Bräute des Windes, Töchter des Vulkans

Von Beate Schümann 05.01.2018

Die Besteigung beginnt im Naturpark auf 1200 Höhenmetern. Erst läuft der Wanderer an zarten Bodenblühern und mannshohen Besenheiden vorbei. Dann arbeitet er sich auf rutschigem Basaltsplitt in Schlangenlinien steil aufwärts. Auch Renato Goulart ist wieder unterwegs. Ihn treibt ein brennender Ehrgeiz auf den Giganten. Über 1800-mal ist der Bergführer schon auf die Kraterspitze gerannt und will die 2351 noch vollmachen; so viele Höhenmeter hat der Gipfel. Wofür er mit seinen Wanderern sechs Stunden benötigt, schafft „Stahlwade“ in anderthalb. Derzeit trainiert er für den Azores Trail Run, den Marathon mit Vulkanroute, der Ende Mai stattfindet.

Der Pico ist der höchste Berg Portugals, und er liegt mitten im Atlantik. Die zweitgrößte Azoreninsel heißt nicht umsonst wie er. „Er ist die Insel“, sagt Flamínio Alberto Costa. Der mächtige Kegel macht sich so breit, dass er den Menschen zum Leben nur den schmalen Küstenstreifen lässt. Gespuckt habe er seit Ewigkeiten nicht, so Costa. „Aber er lebt, er schläft nur“, erklärt der gebürtige Picaroto, der Experte für Vulkanismus und ebenfalls Bergführer ist. Auch an der Küste hat der Vulkan Spuren hinterlassen. Als der Feuerberg vor zweieinhalb Jahrhunderten zuletzt ausbrach, machte er über Nacht Lebenswerke zunichte. Mehrmals walzten glühende Basaltmassen über den Boden. Zurück blieben seltsame Formationen wie Schlauch-, Wulst- und Stricklava wie bei São João, Prainha und Lajido de Santa Luzia.

„Basalt ist unsere Lebensform“, sagt Costa. Denn nicht nur Schreckliches kam vom Vulkan. Die Picarotos nutzen ihn als Baustoff für ihre Häuser und die raffinierten Mauern, mit denen sie ihre Reben bis heute vor dem scharfen Seewind schützen. Wie ein engmaschiges Spinnennetz überziehen hüfthohe Parzellen am westlichen Küstensaum von Criação Velha und der Zona de Adegas. Die ungewöhnliche Weinlandschaft gehört seit 2004 zum Unesco-Welterbe, ein Qualitätsweingebiet ist Pico bereits seit 1994. Der wärmespeichernden Lava verdankt der weiße Verdelho seinen guten Ruf, der Süßwein von Lajido ist eine Spezialität.

Wer nicht genug vom Vulkan bekommen kann, kann sogar in seine Eingeweide vordringen. Durch ein zugewuchertes Einsturzloch steigt der Besucher mit Schutzhelm und Stirnlampe in die Gruta das Torres zu einem Rundgang in völlige Dunkelheit. „Auf Pico sind 130 Höhlen identifiziert“, sagt Luís Freitas, der geologische Höhlenguide. Diese sei mit fünf Kilometern die längste.

Auf den neun Azoreninseln kommt man überall mit unterschiedlichen vulkanischen Phänomenen in Berührung, am intensivsten auf den Zentralinseln Pico, São Jorge und Faial, dem sogenannten Triângulo. Töchter des Windes, Bräute des Vulkans - die Inseln verdanken ihre Existenz vulkanischer Kraft, ihre Entdeckung dem Wind. Er war es, der portugiesische Karavellen von ihren Routen abbrachte und 1427 zu Santa Maria trieb. Bis 1452 sichteten die Seefahrer auch die acht anderen. Die Landkleckse auf dem glitzernden Ozean sind allerdings nur die Spitzen einer submarinen Gebirgswelt. Tief unten treffen die drei tektonischen Kontinentalplatten aufeinander, die an den dünnen Stellen aufbrechen und glühendes Magma emporschleudern können. Das geschah vor vier Millionen Jahren. Plötzlich gab es im Atlantik 2326 Quadratkilometer mehr Land.

Mit der Fähre sind es nur 30 Minuten nach São Jorge. Auch dort hat der Aufruhr der Elemente eine eigene Anatomie hinterlassen, die Fajãs, Lavazungen, die sich an den Rändern der Steilküste gebildet haben. Weit über 40 wurden damals nach vulkanischen Eruptionen auf dem Weg ins kalte Meer gestoppt und später von Pflanzen überwachsen - heute sind es einsame Plätze für Philosophen, Träumer oder Kaffeesträucher.

Das Gefühl für Zeitlosigkeit lernt man auf den kleinen Inseln schnell kennen, und diese hat keine 250 Quadratkilometer. Die besten Grundstücke auf São Jorge gehören den Rindern. Wo sich andernorts Ortschaften dicht an dicht formieren, grast hier das Vieh. Tausende Kühe sorgen so für den Rohstoff des berühmten Käses Queijo de São Jorge. Während auf Faial Hortensienmauern die Weideflächen einfassen, trennt hier die Besenheide die Koppeln ab. Die knorrige, bis zu drei, vier Meter hohe Erica Azorica gibt der ohnehin rau wirkenden, grünen Landschaft einen noch raueren Anstrich.

Grasgrün ist für São Jorge die charakteristische Farbe, für Pico Basaltschwarz, für Faial Aschegrau, jedenfalls im Inselwesten. An der Pfarrkirche des Hauptortes Horta bietet sich Taxifahrer Tony Carvalho, der eigentlich António heißt, aus dem offenen Fenster für eine Inseltour an. Zu Tonys Programm gehört immer der Inselwesten, wo man einem besonderen Bild der Naturgewalten begegnet.

„Die Erde bebte und zitterte wochenlang wie ein Mehlsieb“, erinnert sich Senhor Tomás Matos im Ort Capelo, der den Vulkanausbruch als junger Mann beobachtet hatte. „Aschefontänen von 2000 Meter Höhe schossen aus dem Meer“, berichtet er fasziniert von dem spektakulären Schauspiel, das sich am 27. September 1957 ereignete. Halb Faial machte sich damals auf, um den Tanz des Vulkans zu sehen. Er schleuderte das Magma so hoch, dass es unterwegs erkaltete und steinhart zur Erde fiel. Ein Jahr lang spuckte der Vulkan. Dann erlosch er. Zurück blieb graue Verwüstung. Der Leuchtturm versank in Asche. 2008 wurde der Turm freigeschaufelt. Im verschütteten Untergrund dokumentiert ein modernes Besucherzentrum den Kraftakt der Natur, auch das schwere Erdbeben von 1998. Den Ausbruch in seinen zehn Phasen macht eine Hologramm-Show eindrucksvoll sicht- und hörbar. „Schlimmer als die Zerstörung der Häuser war aber, dass der Boden durch die Asche auf Jahre unfruchtbar wurde“, sagt Salome Menezes, Geologin des Museums. Das sei der Hauptgrund für die starke Emigration gewesen. Angst vor den Vulkanen hat Menezes nicht. Im Gegenteil, sagt sie: „Wären sie nicht, wären die Inseln nicht.“

Zurück in Horta rät Tony, unbedingt zur Marina zu gehen. Elegant und gischtweiß dümpeln die schnittigen Jachten. Für Atlantiküberquerer ist Faial eine Pflichthaltestelle. Nach Tagen auf hoher See betreten Segler und Weltenbummler erstmals wieder festen Boden. „Wir füllen unsere Kombüsen auf, erledigen Reparaturen“, sagen Jasper und Nicols aus Belgien. Unten an der Mole, wo Skipper vor dem Auslaufen ein Gemälde auf der Kaimauer hinterlassen, um für gute Fahrt zu bitten, blickt man übers Meer zu dem ebenmäßig geformten Vulkan auf der gegenüberliegenden Insel. Hoheitsvoll und mächtig ragt der Pico aus dem Meer, als wäre wirklich nur er die Insel.

Azoren

Anreise
Mit der TAP von Stuttgart nach Lissabon, www.flytap.com, mit der SATA von Lissabon nach Pico, www.sata.pt. Preis ab 331 Euro. Fährverbindung zwischen Faial, Pico nach São Jorge: Linha Verde (Green Line),
www.atlanticoline.pt.

Unterkunft
Das Portal www.casasacorianas.com bietet
individuelle Quartiere, meist restaurierte
Herrenhäuser im ländlichen Raum.
A Casa do Lado, Rua D. Pedro IV., Horta, Faial, www.acasadolado.com. Freundliche Pension in der Altstadt. Preis im DZ ab 25 Euro. Pauschalreisen bieten Veranstalter wie zum Beispiel Reisen mit Sinnen, www.reisenmitsinnen.de/atlantik/azoren/reisen.

Essen und Trinken
Ancadouro, Areia Larga, Rua João
L. W..Terra, Madalena, Pico. Szenig, exzellente Küche, wohl eines der besten Restaurants der Azoren. Velense, Rua
Dr. José Pereiro 5, Velas, São Jorge.
Gutes Fischrestaurant in einem alten Stadthaus. Peter’s Café Sport, Rua José Azevedo 9, Horta, Faial, www.petercafesport.com.

Allgemeine Informationen
Portugal Tourismus,
www.visitportugal.com