Fest im Sattel, wenn der Winter naht

Von Christine Bilger 05.01.2018

Zögerlich geben die nebligen Wolkenschwaden den Blick frei. Nur das Klackern der langen Beine des Stativs eines ambitionierten Hobbyfotografen durchbricht die Ruhe vor dem großen Getrappel. Dann endlich - erst eins, dann zwei, dann viele, bald Hunderte Pferde strömen über den Hang. Vorneweg ein Grüppchen Reiter in wetterfester Kleidung. „þeir koma! They are coming!“ Sie sind da. Nach einem Sommer in der Freiheit des Hinterlands trotten die Pferde zurück zu ihren Höfen im Fjord. Es ist Ende September, doch in Island wünscht man sich um diese Zeit schon „Komm gut durch den Winter“. Die Fellfarben der Pferde in der nebligen Herbstlandschaft sind für Freunde der kargen Landschaft eine Augenweide an trüben Herbsttagen, die vom nahen Winter künden.

Laufskalarett heißt das, was sich auf einer Wiese an der Straße zwischen Holar und Hofsoss im Skagafjord abspielt, das Heimtreiben der Pferde ins Winterquartier. Wetterfest sind die gutmütigen Huftiere, zäh und ausdauernd, wie es das Land von Feuer und Eis allen Kreaturen abverlangt. Für den Winter kommen sie heim auf den Hof. 400 Stuten und 150 Fohlen werden geholt, mit Reitern und Gästen sind 2000 Pferde auf den Beinen.

Bier, Pferd und Gesang - so geht es zu, wenn der Großteil der Arbeit getan ist. Die Reiter sammeln sich am Rand der Sortieranlage, bald hat jeder ein Bier in der Hand, und dann wird klar, wofür die Menschen im Skagafjord berühmt sind. Zwei Dinge sind das: ihre Pferde und ihr Gesang. Kleine Grüppchen bilden sich am Rand des großen Steinkreises, und dann stimmen sie die alten Weisen an. Sie singen von Liebe, vom Land und vom Leben in der rauen Natur des nördlichen Islands, knapp südlich des Polarkreises. Dabei gilt ein klarer Dresscode: Der gute alte Wollpulli, aus der Wolle der eine Woche zuvor an dieser Stelle versammelten Islandschafe, ist wohl Pflicht.

Ganz nebenbei geht das Sortieren weiter. Die Pferde werden in ein rundes Gehege, gemauert aus grauem Stein, getrieben. In der Mitte ist ein Kreis, in den alle Tiere der Reihe nach kommen. Drum herum sind die Gatter der einzelnen Höfe, unterteilt wie Kuchenstücke ist das Ganze. Die Pferde werden nach ein paar Runden im Mittelkreis in das Abteil ihres Heimathofs getrieben. So ursprünglich und rustikal die ganze Prozedur anmutet, so hochtechnisiert geht es dabei zu: Mit einem weißen Scanner wird der Pferdehals abgetastet, bis es piepst und ein unter dem Fell implantierter Chip die Informationen über das Tier auswirft. Zwischendrin stehen reitbegeisterte Touristen und Gäste aus der Umgebung. Man kennt sich, man sieht sich, man singt und hilft sich. Die Gemütsruhe der Islandpferde lässt ein hautnahes Erleben zu. „Kommt ruhig rein!“, ruft der Züchter Gunnar uns zu. Und schon stehen wir inmitten der Pferde, die vom anstrengenden Ritt noch dampfen. Kein Treten, kein Schnappen, kein Scheuen. Diese Pferde sind die Ruhe selbst. Neugierig schnuffeln sie an den Jacken der Besucher, die so anders riechen als die Schafwollpullis der einheimischen Reiter. „Diese Tradition besteht seit etwa 1950, als das Pferd zunehmend auch für den Reitsport und die Freizeit genutzt wurde. Davor war es in erster Linie ein Arbeitstier“, erläutert Þórdís Anna Gylfadóttir von der Marketingagentur „Horses of Iceland“. In der Zeit von Juli bis September dürfen sich die jungen Pferde dort austoben. Sie sollen dadurch stärker werden und einen robusten Charakter entwickeln, wenn sie sich mit Artgenossen beim Spiel messen, sagt Gylfadóttir. Wie kommen Touristen in dieses bunte Treiben, das man nun wirklich noch als reine Sache der Einheimischen einordnen würde? Ganz einfach - sie reiten mit. Zahlreiche Höfe bieten Touren an: Zusätzlich zu Reiterferien mit Ausflügen kann der passionierte Islandpferde-Reiter nun auch bei der ganz normalen Arbeit des Pferdeabtriebs mitmachen, gute Reitkenntnisse vorausgesetzt.

Da das ganze Unterfangen auch ein gesellschaftliches Ereignis ist, kommt an den Tagen des Laufskalarett auch die Geselligkeit nicht zu kurz. Der beste Beweis dafür: die Party am Abend zuvor in der Reithalle von Saudarkrokur. Es wird früh dunkel im Herbst, an einem klaren, eisigen Abend reihen sich die Straßenlaternen der kleinen Stadt mit literarischer Berühmtheit wie eine Perlenschnur am Fjord entlang. Hier spielt Hallgrimur Helgassons Roman „Rokland“, aus seiner Feder stammt auch „101 Reykjavík“. Doch an diesem Abend spielen nicht Romanhelden die Hauptrolle, sondern, wie könnte es anders sein, die bezaubernden kleinen Pferde. Der Abend ist entspannt, es fließt wieder viel Bier. Das Programm in der Halle beginnt, wie könnte es im Fjord der Pferdezüchter und Sänger anders sein, mit dem Auftritt des örtlichen Männerchors. Von der Pritsche eines Lastwagens aus schmettern sie ihre Weisen. Da der Tourismus zwar noch sanft, aber merklich auch beim Laufskalarett eine Rolle spielt, werden alle Moderationen auf Deutsch und Englisch gesprochen.

Neben dem Stelldichein der erfolgreichsten Zuchtpferde und Reiter ist der Abend auch der Unterhaltung gewidmet. Der Höhepunkt ist ein Wetttölten hoher Funktionäre der isländischen Reiter- und Pferdezüchterwelt. Tölt, das ist die genetisch fixierte fünfte Gangart des kleinen Pferdes aus dem hohen Norden. Die Hufe rattern wie eine Nähmaschinennadel über den Boden, für den Reiter ein angenehmer Effekt: Der Rücken des Pferdes bewegt sich in gerader Linie, ohne Auf und Ab sitzt man im Sattel. „Wie in einem bequemen Sessel“, schwärmen Islandpferde-Fans. Die Herausforderung für die Wettreiter: Sie drehen ihre Runden in der Halle, eine Hand am Zügel, in der anderen ein randvolles Bierglas. Gewonnen hat, wer mit seinem Tier so harmoniert, dass er am wenigsten verschüttet. Wer dieses Spiel liebt, hat Einblick in die humorvolle Seele der Isländer genommen.

Nach drei Tagen im Mikrokosmos der Pferdezüchter bleibt im touristisch zunehmend überlaufenen Island eine Erkenntnis: Es ist noch möglich, ursprüngliche Erlebnisse fernab der Touristenmassen zu haben, auf dieser Insel, die zwischen Vulkanen und Gletschern der Ewigkeit so nah ist. Auf dem Rücken der Pferde ist noch Platz.

Island

Anreise
Die isländische Fluglinie Icelandair bietet
Direktflüge von München, Hamburg und Frankfurt zum internationalen Flughafen Keflavík (bei Reykjavík) an. Von dort geht es mit dem Bus zum Inlandsflughafen und weiter mit dem Flieger nach Akureyri im Norden. Mietwagen oder Gästeshuttle bringen die Reiter zum
Skagafjord.

Veranstalter
Eine viertägige Reitreise mit drei Tagen im
Sattel für erfahrene Reiter findet man bei
Riding Iceland (www.riding-iceland.com). Andrés Magnússon und Luka Dreiner bieten auf www.icelandhorsetours.de ein siebentägiges Programm an. Die Veranstalter organisieren die Unterkünfte auf den Höfen. Der Termin des Pferdeabtriebs ist das Wochenende vom Freitag, 28. September, bis Sonntag, 30. September.

Währung
Gezahlt wird mit Isländischer Krone, fast überall werden auch für kleine Beträge Kreditkarten akzeptiert. Das Preisniveau ist hoch.

Allgemeine Informationen
Das Portal www.horsesoficeland.is bietet zahlreiche Informationen rund um das Islandpferd und Veranstaltungen in dessen Heimat. Sehr empfehlenswert sind wegen der vielen beeindruckenden Fotos und Geschichten auch die Facebook- und die Instagramseite der Organisation Horses of Iceland. Auf www.visiticeland.com findet man allgemeine Informationen zu Island.

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