Dieses Debakel ist auch ihr Debakel, aber die Kanzlerin gibt sich ganz gelassen. „Dass es so lange dauert, wusste ich auch nicht“, sagte Angela Merkel. Vor ein paar Minuten haben die Regierungschefs ihren Sondergipfel zur Besetzung der EU-Topjobs ergebnislos unterbrochen. Nach einer langen Nacht, einem gemeinsamen Frühstück und insgesamt 18 Stunden Beratungen fällt der übernächtigten Runde jetzt nur noch ein, sich auf Dienstag zu vertagen. Dabei hatte es gerade noch so ausgesehen, als würde der niederländische Sozialdemokrat Frans Timmermans doch Kommissionspräsident, während der deutsche CSU-Vize Manfred Weber mit dem Trostpreis des EU-Parlamentspräsidenten entschädigt würde.

Macron spricht vom Scheitern

Und nun: „Wir können es Scheitern nennen“, schimpft Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, selbst nicht ganz unschuldig an der Misere. „Wir geben ein sehr schlechtes Bild ab. Unsere Glaubwürdigkeit ist tief beschädigt.“ Sein spanischer Kollege Pedro Sanchez: „Enorme Frustration!“ Merkel abgeklärt: „Es ist so, dass wir viele Enden zusammenbringen müssen. Gut Ding will Weile haben.“

Eine Einigung am Dienstag sei möglich, meint die Kanzlerin. Aber wie, das kann sie auch nicht sagen – sonst hätte man, erklärt Merkel, ja gleich weiter beraten können. Die Regierungschefs haben sich bei der Besetzung von vier europäischen Topjobs, sorgfältig ausbalanciert nach Parteien, Regionen und Geschlechtern, gnadenlos verhakt. Ein paar Tage mochte Merkel gehofft haben, die Lösung in den Händen zu halten – nun ist ihr Vorgehen Teil des Problems.

Weber aus dem Rennen

Am vergangenen Mittwoch hatte Merkel im Kanzleramt den Spitzenkandidaten der christdemokratischen EVP, Manfred Weber, und die Parteichefs von CDU, CSU und EVP zum Krisengespräch empfangen. Weber wusste da schon, dass ihm Macron den Aufstieg zum Kommissionspräsidenten verwehrt – seinetwegen hat der Niederbayer keine Mehrheit unter den Regierungschefs und auch nicht im EU-Parlament. In der Runde wird eine Idee entwickelt: Weber soll Parlamentspräsident werden – und den Weg freimachen, damit wenigstens ein anderer zur Europawahl angetretener Spitzenkandidat an die Spitze der Kommission rücken kann und nicht einer, den die Regierungschefs am Parlament vorbei auskungeln. Timmermans oder die liberale Dänin Margrethe Vestager wären an der Reihe.

Zwei Tage nach dem Treffen im Kanzleramt beraten Macron, Merkel, Sanchez und der niederländische Premier Mark Rutte mit EU-Ratspräsident Donald Tusk am Rande des G20-Gipfels in Osaka Die Runde einigt sich auf Timmermans. Weber soll Parlamentspräsident werden. Die Beteiligten repräsentieren die drei großen Parteifamilien der Christ-, der Sozialdemokraten und der Liberalen. Kann da etwas schiefgehen? Im Umfeld von Tusk, der Timmermans zwei Tage danach offiziell vorschlägt, wird später erzählt, er sei von dem Deal überrascht worden. Merkel sagt, offenbar sei die Verständigung von Osaka nicht ausreichend vertreten worden – was als Rüge für Tusk verstanden wird. Auch Macron klagt über „schlechte Vorbereitung“. Vor allem die Brisanz für die konservative EVP wird übersehen. Hat Merkel ihren Einfluss überschätzt?

Der Deal von Osaka

Am Sonntag zeigt sich, dass die Christdemokraten nicht vorbereitet sind. In Osaka nicht beteiligte EU-Regierungschefs aus dem EVP-Lager sind zum Teil empört, dass Merkel Weber aus dem Rennen genommen hat, obwohl doch die EVP die stärkste Fraktion stellt. Ein Drittel der Gipfel-Teilnehmer ist offenbar gegen Timmermans. Aber auch für Alternativen wie Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier oder Irlands Regierungschef Leo Varadkar findet Tusk keine Mehrheit. Ein Teil des Protests im konservativen Lager ist taktisch motiviert. Der konservative Premier Boiko Borisov aus Bulgarien macht erst Merkel heftige Vorwürfe, später wird er dabei gefilmt, wie er Timmermans den Präsidentenjob verspricht. Tatsächlich erhalten die Christdemokraten schließlich die Zusage, auch den Posten des Ratspräsidenten besetzen zu können – gedacht für die Bulgarin Kristina Georgieva. Die Liberalen sollen den EU-Außenbeauftragten und mit Vestager die erste Kommissions-Vize stellen.

Widerstand gegen Timmermans

Das Paket scheint wieder zu stehen. Doch es bleibt erheblicher Widerstand gegen Timmermans. Und es gibt Streit um die Besetzung der anderen Posten, Unmut über Georgieva – und die Idee, Weber solle sich als Parlamentspräsident mit dem Liberalen Guy Verhofstadt abwechseln. Wo finden sich Polen und Italien wieder? Im Hintergrund wabert auch die erst später zu beantwortende Frage, wer Chef der Europäischen Zentralbank werden soll – angeblich soll Frankreich zum Zug kommen. Wieder ist keine Mehrheit in Sicht, auf eine Abstimmung wird verzichtet. Merkel mahnt später zudem, es müsse vermieden werden, dass große Länder – gemeint sind Italien und Polen – überstimmt würden. Stillstand. Abbruch. Man brauche eben „mal eine Pause“, meint die Kanzlerin. Der kroatische Premier Andrej Plenkovic sagt: „Keiner kann sicher sein, was am Dienstag passiert“. Doch die Zeit drängt. Am Mittwoch wird das EU-Parlament den Präsidenten wählen.