Chicago / DPA

Nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 in Äthiopien erteilten Luftfahrtbehörden in Europa, Australien und weiten Teilen Asiens Flugverbote für alle baugleichen Maschinen. Zahlreiche Airlines legten die Flugzeuge am Dienstag wegen Zweifeln an der Sicherheit der Baureihe ebenfalls zunächst still.

Damit ist gut die Hälfte der seit 2017 ausgelieferten rund 350 Flugzeuge aus dem Verkehr gezogen. Es drohen zahlreiche Flugausfälle.

Nach dem Absturz einer Passagiermaschine in Äthiopien mit insgesamt 157 Todesopfern hat die nationale Fluggesellschaft am Montagmorgen ein Startverbot erteilt.

Ausreichend Ersatzflugzeuge und Reserven

Das Flugverbot bleibt für die Passagiere zunächst ohne gravierende Folgen. Nach Einschätzung von Experten sind derzeit ausreichend Ersatzflugzeuge und Reserven vorhanden, so dass größere Störungen im Flugbetrieb verhindert werden dürften. Das erst 2017 eingeführte Modell sei noch nicht so stark im Markt vertreten, sagte der Airline-Berater Gerd Pontius der Deutschen Presse-Agentur.

Wartungsereignisse bei den anderen Maschinen könnten verschoben werden, eigene und angemietete Ersatzmaschinen an Stelle der Boeings fliegen. Vereinzelt würden die Airlines sicherlich auch Flüge streichen und die Gäste umbuchen.

Es kommt auf die Dauer des Flugverbots an

„Wir befinden uns noch in der Wintersaison, in der es ausreichend Flugzeuge gibt“, meinte auch Gerald Wissel von der Airborne-Beratung. Es komme jetzt darauf an, wie schnell der Unfall in Äthiopien aufgeklärt und die richtigen Folgerungen daraus gezogen werden könnten. Sollte sich das Flugverbot bis in die Osterferien ziehen, werde es erste spürbare Kapazitätsprobleme geben, meinte der Experte.

Nach seinen Angaben waren in Europa bis zur Sperre 70 Flugzeuge des Typs bereits im Einsatz und weitere 17 in der Auslieferung. Das falle bei gut 5300 Kurz- und Mittelstreckenjets auf dem Kontinent nur zu absoluten Saison-Höhepunkten ins Gewicht. „Im Sommer könnte es eng werden“, meinte Wissel, der allerdings mit einem nur wenige Wochen dauernden Flugverbot rechnet. Die entsprechende Verfügung der Deutschen Flugsicherung ist auf drei Monate bis zum 12. Juni befristet, könnte aber bei neuer Sachlage auch aufgehoben werden.

Norwegian als größter Betreiber der Max-Flugzeuge in Europa kündigte den Einsatz anderer Flugzeuge an. Flüge würden auch zusammengelegt, um die Folgen für die Passagiere möglichst gering zu halten, teilte die Gesellschaft mit. Die Gäste würden persönlich und über die Website informiert.

Flugfahrtbehörden und Airlines reagieren auf Abstürze des Flugzeugtyps Boeing 737 Max 8.

Verbot als „Vorsichtsmaßnahme“

Beim Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines in der Nähe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba waren am Sonntag 157 Menschen ums Leben gekommen, darunter auch fünf Deutsche. Im Oktober war eine Boeing 737 Max 8 in Indonesien abgestürzt und riss 189 Menschen in den Tod.

Aus Furcht vor weiteren Zwischenfällen wird der internationale Flugverkehr zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem am Dienstagnachmittag Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und weitere Staaten eine Sperrung ihres Luftraums für die Boeings angekündigt hatten, zog auch die europäische Luftfahrtbehörde EASA am Abend nach. Das Verbot gelte als „Vorsichtsmaßnahme“ für den ganzen europäischen Luftraum für die Typen Boeing 737 Max 8 und Boeing 737 Max 9, erklärte die EASA. Auch Neuseeland und die Vereinigten Arabischen Emirate - ein wichtiges internationales Luftfahrtdrehkreuz - verhängten für Maschinen des Typs Boeing 737 Max ein Flugverbot.

Bisher kaum Folgen in Deutschland

Die Sperre des deutschen Luftraums für das Boeing-Modell 737 Max gilt für drei Monate. Bis einschließlich 12. Juni dürfe kein Flugzeug des Typs Boeing 737 Max 8 und Max 9 über der Bundesrepublik fliegen, erklärte die Deutsche Flugsicherung (DFS) in Langen bei Frankfurt.

Reisende an deutschen Flughäfen haben wegen des Flugverbots bisher kaum mit Einschränkungen zu rechnen. In Frankfurt am Main sind am Mittwoch von dem Flugverbot lediglich zwei Flüge betroffen. Dabei handelt es sich um einen Flug nach Warschau, wie ein Flughafensprecher am Mittwoch sagte. Die betroffene Maschine werde durch einen anderen Flieger ersetzt. Außerdem sei ein Charterflug nach Mazedonien gestrichen worden. Die Passagiere würden auf andere Flüge umgebucht.

An den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld gibt es nach Angaben der Flughafensprecher keine Beeinträchtigungen. Das Gleiche gilt für die Flughäfen Köln/Bonn in Nordrhein-Westfalen, Hannover in Niedersachsen, Leipzig/Halle und Dresden in Sachsen sowie für Hamburg. Auch auf den Betrieb an den Flughäfen München und Nürnberg gab es keine Auswirkungen.

Tui, Turkish Airlines und Norwegian Airlines

Der weltgrößte Reisekonzern Tui legt infolge des Flugverbots in Großbritannien seine 15 Flugzeuge vom Typ Boeing 737 Max 8 vorübergehend still, Turkish Airlines zwölf Flieger. Auch Norwegian wird ihre 18 Maschinen des Typs vorerst außer Betrieb nehmen.

Viele Länder folgen diesmal nicht - wie üblich - der Linie der US-Luftfahrtbehörde FAA. „Diese Untersuchung hat gerade erst begonnen, und uns liegen bislang keine Daten vor, um Schlussfolgerungen zu ziehen oder Maßnahmen zu ergreifen“, teilte die FAA mit. Die US-Behörde kündigte jedoch an, sie werde „geeignete Maßnahmen ergreifen, wenn die Daten darauf hindeuten, dass dies erforderlich ist“.

Keine kostenlose Umbuchung bei Angst vor Flugzeugtyp

Nach einem Flugzeugunglück steigen manche Passagiere mit einem mulmigen Gefühl in ein Flugzeug desselben Typs. Angst alleine ist aber kein Argument, wenn es um eine Umbuchung auf einen anderen Flug oder den Rücktritt von einer gebuchten Reise geht, sagt Reiserechtler Paul Degott.

Gibt es allerdings Hinweise darauf, dass das Unglück mit der Technik des konkreten Flugzeugtyps im Zusammenhang steht, könnten Passagiere es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen. „In diesem Fall ist das Argument stärker als nur ein dumpfes Angstgefühl“, so Degott. Ein Anspruch ergibt sich daraus zwar nicht automatisch. Jedoch stünden die Chancen gut, einen Rechtsstreit gegen Fluglinie oder Reiseveranstalter zu gewinnen, schätzt der Reiserechtler. In einem solchen Prozess könnten Flugreisende etwaige zusätzliche Kosten geltend machen.

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