Die Freiheit zu verteidigen ist ein hehres Unterfangen, und es gäbe Anlass, sich für sie ins Zeug zu legen. Etwa weil die Polizei nach dem Willen von Innenminister Horst Seehofer (CSU) Zugriff auf verschlüsselte Handy-­Kommunikation bekommen soll. Weil der Verfassungsschutz schon bald Journalisten abhören und die Pressefreiheit untergraben könnte. Weil unsere Privatsphäre im Überwachungs-Zangengriff zwischen datenhungrigen Digital-­Konzernen und Staaten steckt – wie die Idee zeigt, digitale Helferlein wie „Alexa“ und „Siri“ sollten ihre Besitzer bei den Ermittlern verpetzen.

Die rote Linie zur Öko-Diktatur

Doch die deutsche Freiheitsdebatte kreist nicht etwa um gefährdete Grundrechte in dieser schönen neuen Welt – dafür umso hitziger um die Freiheit, Fleisch zu essen und mit 200 Sachen auf der Autobahn zu fahren. Hier verlaufen rote Linien, die der Staat offenbar nicht übertreten darf, wenn er nicht zur (Öko-)Diktatur werden will. Die größte Sorge des Liberalismus, so scheint es, ist die um Schnitzel mit Porsche – zumindest, wenn man FDP-Chef Christian Lindner zuhört. „Sie wollen den Petrolheads das Auto nehmen und den Fleischliebhabern das Steak“, warnte er jüngst mal wieder vor der sinistren Herrschaftsidee der Grünen.

Keine Frage: Die Debatte um unseren Lebensstil, Ökologie und Klimaschutz ist wichtig. Von der Pizza bis zur Plastiktüte ist unser Alltag politisch geworden. Hier darf, hier muss darüber gestritten werden, wie weit der Staat sich einmischen darf.

Doch wer den Freiheitsbegriff nur noch ins Feld führt, wenn es ums Fressen und Rasen geht, reduziert die große Idee der liberalen Gesellschaft auf einen vulgären, verkümmerten Rest: die Konsum-Freiheit.

Individuum gegen Obrigkeit: Die Geschichte des Liberalismus hat schon viele Verirrungen erlebt. Der Manchesterschule war jede Einmischung des Staates so zuwider, dass sie Sozialleistungen für Arme strikt ablehnte. Mit dem Diktum des „survival of the fittest“ (Herbert Spencer) wurde einem zynischen Sozialdarwinismus das Wort geredet. Die neoliberale Idee vom schlanken Staat und freiem Spiel der Kräfte hat mit der Finanzkrise an Strahlkraft verloren. Und im Kampf gegen den Terrorismus ist der Einsatz für Bürgerrechte zur Fußnote auf immer schärferen Sicherheitsgesetzen verkommen. Bleibt jetzt nur noch der Kampf fürs Konsumieren als Refugium liberaler Politik?

Es wäre eine Bankrotterklärung. Die Frage, was Freiheit in der globalen, digitalen Welt wirklich ausmacht, ist ja eigentlich eine der wichtigsten, die man sich stellen kann. Wie frei sind wir noch, wenn wir von Internet-Konzernen vermessen und ausgespäht werden, die unsere Daten verhökern? Wo muss die Wissbegier des Staates enden? Gibt es nicht auch eine Freiheit, aus Krieg und Unterdrückung zu fliehen? Und kann eine Welt noch frei und friedlich sein, in der 8 Milliarden Mensch ihr Recht auf Schnitzel und Porsche einfordern?

Die Frage nach der Freiheit ist die zentrale Frage der Zukunft. Man muss dazu aber über den Rand einer Hähnchenbrust hinweg schauen.

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