Auch wenn einem Leib und Leben lieb und teuer sind: In die Unterwelt darf man reisen. Allerdings nur in einer paradiesisch schönen Umgebung: So wie hier, am Rio Cambongo, der sich viele Hundert Meter ins Gestein gegraben und eine dicht bewachsene Schlucht geformt hat, in der Aloen blühen und Bananen wachsen. Vor allem aber nur mit einem erfahrenen Führer, der einen sicher in die Tiefe bringt und wieder hinauf. Damit man am Ende nicht ganz unten bei den Toten ankommt und ihnen auf immer und ewig Gesellschaft leisten muss.

Heute ist Tag fünf einer besonderen Tour. Sie führt drei Wochen lang durch ein Land, das sich nach vielen Jahrzehnten des Niedergangs endlich zu erholen scheint und Reisende immer wieder positiv überrascht. Es scheint, als seien wir jetzt endlich, endlich angekommen im Herzen Angolas, nach einer scheinbar nie endenden Fahrerei, mal über perfekte Teerstraßen, mal auf miserablen Schotterpisten. Das fühlt sich gut an. Denn es war ein schöner, aber auch recht langer Ritt.

Von Namibias Hauptstadt Windhuk in einem Rutsch nach Norden bis über die angolanische Grenze am Kunene-Fluss. 430 Kilometer durch Mopanewälder, vorbei an alten Gräbern der deutschen Schutztruppe und Baobabbäumen mit Einschusslöchern aus dem Ersten Weltkrieg. 320 Kilometer an den Atlantik nach Lobito. Ein Besuch des kolonialen Zentrums von Benguela, dann entlang der Küste bis kurz vor das Städtchen Sumbe. Der Aufbau der Zelte und des Camps ist nun Routine - wenn jeder mithilft, steht alles in knapp einer halben Stunde. Wir schlafen an einem einsamen Strand unter rauschenden Palmen.

Nun wird der Roadtrip zu einer aufregenden Entdeckungsreise. Olli Carstens, Besitzer von Buschmann Safaris und mehr Führer als Guide, zeigt den steilen Weg hinunter in die Schlucht des Rio Cambongo. Dort verbirgt sich eine Höhle von riesigen Ausmaßen. Wasser tropft von der Decke, Fledermäuse zirpen, und durch eine Öffnung in der Decke zaubert die Sonne einen blauen Lichtstrahl. Später geht es durch eine Landschaft voller Granitfelsen, die aussehen wie blank polierte Walrücken. Tagesziel ist der Rio Keve, wo Einheimische mit Pirogen fischen und die Cachoeira-Wasserfälle donnern.

Angola ist ein Land im Dornröschenschlaf: Wer kennt schon diese Schönheit des südlichen Afrikas, die im Verborgenen lebt, unentdeckt vom Tourismus? „Hier gibt es Wüsten mit Welwitschia-Pflanzen und wilde Savannen, tropische Wälder und schroffe Gebirge“, sagt Olli Carstens. 2009 organisierte er eine Pioniertour und kehrt seither Jahr für Jahr mit neuen Gruppen zurück. Die Kirchen und das bröckelnde Kolonialerbe aus der Zeit der Portugiesen stehen auf dem Programm, dazu Stopps an der Steilküste und an einsamen Stränden. „Jede Tour ist anders. Aber ich bin immer wieder aufs Neue davon begeistert, wie nett die Leute sind.“

Man reist also nicht durch ein „Herz der Finsternis“, auch wenn im Norden der Kongo in den Atlantik mündet. Angola war zwar lange auf schlechte Nachrichten abonniert: In den siebziger Jahren der Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Portugal, dann nach der Unabhängigkeit 27 Jahre Bürgerkrieg mit Landminen, Rebellen, Blutdiamanten, Chaos, Korruption. Seit 15 Jahren wird das Land von autokratischen Präsidenten regiert, doch immerhin herrscht seither Frieden. „Safari: Das heißt Tiere gucken. Expedition: Das bedeutet schwitzen, schwitzen, schwitzen - und immer ist es dreckig. Wir machen hier ja keinen Badeurlaub!“ Natürlich ist das übertrieben. Doch Olli Carstens zieht seinen Gästen gleich zu Beginn die Zähne: Jeder Teilnehmer soll wissen, dass man als Team unterwegs ist und die Tour durch Angola auch anstrengend sein kann. Schließlich wird das Camp jeden Tag an einer anderen Stelle aufgebaut, gezeltet wird wild im Busch. Akzeptable (und sehr teure) Hotels gibt es nur in den Städten. Auch wer Angola auf eigene Faust erkunden will, reist also besser mit Campingausrüstung.

Olli Carstens ist als Kind mit seinen Eltern nach Namibia gekommen und hat sich dort ein kleines Safariunternehmen aufgebaut. Der 58-Jährige ist ein Mann mit festem Händedruck und mächtiger Stimme, der sich um Political Correctness nicht schert, aber ein gutes Herz hat. Er führt die kleine Karawane an, die durchs Land reist.

Dass der Konvoi ein Lächeln auf die Gesichter vieler Einheimischer zaubert, liegt nicht nur daran, dass man sich hier noch wirklich über Besucher freut, sondern auch an seinem brummenden Oldtimer, einem echten Blickfang. Der zum Expeditionsfahrzeug umgebaute Magirus-Deutz-Lastwagen, ein fast 50 Jahre altes ehemaliges Löschfahrzeug der Deutschen Bundesbahn, klettert aus jedem Schlagloch wieder heraus. Dazu kommen zwei Teams von Selbstfahrern, die ihre eigenen Geländewagen steuern. „Viele Deutsche in Namibia kennen Angola aus den alten Zeiten. Oder sie haben Verwandte, die von ihren Urlauben vor der Unabhängigkeit schwärmen“, erzählt Olli Carstens. Deswegen sind bei der Tour auch einige Namibier dabei.

Dazu kommen einige viel gereiste Globetrotter und zwei Frauen mit einer ganz besonderen Beziehung zum Land. Die Eltern von Conny Lind und Marion Vidal waren deutsche Aussiedler und arbeiteten hier als Pflanzer und Kaufleute. Beide Frauen sind in Angola aufgewachsen und kehren nun zurück an die Orte ihrer Kindheit. „Mir kommen die Tränen“, gesteht Conny Lind, die hier bis zu ihrem 18. Lebensjahr gelebt hat. „Aus Glück, alles wiedersehen zu können. Aus Trauer, wie es heute in den Städten aussieht - im Krieg sind viele Menschen vom Land in die Metropolen geflüchtet. Und auch, weil so viele Erinnerungen hochkommen.“

Gründe, sich in Angola zu verlieben, gibt es immer noch. Die schönste Tages­tour führt vom Übernachtungsplatz an der Steilküste bei Pipas Bay über den Leba-Pass ins Hochland. Kurve um Kurve, Ausblick um Ausblick schraubt sich die Straße den Berg hinauf. Am Abend schlägt die Gruppe ihr Camp dann in Tunda Vala auf. Spektakulärer könnte der Abschied wirklich nicht sein: Hier blickt man von der Großen Randstufe mehr als 1000 Meter hinab ins Tiefland.

Angola


Anreise
Condor (www.condor.com) und Air Namibia (www.airnamibia.com) fliegen nonstop über Nacht von Frankfurt nach Windhuk in Namibia. Organisierte Angola-Touren starten in
Windhuk. Wer auf eigene Faust unterwegs
ist, mietet hier einen Geländewagen.

Einreise
Das Touristenvisum (150 Euro) erhält man beim Generalkonsulat der Republik Angola in Frankfurt. Nötig ist u. a. der Nachweis einer Gelbfieber- und Hepatitis-Impfung (Telefon 069 / 66 05 37 80, www.generalkonsulat-
angola.de). In das Nachbarland Namibia
können Deutsche visumfrei einreisen.

Klima
Der Süden des Landes ist heiß und trocken.
An der Küste rund um Luanda und im Norden ist es tropisch schwül. Angenehm kühl ist das Hochland. Die besten Reisemonate sind Mai bis Oktober: In der Trockenzeit sind die Temperaturen angenehm und die Straßen in einem besseren Zustand als in der Regenzeit.

Touren
Buschmann Safaris bietet zwei deutsch geführte, 23-tägige Angola-Touren im Juni und September 2018. Gezeltet wird in der freien Natur, das Fahrzeug hat Dusche, Wasserfilter und Ladestation. Teilnehmer müssen „buschfest“ sein und im Camp mithelfen (3151 Euro p. P. ab/bis Windhuk inkl. Vollpension, Tel. 0 02 64 / 61 23 02 92, www.buschmann-safaris.de).
Offroad-Enthusiasten gehen mit dem südafrikanischen Anbieter Live the Journey auf Tour. Highlight: 90 Kilometer entlang der Küste. Wer im Sand steckenbleibt, muss zusehen, wie das Meer sein Auto verschlingt (zehn Tage 1200 Euro p. P. zzgl. Mietwagen, Tel. 00 27 / 21 / 8 63 64 00, www.livethejourney.co.za).

Allgemeine Informationen
Praktische Reisetipps auf Englisch bietet das Angola-Handbuch von Bradt Travel Guides (17 Euro,
www.bradtguides.com).