Schatzsuche in der Silberstadt

Helge Bendl 30.12.2017

Wer Schätze finden will, muss mit „Glückauf!“ grüßen und dann unter Tage gehen. Senkrecht fährt man ein, 150 Meter tief, was sich ziemlich lange anfühlt, obwohl es nur knapp eine Minute dauert. Weil man sich eben nicht in einem komfortablen Fahrstuhl langweilt, sondern in einem echten, ratternden Förderkorb steht. Darin ist so eng, dass man sich kaum bewegen kann. „Bitte nicht verloren gehen“, sagt zur Begrüßung in der Grube dann Peter Richter, der hier in den 1960er Jahren noch als Hauer gelernt hat. „Das Gestein unter Freiberg ist löchrig wie ein Schweizer Käse. Wer sich nicht auskennt, findet nie wieder raus.“

Die Warnung wirkt. Alle rücken brav zusammen und ziehen im Gänsemarsch durch die engen und niedrigen Stollen, im Licht der Grubenlampen und behütet von Helmen - glücklicherweise, denn so ziemlich jeder schlägt sich im Laufe der nächsten Stunde irgendwo den Kopf an. Nur nicht Peter Richter, der inzwischen 68 ist und im ehemaligen Erzbergwerk Himmelfahrt Fundgrube von der harten Arbeit der Bergleute erzählt. „Zu Anfang haben sie sich mit Schlegel und Eisen durch den Gneis gehauen, mit einem Kienspan als Geleucht, und kamen am Tag nur einen Zentimeter voran. Das war eine Schinderei! Zu meiner Zeit hatten wir zwar Maschinen und Sprengstoff, doch hart war die Arbeit immer.“

Das erste Silber wurde hier 1168 gefunden. In den folgenden 800 Jahren holten die Bergleute 8000 Tonnen kostbares Edelmetall aus dem Boden des Reviers. Zusammen haben die Stollen, Strecken, Schächte und Tunnels eine Länge von mehr als 2000 Kilometern: Freiberg entwickelte sich zu einer der wichtigsten Silberstädte Europas. Zwar war 1969 nach viel Auf und Ab endgültig Schicht im Schacht, weil sich der Erzabbau nicht mehr lohnte; die Technische Universität Bergakademie Freiberg, die älteste noch bestehende montanwissenschaftliche Bildungseinrichtung der Welt, nutzt die Himmelfahrt Fundgrube aber weiterhin als Lehr- und Forschungsbergwerk. Auch Touristen dürfen einfahren und die verborgene Welt unter Tage entdecken.

Wer Schätze finden will, kann in Freiberg aber auch an der Erdoberfläche bleiben. Beim Stadtfest im Sommer und beim Christmarkt vor Weihnachten ziehen Bergleute in ihren Uniformen paradierend durch die Stadt. Die Grafen der Mark Meißen und die sächsischen Kurfürsten, durch den Erzabbau reich geworden, haben auch die Stadt bedacht. Den prächtigen Dom zu Freiberg ziert die „Goldene Pforte“, ein reich verziertes Sandsteinportal. Neben einer wie ein frei stehendes Gewächs aufstrebenden Tulpenkanzel steht die Bergmannskanzel, die von einem Knappen und einem Steiger getragen wird. Über allem schwebt die große Silbermann-Orgel, das Hauptwerk des Freiberger Orgelbaumeisters.

Eine Schatztruhe ist auch das Schloss Freudenstein. Die Schweizer Sammlerin Erika Pohl-Ströher hatte ihre einzigartige Mineraliensammlung als Dauerleihgabe der Bergakademie überlassen. In der Ausstellung „Terra Mineralia“ sind 3500 Mineralien, Edelsteine und Meteoriten zu sehen - nur ein winziger Teil der Kollektion, denn über 75 000 weitere liegen nebenan im Depot. Sehr genial ist die Präsentation: Stundenlang kann man sich hier verlieren und die Vielfalt der Mineralstufen bestaunen. Steine aus der ganzen Welt sind zu sehen, in allen Farben des Regenbogens.

Verlässt man das Schloss Freudenberg, gelangt man über die Burgstraße in die historische Altstadt Freibergs. Hier weihnachtet es das ganze Jahr über. Die Auslagen der Andenkenläden sind voll mit Räuchermännchen, Nussknackern und Pyramiden. Die Erzgebirgische Volkskunst entstand einst aus einer Feierabendbeschäftigung der Bergleute und wurde zu ihrem eigentlichen Broterwerb, als sich die Erzvorräte in den Silberstädten dem Ende zuneigten. Wer beim Einkauf nach Warenzeichen mit dem Begriff Erzgebirge Ausschau hält oder das Logo eines kleinen Reiters auf einem Schaukelpferd auf dem Holz entdeckt, kann sicher sein, dass die Produkte in Handarbeit in der Region gedrechselt und geschnitzt wurden und nicht in China.

Am Obermarkt zieren mittelalterliche Patrizierhäuser den Platz um das Rathaus. Auf dessen Turm lässt ein Glockenspiel aus Meißner Porzellan zweimal täglich das „Steigerlied“ erklingen, die legendäre Hymne der Bergleute. Um die Ecke liegt eine altehrwürdige Konditorei. Eröffnet wurde sie 1911 von Kurt und Barbara Hartmann, und heute steht mit Pat und Katja Hartmann die vierte Generation in der Backstube. An der Theke und im kleinen Café, einem original erhaltenen Schmuckstück in kanadischer Kirsche aus dem Jahr 1926, gibt es Spezialitäten wie den Freiberger Bauerhasen oder die Freiberger Eierschecke. Pat Hartmann hat sich auch mit der Sammlung der „Terra Mineralia“ beschäftigt. „Ich habe mir die schönsten Stücke angeschaut, sie fotografiert und nachempfunden“, sagt der Konditor. So liegen nun Azurit und Amethyst in der Auslage, eine Druse mit Quarz und Achat, dazu das seltene blaue Cavansit auf weißem Stilbit. Seine Mineralienkollektion ist nicht nur schön anzuschauen, sondern knirscht auch nicht zwischen den Zähnen. Schließlich sind die bunten Schmuckstücke ganz aus Marzipan.

Sachsen

Anreise
Mit dem Auto über die A 4 und die B 101, mit der Bahn via Chemnitz oder Dresden
(www.bahn.de).

Unterkunft
Pension Schlegel, DZ ab 46 Euro, Tel. 0 37 31 / 21 38 51, www.pension-schlegel.de; Hotel am Obermarkt, DZ/F ab 89 Euro,
Tel. 0 37 31 / 2 63 70,
www.hotel-am-obermarkt.de

Sehenswertes
Die schönsten Steine zeigt die Ausstellung „Terra Mineralia“ (Eintritt 10 Euro, Tel. 0 37 31 / 39 46 54, www.terra-mineralia.de). In die Welt unter Tage taucht man im Silberbergwerk ein, Tel. 0 37 31 / 39 45 71, www.silberbergwerk-freiberg.de Die Silberstraße führt in Stollen und Schatzkammern, www.silberstrasse.de

Allgemeine Informationen
Tourist-Information, Tel. 0 37 31 / 27 36 64, www.freiberg-service.de,
www.sachsen-tourismus.de.

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