Ja, sie wollen Freunde bleiben. Jeff Bezos und seine Frau MacKenzie twittern das gemeinsam und versichern, dass auch die bevorstehende Scheidung nichts daran ändert, dass sie „unglaublich glücklich sind, sich gefunden zu haben“. Das hört sich harmonisch an, wobei die näheren Umstände der Trennung heikel sind: Das Paar lebte ein Vierteljahrhundert zusammen, hat vier gemeinsame Kinder, und es geht um eine Menge Geld – das gemeinsame Vermögen beläuft sich auf 137 Milliarden Dollar (120 Milliarden Euro).
Das gemeinsame? In Statistiken werden die Milliarden bisher immer dem Gatten zugeschlagen, wie zum Beispiel in der Forbes-Liste, die Jeff Bezos als reichsten Menschen der Welt führt. Zwar hat das Ehepaar eine Entscheidung darüber, wie die Besitztümer aufgeteilt werden sollen, noch nicht bekanntgegeben. Aber gut für sie, schlecht für ihn: Die Familie lebt im US-Bundesstaat Washington, und dort wird das nach der Eheschließung entstandene Vermögen am Ende in der Regel durch zwei geteilt. Damit hätte MacKenzie Bezos Anspruch auf 67,5 Milliarden Dollar – es wäre die teuerste Scheidung der Welt.
Auch wenn beim Ende einer Ehe sehr selten Milliarden zu verteilen sind – die geräuschlose Art, mit der das US-Paar vorgeht, könnte für andere Scheidungswillige ein Vorbild sein. Dass Rosenkriege nur Schaden anrichten, scheint vielen in den USA, aber auch in anderen Ländern immer klarer zu werden. Scheidungsdramen ruinieren die Nerven, die Finanzen und belasten – falls vorhanden – die Kinder. Auch in Deutschland nimmt die Tendenz zu, Streitereien um die Scheidung zu vermeiden. So ist laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen Jahren die Quote derer gestiegen, die bei den Familiengerichten einen gemeinsamen Scheidungsantrag einreichen. Leicht zwar nur. Aber immerhin.
Rudolf Haibach aus Gießen ist noch ein Scheidungsanwalt alter Schule. Bei den Gegenparteien ist er gefürchtet, und er rühmt sich, für seine prominenten Mandanten – darunter Lily Becker, die Noch-Gattin von Boris Becker – stets das Optimum herausgeholt zu haben. Zur Not vor Gericht. Aber auch er sagt: „Ich bin ein großer Verfechter der außergerichtlichen Einigung. Sie ist billiger, besser und risikofrei.“
Familienrechtlerin Hildegund Sündenhauf verzeichnet bei scheidungswilligen Paaren einen Trend zur Mediation, also zum Interessenausgleich mithilfe eines geschulten Vermittlers. „In Deutschland ist die Methode allerdings noch recht wenig verbreitet, weil Paare dafür extra bezahlen müssen“, sagt die Professorin an der Evangelischen Hochschule Nürnberg dieser Zeitung. Sie verweist auf gute Erfahrungen in Australien, wo jedem kindschaftsrechtlichen Verfahren – also einem Streit um elterliches Sorge- oder Umgangsrecht – seit einer Familienrechtsreform 2006 eine Mediation vorgeschaltet ist. Folge: Die Zahl der Gerichtsverfahren liegt dort um ein Drittel niedriger, als vor der Reform. „Das senkt die Kosten deutlich“, betont die Professorin. Außerdem würden Eltern Entscheidungen in Mediationsverfahren viel besser mittragen, weil sie nicht von oben verfügt sind.

Gegen Zwang zur Mediation

Wie lässt sich erreichen, dass es auch in Deutschland mehr friedliche Scheidungen gibt? Der Bundesverband Mediation empfiehlt, dass der Staat die Suche nach einer außergerichtlichen Einigung besser unterstützt. „Wir setzen uns dafür ein, dass scheidungswillige Paare verpflichtend zumindest an einem Beratungsgespräch teilnehmen müssen, in dem sie über die Möglichkeiten einer kostengünstigen und nachhaltigen Einigung durch eine Mediation informiert werden“, betont Sprecherin Alexandra Bielecke. Ebenso empfiehlt sie eine Mediationskostenhilfe für Bedürftige, analog zur existierenden Prozess- und Verfahrenskostenhilfe. Einen Zwang zur Mediation in Familienrechtsangelegenheiten lehnt Bielecke dagegen ab. „Sie soll freiwillig sein“, sagt sie. Sonst verliere sie ihre Wirkung.
In der Großen Koalition lobt man zwar die Vorzüge außergerichtlicher Verfahren. Beratungspflicht oder Kostenübernahme planen aber weder Union noch SPD. Gesetzliche Vorgaben „entsprechen nicht dem Grundverständnis der Mediation“, sagt der Familienrechtsexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Axel Müller (CDU). Die Verfahren dauerten „mit Blick auf die durchschnittliche Ehezeit von deutlich über zehn Jahren auch nicht übermäßig lange“.
Demgegenüber verweist FDP-Fraktionsvize Stephan Thomae darauf, dass Mediation sehr wohl „viel Zeit und Geld sparen“ könne. Aber auch er setzt auf Freiwilligkeit und sieht „allenfalls die Verpflichtung, vermehrt auf die Möglichkeit der Mediation hinzuweisen“. Kritischer sieht die rechtspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion Katja Keul die Möglichkeiten einer vermittelnden Instanz. Zwar empfiehlt auch sie, „die Chancen der Mediation weiter als bisher zu verbreiten“. Aber: „Der Anwaltszwang im Scheidungsverfahren muss unbedingt beibehalten werden.“ Für Mann und Frau sei es „wichtig, über die Rechtslage informiert zu sein“. Das gehe nicht ohne anwaltliche Beratung.