Schritte im Schnee

Von Claudia Diemar 05.01.2018

Sieben Uhr früh in Lingenau. Der Wecker klingelt viel zu früh, ist noch nicht auf Ferien umgestellt. Also noch einmal umdrehen und weiterschlummern. Zwei Stunden später geht es wirklich los. Zunächst mit dem Landbus nach Sibratsgfäll, das als Schneeloch der Region gilt und passgenau unter dicken weißen Polstern liegt. Doch der hier startende Weg nach Schönenbach ist gut ausgewiesen und die grellrosa Schilder für die Winterwanderer sind leicht zu erkennen.

Anwesen mit Schindelfassaden hocken in der Schneelandschaft. Alte Häuser mit silbrig blassem Schuppenkleid wechseln sich mit Neubauten aus noch honigfarbenem Holz ab. Die Schindelhäuser sind typisch für den Bregenzerwald. Ebenso wie sein weithin gerühmter Bergkäse und das niederschlagsreiche Wetter. Die Wolken hängen tief, aber noch bleibt es trocken. Herrliche Ausblicke, etwa auf den Hohen Ifen, hat die Wanderbeschreibung versprochen. Doch die Landschaft wirkt glanzlos, reduziert ihre Farben auf den Schnee, die schwarzen Scherenschnitte der Bäume, das Himmelsgrau.

Nach und nach verebben die Geräusche. Bald ist allein das Schnurren des Schlepplifts zur Krähenbergalpe zu hören. Dann ertönt das zögernde Winterlied eines Vogels, das Murmeln der Subersach in ihrem eisgesäumten Bett. Und die eigenen Schritte auf dem Schnee. Stille. Gut so.

Wandern von Ort zu Ort, mit organisiertem Gepäcktransport von Hotel zu Hotel, das ist nicht neu. Jedenfalls im Sommer. Im Winter dagegen ist das Angebot rar. In Österreich bietet allein der Bregenzerwald eine solche Pauschale
an und wirbt mit einer „ganz neuen
Erfahrung“. Dabei weiß man doch längst um den Sinn des Wanderns und die
„Entschleunigung“, die damit einher-
geht.

Das Vorsäß Schönenbach ist erreicht. Es ist Zeit für eine Pause. Für seine Käsknöpfle ist das Jagdgasthaus Egender berühmt und serviert die regionale Spezialität stilecht in einer „Gepse“, einem urigen Holzgefäß. Während man genüsslich kaut, drückt sogar die Sonne halbwegs durch das Grau. Beim Rückweg wirkt die Landschaft wie eine Bühne in sanftem Schneepastell.

Am nächsten Tag wird noch einmal die eisgrüne Subersach überquert. Nach Egg führt der Weg zunächst, von dort über den Weiler Unterbach weiter nach Andelsbuch. Schneller, als im Wanderprogramm angegeben, ist man da. Die gewonnene Zeit lässt sich im hiesigen „Werkraumhaus Bregenzerwald“ vertrödeln. Die „Wälder“ genannten Einheimischen machen nämlich nicht nur guten Käse, sondern sind seit Jahrhunderten auch als exzellente Handwerker bekannt. 1999 wurde der Werkraum Bregenzerwald gegründet. Seit 2013 präsentiert er sich in einem spektakulären Bau des Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor. Das Werkraumhaus versteht sich als Schaufenster regionaler Gestaltungskunst sowie als Forum, in dem sich Handwerker und Kunden inmitten schöner, solider Produkte treffen. Besucher sind willkommen, zumal es sogar ein Restaurant gibt. Da sitzt man inmitten des Wahren, Schönen und Guten gemeinsam an langen Tischen und speist zu günstigen Preisen. So kommt man leicht ins Gespräch und begreift schnell, dass die Wälder keine Hinterwäldler sind.

Schneefall setzt ein, also weiter, bevor das Gestöber noch dichter wird. Von Andelsbuch geht der Weg weiter auf der alten Wälderbahntrasse. Auf der nahen Landstraße zischen die Fahrzeuge vorbei. Erst als der kleine Stausee erreicht ist, knickt der Pfad ab und führt steil hinauf in den Wald, zurück zu sanfteren Lauten. Der Bezegg-Bach verläuft mal links, mal rechts des Weges, murmelt und gluckert unter Platten von Eis. Es hat aufgehört zu schneien, aber die Bäume werfen ihre Last als weiße Fetzen ab.

Am höchsten Punkt der Tagestour steht eine Gedenksäule an der Stelle, wo sich im Mittelalter das Rathaus der Wälderrepublik erhob. Es hatte keinen Zugang außer einer Leiter, auf der man über ein Fenster hineingelangen konnte. Und solange man sich nicht einig war, wurde die Leiter nicht wieder angestellt und man musste weiter beraten bis zum Konsens oder Kompromiss. Welch sinnvoller Brauch, den man sich für manchen heutigen Krisengipfel wünschen würde! In Bezau warten die warme Dusche und das gemütliche Hotelbett. Draußen schneit es heftig.

Am Morgen ist alles frisch überzuckert. Und die Sonne ist endlich auch da. Neben der Loipe führt ein fast ebener Spazierweg über die verschneiten Wiesen und Weiden von Bezau zur Talstation der Gondelbahn. Sie schnurrt hinauf nach Baumgarten auf 1631 Meter Höhe. Im Gipfelrestaurant kann man auf Wunsch einen Schlitten leihen und den Weg zur Mittelstation auf Kufen fahren. Aber heute ist auch der Fußweg auf seidenweichen zehn Zentimeter Neuschnee ein Vergnügen. Einige Bergahorn-Riesen stehen am Wegrand und sehen aus wie knorrige Wächter.

Mit jedem Meter nach unten wird es wärmer. „Viel zu warm für einen Wintertag“, meint ein Schneeschuhgänger, der flott bergan schreitet. Wieder im Tal beginnt der zweite Teil der Tagesetappe. Bis zur alten Kirche in Reuthe mit ihren schönen Fresken ist das Wandern ein Vergnügen. Dann aber beginnt es zu regnen. Ein Blick aufs Handgelenk und die Laune ist endgültig dahin: Die Armbanduhr ist irgendwo unterwegs abgefallen. Aber eine Suche im Schnee wäre wohl zwecklos und die Schultern sind ohnehin schon durchgeweicht. Die nette Rezeptionistin im Hotel verspricht, wegen der Uhr für alle Fälle das Fundbüro anzurufen. Dann endlich eine heiße Dusche, ein paar Saunagänge und viele lange Züge im Pool.

Am nächsten Morgen ruft die Dame vom Gemeindeamt an und meldet, am Wegrand sei gestern Abend eine Armbanduhr gefunden worden. Da ist sie wieder, die verloren geglaubte Zeit. Und auch die Wintersonne strahlt wieder, bei der kleinen Zusatztour nach Reuthe
zum Fundbüro. Ein unverhofftes letztes Pausenzeichen vor der Heimreise. Dann schmiegt sich die Uhr wieder ums
Handgelenk und die Zeit läuft. Morgen bereits hetzt sie vermutlich erneut im Galopp.

Bregenzerwald

Anreise
Mit dem Pkw sind es rund 250 km von Stuttgart in den Bregenzerwald. Mit der Bahn nach Bregenz, von dort mit dem Landbus weiter, www.vmobil.at
Steckbrief Bregenzerwald: nordöstlicher Teil des Bundeslandes Vorarlberg.
22 Dörfer mit insgesamt rund 30 000 Einwohnern und ebenso vielen Kühen. 200 km präparierte Winterwanderwege, 300 km Loipen und 263 km Pisten.

Winterwandern-Pauschale
4 Übernachtungen mit HP in ausgewählten
3- bis 4-Sterne-Hotels, Tickets für Bus- und Bergbahn, Gepäcktransport von Hotel zu
Hotel, Transfers zu Pkw oder Bus/Zug am Ende der Tour sowie Wanderkarten und Strecken-
beschreibungen pro Person im DZ ab 483 Euro. Das Angebot gilt vom 7. Januar bis 11. März.

Allgemeine Informationen
Bregenzerwald Tourismus, Impulszentrum 1135, A - 6863 Egg, Tel. 00 43 / 55 12 / 23 65,
www.bregenzerwald.at

CMT
Das erste Wochenende der Reisemesse CMT (13. bis 14. Januar 2018) widmet sich dem Thema Fahrrad- und Erlebnisreisen mit Wandern. Alle Anbieter sind in Halle 10 zu finden.