Als Letzter am Gepäckband

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Susanne Hamann 30.12.2017

Die Zukunft ist ein länglicher, kratzfester Bildschirm, eingebaut an der schmalen Kofferseite. Darauf wird der Code angezeigt, den man von den bisher gebräuchlichen und am Griff befestigten Banderolen kennt. Electronic Tag heißt die Erfindung der Firma Rimowa. Sie soll das letzte Überbleibsel aus der analogen Luftfahrt ablösen - die Papierschlaufe mit der Fluginformation.

Mit einer passenden App auf dem Smartphone wird der intelligente Koffer bereits zu Hause eingecheckt. Man gibt ihn am Flughafen an einem speziellen Schalter nur noch rasch ab, das spart eiligen Reisenden Zeit. Vor allem aber sieht man jederzeit, wo sich der eigene Koffer gerade befindet. „Nachrüsten kann man das Electronic Tag bei einem alten Koffer leider nicht“, sagt Götz Tielsch. Der Kofferdoktor aus Sindelfingen hat sonst für jedes Problem eine Lösung - wie abgebrochene Rollen oder sonstige Schäden. Beim Electronic Tag muss er passen. Da hilft nur eines: ein neues Gepäckstück kaufen. Oder einfach abwarten. Denn es tut sich was in der Luftfahrt: Bald schon wird jeder Flugreisende ohnehin den Weg seines Gepäcks verfolgen können, ähnlich wie es heute schon bei Paketsendungen möglich ist.

Die dafür nötige Ausrüstung stellen die Fluggesellschaften und Flughäfen zur Verfügung. Das Zauberwort heißt Radio Frequency Identification, kurz RFID, eine Echtzeit-Nachverfolgung über Funkwellen. Dafür ist ein kleiner Chip als Transponder nötig. Diese Dinger sind so dünn wie ein Pflaster und werden einfach auf die bekannte Gepäckbanderole geklebt oder sind in das Papier eingearbeitet.

Statistiken zum Thema verlorenes Gepäck erhebt das belgische Lufttransport-IT-Unternehmen Société Internationale de Télécommunication Aéronautique, kurz Sita. Demnach kamen 2016 pro 1000 Passagiere durchschnittlich 5,73 Gepäckstücke verspätet an. Ziemlich genau die Hälfte der Zwischenfälle passiert beim Umsteigen. Der Gast schafft es von einem Flugzeug in ein anderes, der Koffer nicht. Andere Gründe sind besonders hohes Gepäckaufkommen zur Hauptreisezeit, extreme Wetterverhältnisse oder Streiks. Ein durchschnittlicher Flug hat 200 Gäste, statistisch gesehen stehen also jedes Mal ein bis zwei von ihnen ohne Koffer da. 95 Prozent der fehlgeleiteten Gepäckstücke tauchen wieder auf - meistens innerhalb der nächsten 48 Stunden. Sie werden meist mit dem nächsten Flieger nachgeliefert. Dennoch ist es nicht lustig, wenn man viele Stunden ohne Zahnbürste und frische Wäsche auskommen muss. Das Risiko, dass ein Koffer gar nicht mehr zum Vorschein kommt, besteht aber nur dann, wenn sich der Gepäckaufkleber, das sogenannte Baggage-Tag, vom Koffer löst.

Das System RFID soll vor allem beim Gepäcktransfer zwischen zwei Flügen helfen. Einige Fluggesellschaften arbeiten schon mit der Technologie. Mit Erfolg. Das US-Unternehmen Delta Airlines etwa meldet eine Trefferquote von 99 Prozent beim Tracking des Gepäcks. Der dafür nötige Chip kostet zwar zehn Cent, soll aber auf der anderen Seite 20 Cent einsparen. Denn wenn was wegkommt, wird es teuer: 2016 betrugen die weltweiten Kosten der Fluggesellschaften hierfür 2,1 Milliarden US-Dollar. Tendenz sinkend - trotz steigender Passagierzahlen.

Laut einer Sita-Umfrage wären 76 Prozent aller Passagiere gerne jederzeit darüber informiert, wo ihr Gepäck sich befindet. Daher hat die International Air Transport Association (IATA) die sogenannte „Resolution 753“ aufgestellt. Der 2016 gefasste Beschluss verpflichtet alle Mitglieder, jedes Gepäckstück vom Start bis zur Landung ununterbrochen zu verfolgen und die Daten den Besitzern der Koffer und Taschen zur Verfügung zu stellen. So soll die Passagierzufriedenheit erhöht und letztlich auch Geld gespart werden, das für die mühsame Suche sowie für Schadenersatz aufgewendet werden muss. Die erste Airline, die das nach eigenen Angaben schon geschafft hat, ist Qatar Airways. An ihrem Drehkreuz, dem Hamad International Airport in Doha, werden die Bedingungen für „Resolution 753“ seit April 2017 erfüllt.

Die anderen Fluggesellschaften müssen bis zum 1. Juni 2018 nachziehen. Doch es gibt Musterschüler, die Richtlinien der IATA gar nicht nötig haben. Seit Jahren gewinnt der japanische Flughafen Kansai International den von der englischen Unternehmensberatung Skytrax ausgelobten Preis für den besten Umgang mit Gepäck. Der auf einer künstlichen Insel in der Bucht von Osaka gelegene Airport hat seit seiner Eröffnung im Jahr 1994 noch nie einen Koffer verloren.

Was tun, wenn der Koffer weg ist?

Verlust melden
Kommt das Gepäck nicht an, muss man eine Vermisstenanzeige beim Schalter „Lost & Found“ aufgeben. Dazu benötigt man den kleinen Abschnitt mit der Registrierungsnummer für das Gepäckstück, den man beim Check-in bekommen hat. Die Kopie dieser Anzeige aufbewahren, um den Verlust zu beweisen. Ohne eine solche Anzeige geht die Fluggesellschaft davon aus, dass das Gepäck in einwandfreiem Zustand beim Passagier angekommen ist.

Notausrüstung
Die Fluggesellschaft übernimmt alle durch die Verspätung entstandenen Kosten wie die Fahrt zum Flughafen. Erreicht der Koffer den Besitzer erst nach mehr als einem Tag oder gar nicht, kommt die Airline meist für notwendige Anschaffungen wie Zahnbürste oder Badeanzug auf. Die Reisenden müssen die Kosten auslegen und mit Quittungen belegen, was sie nach dem Gepäckverlust gekauft haben. Sie bekommen das Geld später zurückerstattet. Allerdings sollte man nicht zu großzügig und sorglos einkaufen: Laut dem Amtsgericht Köln (AZ 142 C 392/14) sind 150 Euro als Budget für Überbrückungskleidung ausreichend. Bei manchen Fluggesellschaften erhalten Passagiere auch ein sogenanntes Overnight-Kit mit Hygieneartikeln und Unterwäsche.

Entschädigung
Erreicht das Gepäck den Zielflughafen mit Verspätung, beschädigt oder gar nicht, steht dem Fluggast laut Europäischem Gerichtshof (EuGH) eine Entschädigung zu. Um das Geld zu bekommen, muss man sich an den jeweiligen Vertragspartner wenden. Hat man nur einen Flug gebucht, ist das die Fluggesellschaft. Bei einer Pauschalreise ist der Reiseveranstalter zuständig.
Fehlt das Gepäck während des ganzen Urlaubs, sind nach der Rechtsprechung bis zu 50 Prozent des Gesamtreisepreises zu erstatten. Taucht der Koffer nicht wieder auf, muss man den Gepäckverlust innerhalb von 21 Tagen beim Vertragspartner schriftlich reklamieren: Das ist in der Regel die Fluggesellschaft oder - bei einer Pauschalreise - der Reiseveranstalter.

Haftungsfragen
1999 wurden in einem in Montreal geschlossenen Übereinkommen Haftungsfragen im internationalen zivilen Luftverkehr geregelt. Seit 2004 gilt es auch in Deutschland. 1270 Euro sieht das Montrealer Abkommen als Höchstgrenze für verlorene oder verspätete Koffer pro Passagier vor. Pauschalreisende werden höher entschädigt: Der Ärger über das verschollene Gepäck mindert den Reisewert. Pro Tag, an dem man in denselben Klamotten rumlaufen muss, halten Verbraucherschützer eine Preisminderung von bis zu 25 Prozent für vertretbar, weil der Wert der Reise durch den Ärger des nicht vorhandenen Gepäcks abnimmt. Bei einer Kreuzfahrt oder wenn das Gepäck nicht mehr gefunden wird, sind es sogar bis zu 50 Prozent. Erreicht das Gepäck nur einen Tag später den Besitzer, erhält er keine Entschädigung. Laut deutscher Rechtsprechung handelt es sich hierbei um eine bloße Unannehmlichkeit, mit der auf Reisen stets zu rechnen ist.

Vorsorgen
Wertvolle Dinge wie Kamera, Tablet, Laptop, Schmuck oder Bargeld sollten im Handgepäck transportiert werden. Aufgegebenes Gepäck wird gemäß einer EU-Richtlinie durchleuchtet, bevor es im Bauch des Fliegers verschwindet - und auch unter den Flughafenangestellten gibt es Langfinger. Besser, man fliegt, wenn möglich, direkt. Ein sehr auffälliger Koffer wird im Zweifelsfall leichter gefunden als ein schwarzer oder grauer.Ist er mit Zielort und Heimatadresse gekennzeichnet, sinkt das Risiko eines endgültigen Verlusts nahe null.