Touren neulich fast in eine Schießerei hineinfuhr. Bei der Einfahrt an der Hot Rod-Verleihstation wird die Gruppe bereits gespannt erwartet - von den Gästen der nächsten Tour, die längst keinen Blick mehr für auf der Elbe vorbeifahrende Container-Riesen haben, sondern es kaum abwarten können, in die Badewannen zu steigen.

Info


Selbstfahrtouren mit Guide gibt es außer in Hamburg mittlerweile an 13 weiteren Standorten: Aschaffenburg, Berlin, Calw, Düsseldorf, Essen, Flensburg, Goslar, Ibiza, Koblenz, Mallorca, Salzburg, Sylt und Wien.

Die zweistündige Tour in Hamburg kostet ab 99 Euro inkl. Sturmhaube, Helm und Vollkaskoversicherung. Einzige Voraussetzungen fürs Mitfahren sind die Vorlage eines Führerscheins der Klasse 3 oder eine vergleichbare Fahrerlaubnis sowie 0,0 Promille.

Infos für Hamburg unter www.hotrod-citytour.de, Tel.: 01 57 / 71 80 11 54 und an der Verleihstation, Hafenstraße 89.
Kontaktdaten aller Verleihstationen in anderen Städten unter:
www.hotrod-citytour-hamburg.com/de/standorte.html.