Ulm / Roland Müller Die Verhaftung Assanges steht für das Scheitern der Idee radikaler Transparenz. Wikileaks hat sich selbst überflüssig gemacht.

Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes.“ So beginnt die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, einer der zentralen Texte der frühen Netz-Bewegung. Staaten, so heißt es in dem Text von 1996, seien nicht willkommen im Internet. „Ihr habt keine Souveränitat, wo wir uns versammeln.“ Die Inhaftierung von Wikileaks-Sprecher Julian Assange zeigt, dass die „müden Riesen“ ein zäher Gegner sind – und ein weiteres Stück digitale Utopie von der Realität eingeholt worden ist.

Informationsfreiheit für alle, keine Zensur, keine Hierarchien: Wie kaum eine andere Institution hat Wikileaks die Hoffnungen derer verkörpert, die glaubten, im Netz könne eine neue, bessere Welt und ein digitaler Hort der Wahrheit entstehen, als Gegenpol zu Geheimdiensten und staatlicher Propaganda. Die Organisation wollte die Dunkelkammern der Regierungen und Konzerne ausleuchten, geheime Dokumente enthüllen und als vertraulicher „Datenhafen“ für Informanten und Whistleblower weltweit fungieren. Frontmann Assange wurde zum Medienstar, und mit der Veröffentlichung von Videos und Akten über Folterungen und zivile Opfer im Irak-Krieg brachte die Plattform 2010 die Großmacht USA in die Defensive. Netzaktivisten, die eine Supermacht herausfordern und die Korrupten und Mächtigen zittern lassen – das war bis dahin Stoff für Science-Fiction-Romane oder Hacker-Manifeste gewesen.

Doch der Mythos bröckelte bald. Vordergründig begann der Abstieg mit Vergewaltigungsvorwürfen gegen Assange. Doch die wahren Gründe für das Scheitern liegen tiefer. Der Ansatz radikaler Transparenz, so zeigte sich, hat Grenzen. Riesige Datenmengen einfach ins Netz zu stellen, bringt zunächst keinen Erkenntnisgewinn – der Wust muss ausgewertet, sortiert, überprüft werden. Die „US-Botschaftsdepeschen“ etwa umfassen mehr als 250­ 000 Dokumente. Wikileaks verstand sich als Zulieferer für investigative Medien. Doch diese lernten schnell dazu und sind nicht mehr darauf angewiesen: Heute können sich Whistleblower längst direkt an journalistische Recherchekollektive wenden, wie etwa bei den Skandalen um „Panama Papers“ und „Football Leaks“. Dass Wikileaks den Schutz von Informanten und Personen, die in den Daten vorkommen, nicht immer gewährleisten konnte, hat zudem viel Vertrauen gekostet.

Der Sargnagel für jede Glaubwürdigkeit ist der Vorwurf, Wikileaks mache sich zum Handlanger Russlands: Im US-Präsidentschaftswahlkampf veröffentlichte die Plattform Mails aus dem Team Hillary Clintons – die Daten waren bei einem russischen Hackerangriff gestohlen worden. Donald Trump war begeistert. Der einstige Hoffnungsträger aus dem Cyberspace als Büttel eines Staates? Ein Aufklärer als Manipulator? Mit seinem Agieren hat sich Wikileaks selbst überflüssig gemacht. Die Idee der Transparenz aber lässt sich nicht allein im Cyberspace verwirklichen: Es braucht Schutz für Whistleblower und Pressefreiheit für Journalisten, damit sie ihre Arbeit machen können.

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