Leitartikel Roland Müller zur Ethik unseres Öl-Konsums Wie wir beim Tanken den Terrorismus befeuern

Roland Müller
Roland Müller © Foto: swp
Ulm / Roland Müller 05.11.2018

Ist die Milch „bio“? Stammt der Kaffee aus fairem Anbau? Unterstütze ich ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Bangladesch, wenn ich dieses T-Shirt kaufe? Fördert diese Dose Makrelen die Überfischung der Meere? Dass wir unsere Konsumentscheidungen ethisch prüfen (oder prüfen lassen müssen), ist Normalität geworden – zu Recht. In einer globalisierten Welt sind mündige Verbraucher ein mächtiger Spieler. Nur: Wann hat zum letzten Mal jemand hinterfragt, wo das Geld landet, das er an der Tankstelle für seinen Sprit bezahlt?

Aktuell wirft der bizarre Mord an dem saudischen Dissidenten Jamal Khashoggi ein Schlaglicht darauf, welch dekadentes und skrupelloses Regime in Saudi-Arabien an der Macht ist. Die Empörung ist riesig, mit Abscheu wird auf US-amerikanische und deutsche Rüstungsdeals mit Riad geblickt. Doch dass die Scheichs großen Einfluss genießen und mit Milliarden um sich werfen können, liegt nicht an Panzer-Deals, sondern am Öl-Hunger der Welt – und unseren Mobilitätsgewohnheiten.

Die Liste der Übel, die mit Öl-Milliarden gepäppelte Regime weltweit angerichtet haben und anrichten, ist lang. Im ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak starben rund eine Millionen Menschen, das Töten endete erst, als die Öl-Industrie auf beiden Seiten fast zerstört war. Die Terrortruppen Al-Kaida und IS wären ohne ideologische und finanzielle Befruchtung aus Saudi-Arabien undenkbar. Russland versucht, Demokratien mit Wahlbeeinflussung und Desinformation zu destabilisieren – und Katar korrumpiert mit seinen Milliarden den Weltsport. Der Lebenssaft der Weltwirtschaft ist ein süßes Gift, das Diktaturen und Terrorismus gedeihen lässt. Dass es in Form der Opec sogar ein Kartell gibt, das den Preis künstlich hochhält, haben wir längst achselzuckend akzeptiert. Es ist ein faustischer Pakt, den wir mit jeder Tankfüllung und mit jedem Druck aufs Gaspedal aufs Neue unterstützen.

All diese Fakten sind bekannt. Doch sie zeigen, dass es eben nicht nur ökologische Gründe gibt, die für den Umstieg auf erneuerbare Quellen und „saubere“ Mobilität sprechen. Mit der Energiewende den Terrorismus austrocknen – das wäre doch mal ein Slogan für jene, denen die Rettung der der Welt vor dem Klimawandel nicht genug ist. Doch neue Energien werden aktuell oftmals sehr kritisch hinterfragt: Macht man sich von China abhängig, wenn Solar- und Batteriezellen vorrangig von dort kommen? Wie geht es in den Kobalt-Minen im Kongo zu, aus denen wichtige Rohstoffe stammen? Ist es fair, wenn Hartz-IV-Empfänger per Strompreis die Solaranlagen von Hausbesitzern finanzieren? Gibt es „Energie-Armut“? Diese Fragen sind richtig und berechtigt – doch den ethischen Status Quo der Ölwirtschaft, an den wir uns seit Jahrzehnten gewöhnt haben, sollte man eben nicht ausblenden. Denn zur Wahrheit gehört, dass wir im Autoland Deutschland nicht nur Benzin im Blut haben – sondern dass im Benzin auch jede Menge Blut schwimmt.

leitartikel@swp.de

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