Areopoli Tavernen im Winter

Areopoli / Nicole Quint 30.12.2017

Ein kleines Feuer schwelt im Olivenhain. Die Sonne lässt das Messenische Meer erstrahlen, aber sie wärmt nicht mehr. Die Türen der Tavernen sind fest verschlossen, und an den Hauswänden stapeln sich die Brennholzscheite. Die Fischer haben ihre Boote längst aus den Hafenbecken geholt. Nun stehen die Kutter, mit Planen bedeckt, in den Vorgärten und bieten den Dorfkatzen einen Winterunterschlupf.

Jetzt sind sie unter sich - die Manioten. Fast jedenfalls: Ein paar Rentner, Althippies und einige scheue Künstler leben zurückgezogen in den kleinen Bergdörfern der Mani. Und seit einiger Zeit kommen auch Winterflüchtlinge aus den kühleren Regionen Nordeuropas. Sie lösen die Pauschaltouristen ab, die von Ende April bis Oktober über die Flughäfen in Patras und Kalamata in den Süden der Peloponnes strömen. Wer jedoch erst im November den Weg dorthin findet, statt sich in die Tropen oder in die Karibik zu flüchten, der verreist auch im Sommer meist nicht, um sich eine Strandliege zu mieten oder einen Tauchkurs zu belegen. Wer das sucht, der wäre auch im Hochsommer falsch in der Mani, denn reine Sandstrände gibt es hier wenige und auch die typischen Vorstellungen eines Griechenlandurlaubs erfüllen sich hier zu keiner Jahreszeit.

Der Landstrich auf dem längsten der drei Finger der Peloponnes verströmt so gar keine Bouzouki-Romantik. Kalkweiße Häuschen erstrahlen andernorts vor märchenblauem Meer und auch Hera, Zeus und Athene haben sich in der Mani offenbar eher selten blicken lassen. Dafür ist die Natur hier wilder als in vielen anderen Gegenden Griechenlands. Die Felswände des Taygetos-Gebirges fallen steil den Küstendörfern entgegen. Feigen-, Orangen- und natürlich Olivenbäume wachsen auf terrassenförmig angelegten Feldern. Gelber Strandmohn blüht noch im November, und in den Bergen können sich Wanderer in riesige Wiesen wilden Oreganos legen. Überall sind Terrassen mit Olivenbäumen in die Hänge gebaut. Im Dezember beginnt die Ernte. Im Einheitsolivgrün leuchten hier und da rote, gelbe oder blaue Punkte auf. Wie achtlos auf ein Gemälde gekleckste Farbtupfer wirken die Erntehelfer, wenn man sich ihnen aus der Ferne nähert. Meist sind es Landarbeiter aus Albanien und Bulgarien, die schon seit vielen Jahren im Winter zur Olivenlese anreisen. Dutzendfach stapeln sich die prall gefüllten Jutesäcke auf den Feldern. Später werden sie alle zu den großen Olivenmühlen gefahren, wo nach traditionellem Verfahren Öl der Qualität „extra vergine“ gewonnen wird. Aber auch die Tafeloliven aus der Mani, die großen schwarzen Kalamata-Oliven, haben weltweit einen exzellenten Ruf. Auf den Märkten der Ortschaften sind sie überall zu kaufen und wer nette griechische Nachbarn hat, der wird mehr als einmal in den Genuss selbst eingelegter Oliven mit Zitrone und Knoblauch kommen. Quartiere in solch netter Nachbarschaft finden sich viele in der Mani. Einige Hotels und Pensionen heißen ihre Gäste ganzjährig willkommen, und auch an Ferienwohnungen und -häusern mangelt es nicht. Meist sind sie mit mehreren Balkonen ausgestattet, damit die Gäste sowohl den freien Blick zum Meer als auch den ins Gebirge genießen können. Einer, der die Ferienhäuser für seine Gäste alle selbst gebaut hat, ist Michaelis. Unter der Woche errichtet er Häuser für andere, an den Wochenenden kümmert er sich mit viel Herzblut und Liebe zum Detail um seine eigenen Bauprojekte. Mit seinen hellblonden, dünnen Haaren und den rot glänzenden Pausbacken entspricht er so gar nicht dem Bild des vermeintlich typischen Griechen. Tatsächlich sehen viele Manioten ebenso nordisch aus wie Michaelis und wie er haben sie in ihren Augen das gleiche blitzende Blau, in dem auch ihre See erstrahlt. Es sind der Messenische und der Lakonische Golf, die den 75 Kilometer langen Finger der Mani-Halbinsel umspülen und die zu jeder Jahreszeit dem Himmel als Spiegel dienen. Am Tage reflektieren ihre Wellen das Weiß der Wolken, nachts werden mit den Fluten Sterne an den Strand gespült.

Gemeinsam mit den Olivenbäumen, Feigenkakteen und Zypressen bildet das Meer eine einzigartige Landschaft, die einem keine andere Wahl lässt, als sie wandernd zu entdecken. Jahrtausende haben Meer, Wind und Wetter an der Mani gemeißelt und ihr so das spröde, oft vernarbte Gesicht verliehen. Die Manioten berichten jedoch, wenn es um die Entstehungsgeschichte ihres Landes geht, weniger von den Erosionskräften, dafür umso mehr von einem wahrhaft göttlichen Wurf: Als der liebe Gott die Welt erschaffen hatte, so heißt es, sollen ihm eine Handvoll Steine übrig geblieben sein. Die warf er einfach hinter sich und so entstand die Mani.

Vom Erschaffer ihres Landstrichs wollten die Manioten jedoch bis weit in das 9. Jahrhundert hinein nichts wissen. Wie erfolgreich die Christianisierung dann letztlich war, zeigt sich in den vielen byzantinischen Kirchen, kleinen Kapellen und den Höhlen, die sich Eremiten hoch in die Felshänge gegraben hatten. Ganz tief hinab und dann auch direkt in den Hades, in das Reich der Toten, geht es an einer anderen Stelle der Mani.

An der kleinen Bucht von Marmari soll der Eingang in die Unterwelt liegen. Dort stieg einst Orpheus hinab, um seine Eurydike zu suchen. Knapp drei Kilometer weiter erreicht man das Kap Tenaro, den südlichsten Punkt des griechischen Festlandes, und die Gegend um Porto Kagio, eine Brutstätte für Wachteln, Störche und viele Zugvögel aus Nordeuropa.

Auf Fahrten und Wanderungen durch die Mani stößt man immer wieder auf hohe Wohn- und Wehrtürme oder das, was an Ruinen von diesen Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts übrig blieb. Errichtet zum Schutz vor fremden Invasoren, lebten maniotische Familienclans darin. Mehr als 800 solcher Türme sind über die Mani verstreut, von denen einige bis zu 20 Meter hoch waren. Selten erhebt sich nur ein einzelner dieser Geschlechtertürme aus unverputztem Naturstein allein auf einer Hügelkuppe.

Meist ziehen sich ganze Reihe von ihnen die Felskämme entlang oder ballen sich zu einer großen Bastion zusammen. Vathia, an der Südspitze der Halbinsel gelegen, ist ein Beispiel für ein solches Turm-Dorf. Heute können in das einstige Seeräubernest friedliche Mani-Besucher einziehen, denn einige der Wohntürme wurden aufwendig restauriert und in Hotels und Ferienapartments umgewandelt.

Ein einziger Besuch in der Mani reicht nicht aus, um sie vollkommen zu erkunden. „Du brauchst drei Tage, um die Mani zu durchqueren“, behaupten die Manioten, „drei Monate, um in ihr umherzuwandern, und drei Leben, um ihre Seele zu verstehen.“ Und weil es tatsächlich viel Zeit braucht, Land und Leuten näherzukommen, kehren viele Winterflüchtlinge wieder zurück.

Wer zöge es denn auch vor, in den heißen griechischen Sommern bei rund 40 Grad auf den Maultierpfaden durch trockenes Land zu stapfen, wenn es bei kühleren Temperaturen um ein Vielfaches angenehmer sein kann?

Nicht zu unterschätzen ist auch der Vorteil der ungewöhnlichen Reisezeit, wenn es um Besichtigungen geht. Die nahe gelegenen antiken Stätten von Mykene, Epidaurus, Olympia und Sparta können Reisende im Winter garantiert allein besichtigen. Wen es also gereizt hat, zu dieser Zeit zu reisen, der wird wiederkommen. Vielleicht schon im März oder April, wenn die Obst- und Judasbäume in voller Blüte stehen, spätestens aber zum nächsten Winter, pünktlich zur Olivenernte.

Griechenland

Lage
Die Mani liegt im Süden der griechischen Halbinsel Peloponnes. Sie ist der mittlere der Finger und streckt sich 75 Kilometer weit ins Meer.

Anreise
Täglich Direktflüge von allen deutschen Großflughäfen nach Athen. Von dort mit dem Bus oder Auto nach Kalamata (3 Stunden Fahrzeit) und weiter in die Mani in einer Stunde.

Klima
Von November bis Februar ist mit mäßigem Regen zu rechnen. Bis zum Jahresende werden immer noch gut 20 Grad erreicht. Im Januar nähern sich die Temperaturen in den Küstenorten gelegentlich dem Gefrierpunkt. In den Bergregionen ist Wintersport möglich.

Unterkunft
In dem Fischerdorf Aghios Nikolaos bieten die Apartments „Mani Village“ einen schönen Blick auf den Messenischen Golf und das Taygetos-Gebirge. Diese und weitere Unterkünfte auf der ganzen Peloponnes sind zu buchen über www.wundertravel.com. Wunderbar gelegene Ferienhäuser und -apartments vermietet auch Elias Hontzeas www.stoupa-properties.gr; Yiota Koloveas,
www.skafidakia.gr; und Olga Nikoloudi, www.nikoloudiestate.gr.

Tipps
Kap Tenaro: Am südlichsten Punkt Griechenlands lassen sich auf Wanderungen der
Eingang zum Hades und die Ruine des
Poseidon-Tempels entdecken. Im Bezirk Lakoniens gibt es über 200 byzantinische Kapellen mit Wandmalereien und Fresken. Diros Höhlen: Mit Booten gleiten Besucher durch das Wasserlabyrinth von Griechenlands größter Tropfsteinhöhle.
Griechische Zentrale für Fremdenverkehr: www.visitgreece.gr

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