Chemnitz kann auch Postkarte. Am Schlossberg zum Beispiel. Dort hocken unter hohen Bäumen die Schlosskirche und das Schlossmuseum über einem See, die abschüssige Gasse den Berg hinunter säumen Fachwerkhäuser mit netten Wirtschaften. Nicht das, was man von Chemnitz erwartet, denn die Stadt steht im Romantik-Ranking nicht gerade oben, und auch im sächsischen Städtedreieck hat Chemnitz im Vergleich zum barocken Dresden und dem angesagten Leipzig eher die A(wie Aschenputtel)-Karte.

Einst das sächsische Manchester, also industrielastig, dann gerade deswegen im Krieg zusammengebombt, danach als Karl-Marx-Stadt sozialistisch heruntergewirtschaftet, nach der Wende erst mal abgewickelt. 60 000 Einwohner, rund ein Viertel, wanderten ab. Da soll der Reisende hin? Und was soll er da?

Zum Beispiel vom Schlossberg zehn Minuten weiterlaufen. Eine eher verfallene Straße entlang, wild wuchern Wald und Wiese daneben. Schon bald steht man vor einem Bau mit kaputten Fenstern und bröckelnden Fassaden, wild übersprayt. Die Schönherr-Fabrik.

Lous Ferdinand Schönherr war einer der Gründer der Chemnitzer Industrie. Er hat den ersten deutschen mechanischen Webstuhl entwickelt. Der Niedergang des Firmenimperiums begann im Krieg, setzte sich mit Demontage und Enteignung fort, nach der Wende sank die Zahl der Mitarbeiter noch einmal deutlich. Erhalten hat sich die weitläufige Anlage. Sie zeigt sich teilweise schick herausgeputzt. Der Mittelteil mit dem repräsentativen Uhrturm ist Standort für Büros, Geschäfte oder Kneipen. Im hinteren Teil gibt es noch Industrie, und die bisher unsanierten Gebäude nützen Clubs als angesagte Location. Palmen in Kübeln vor rohen Fabrikwänden - das hat morbiden Reiz. Es ist das Konzept, mit dem Chemnitz Anschluss an die Zukunft gewinnen will: das reiche industrielle Immobilien-Erbe, das meistens nur noch aus leer stehenden Gebäuden besteht, neu nutzen, um die Stadt lebenswerter zu machen.

In Chemnitz kann der Besucher viel entdecken. Schon die Liste der klassischen Sehenswürdigkeiten ist länger, als man vermutet. Da ist die Innenstadt. Sicher, nach ihrer Totalzerstörung im Krieg ist der wiederaufgebaute Teil um das Rathaus eher klein. Aber hübsch, und er kontrastiert mit Warenhäusern. Das sind nicht die üblichen Billigbau-Kästen, sondern sie zeigen die Handschrift von renommierten Architekten. Helmut Jahn hat seinem Bau eine Glasfassade gegeben, Hans Kollhoff seinem Einkaufszentrum mehr als 100 000 Ziegel vorgebaut.

Das passt zu Chemnitz. Die Stadt war immer ein Ort für neues Bauen. Sogar ihr Umspannwerk ließen die Chemnitzer im Bauhausstil errichten. Heute ist das eine der schönsten Jugendherbergen. Avantgarde-Architektur leisteten sich auch zwei Kaufhäuser, das Tietz und das Schocken. Sie gehörten jüdischen Familien, die namhafte Architekten wie Erich Mendelsohn bauen ließen - Warenhäuser, die heute als Ikonen der Moderne gelten.

Die Chemnitzer haben die ihren in den letzten Jahren aufwendig restauriert. Die Häuser haben eine wechselhafte Geschichte: Die Enteignung der jüdischen Besitzer, Kriegsschäden, Nutzung durch die DDR-Konsum-Betriebe, Leerstand. Jetzt sind dort die Museen für Naturkunde und Archäologie. Das SMAC (so nennt sich das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz ganz futuristisch) nimmt die kühn geschwungene Fassade des Schocken mit seinen durchgehenden Fensterbändern mit geschwungen Vitrinenwänden auf, die eine Warenhauspräsentation imitieren. Überhaupt, die Museen. Chemnitz hat sie im Dutzend. Natürlich auch ein Industriemuseum, im Ambiente einer Gießerei. Ein Museum, das die ganze Bandbreite der sächsischen Industrie zeigt wie eine Lok aus der Hartmann-Fabrik, auch ein ehemaliger Chemnitzer Großbetrieb. Wer es mehr mit der Kunst hat, wird zur Villa Esche pilgern. Henry van de Velde hat dort für den Strumpffabrikanten Herbert Esche ein Jugendstil-Traumhaus auf den Hügel gesetzt. Und wer gerne Bilder sieht, kann nicht nur in das Kunstmuseum gehen, sondern auch in das Museum Gunzenhauser. Es ist im ehemaligen Sparkassen-Hauptsitz, auch ein Bau der 20er-Jahre-Moderne.

Der Reiz von Chemnitz liegt in den Kontrasten. Ja, es gibt tatsächlich ganze Straßenzüge mit aufgegebenen Wohnungen. Fabrikanlagen, die vor sich hin verfallen. Große Straßenschneisen entlang von Plattenbauten. Dann aber auch wieder Parks und Wege im Grünen, einen Sandstrand am renaturierten Fluss. Die Stadt hat Potenzial. Wohin das führt, zeigt der Kaßberg. Ein Gründerzeitviertel, gut durch den Krieg gekommen, die DDR-Vernachlässigung souverän überwunden. Ein Mix aus Jugendstil, Klassizismus, Expressionismus, Neuer Sachlichkeit, Läden, Cafés, Restaurants. Eine Alternative zu den Schwarmstädten. Das Konzept der Chemnitzer, die sich jetzt als Kulturhauptstadt beworben haben, könnte aufgehen.

Chemnitz


Unterkunft
Biendo-Hotel, direkt neben der Innenstadt,
DZ ab 60 Euro, sachlich und solide.
www.biendo-hotel.de.
Kontrastprogramm im Grünen vor den Toren von Chemnitz:
Schlosshotel Klaffenbach,
Wasserschlossweg 6,
Vier-Sterne-Haus mit Burgenambiente,
DZ ab 98 Euro.
www.schlosshotel-chemnitz.de.

Vormerken
Für Wagner satt muss man nicht auf den Bayreuther Hügel. Die Chemnitzer Oper spielt im Jahr 2018 den ganzen „Ring“, Beginn ist am 3. Februar mit „Rheingold“, die „Götterdämmerung“ beschließt den Zyklus am 16. 12. Tickets und Infos unter www.theater-chemnitz.de

Allgemeine Infos
Tourist-Information Chemnitz
www.chemnitz-tourismus.de
Schönherrfabrik, Infos unter
www.schoenherrfabrik.de

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall Stadtplan (aus der Tourist-Info) in die Hand nehmen, durch Chemnitz kreuzen. Entdeckungen an jeder Ecke. Und ruhig mal auf den Opernspielplan gucken. Da gibt es immer ambitionierte Aufführungen.
Auf keinen Fall sich einer Stadtführung per Bus anschließen – öde.