Fleisch, Käse, Milch, Eier – viele Produkte, die Menschen täglich essen, sind tierischen Ursprungs. Für ihre Herstellung werden weltweit über 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen beansprucht. Insgesamt ist die Produktion von Nahrungsmitteln für ein Drittel der globalen Treibhausgas­­emissionen verantwortlich. Wenn wir uns optimal ernähren würden, ließen sich diese Umweltschäden um vier Fünftel verringern, rechnen die Autorinnen und Autoren einer kürzlich im Fachblatt „Nature Food“ veröffentlichten Studie aus Finnland vor.
Der Genuss der Mahlzeiten ist für die Berechnung nebensächlich, es geht um die optimale Gleichung ausreichender Kalorien- und Nährstoffzufuhr bei minimaler Belastung der Umwelt. Insofern ist die Analyse dann auch eher als mathematischer Idealzustand zu verstehen. Die Forscher haben drei mögliche Ernährungsweisen mit der derzeit in Europa üblichen verglichen – die starke Reduktion um 80 Prozent gilt für sie in fast gleichem Maße. Eine untersuchte Variante ist die rein pflanzliche, also vegane Ernährung. Die zweite untersuchte Ernährungsweise beinhaltet neuartige, zum Teil im Labor hergestellte Lebensmittel wie zum Beispiel Insekten oder Milch aus Zellkulturen.
Die dritte Variante ist eine omnivore Ernährung, in der alle tierischen Produkte erlaubt sind – theoretisch. Bevor sich Steakliebhaber aber zu früh freuen: In der Berechnung ist kein Fleisch vorgesehen und auch nur eine sehr geringe Menge tierischer Produkte. Das hat einen Grund: „Die Studie bestätigt, dass ein Großteil der Umweltauswirkungen des gesamten Ernährungssystems durch den Konsum von Fleisch verursacht wird“, sagt Florian Humpenöder vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).
Trotzdem zeigen die drei Ernährungsweisen und ihre im Vergleich sehr gute Klimabilanz, dass viele Wege nach Rom führen. Für Matin Qaim, Professor für Agrarökonomie an der Uni Bonn, ist dann auch die Erkenntnis wichtig, „dass eine rein vegane Ernährung gar nicht unbedingt die nachhaltigste Alternative ist“. Er schränkt aber auch ein: Die Ergebnisse würden zeigen, was theoretisch möglich sein könnte und nicht, was realistischerweise zeitnah zu erwarten sei.
„Ob alle Menschen in Europa zukünftig wirklich einen Großteil ihrer Nährstoffe aus Insektenmehl, Algen oder In-vitro-Kulturen decken werden, bleibt abzuwarten“, sagt Qaim. Die Studie zeige aber, „dass auch klassische pflanzliche Nährstoffquellen wie Gemüse und Hülsenfrüchte ein großes Potenzial für nachhaltigere Ernährung haben“.
Ein Aspekt, den auch Humpenöder vom PIK unterstreicht: „Um den Anforderungen aktueller Ernährungsempfehlungen gerecht zu werden, ist insbesondere der Konsum von Hülsenfrüchten, Gemüse und Getreide höher als in aktuell vorherrschenden Ernährungsweisen.“ Eine Erkenntnis sei auch, dass es laut der Studie nicht möglich ist, mit einer rein veganen Ernährungsweise den Bedarf für alle essenziellen Nährstoffe, vor allem Vitamin D und B12, abzudecken.

Abdeckung aller Nährstoffe

„Im Gegensatz dazu kann bei der Ernährungsweise mit neuartigen Lebensmitteln komplett auf tierische Produkte für den direkten menschlichen Konsum verzichtet werden, bei gleichzeitiger Abdeckung aller essenziellen Nährstoffe“, hebt Humpenöder die Vorteile von Insekten und mikrobiellen Proteinen auf den Tellern hervor. Doch das Neue, es bringt auch Unwägbarkeiten mit sich, die sich auf die Studie auswirken. „Gerade für neuartige Lebensmittel, die sich noch in der Entwicklung befinden – wie Milch aus Zellkulturen –, gibt es größere Unsicherheiten hinsichtlich deren Umweltauswirkungen.“
Statistik: Bevorzugte Wege, Fleisch und Fleischprodukte auf pflanzlicher Basis zu ersetzen, in Deutschland im Jahr 2021 | Statista
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Das kritisiert auch Franziska Gaupp, Direktorin der Food System Economics Commission im norwegischen Oslo: „Die Studie vergisst, den wichtigen Faktor Energieverbrauch explizit zu untersuchen.“ Die Herstellung von kultiviertem Fleisch beispielsweise verbrauche mehr Energie als die herkömmliche Fleischproduktion. Außerdem nenne die Studie ausschließlich positive Einflüsse kultivierten Fleisches auf die Gesundheit und vergesse dabei, dass die Auswirkungen von der Zusammensetzung der finalen Produkte abhängen. „Viele vegetarische Burger, die gerade auf dem Markt sind, haben einen zu hohen Salzgehalt und damit negative Auswirkungen auf die Gesundheit.“
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Verwirrende Produktnamen

Laut einer repräsentativen Umfrage des Portals „Lebensmittelklarheit“ von der Verbraucherzentrale kauft zwar mehr als die Hälfte der Verbraucher mindestens gelegentlich Fleisch-, Fisch- oder Milchersatzprodukte, doch fast jeder zweite ist verwirrt von den unterschiedlichen Kennzeichnungen. Mehr als 40 Prozent der Befragten finden fleischähnliche Produktnamen wie „vegetarischer Fleischsalat“ irreführend. Zwölf Prozent haben bereits aus Versehen ein Produkt gekauft, das doch nicht vegan oder vegetarisch war. Umgekehrt berichten elf Prozent, dass sie schon einmal unabsichtlich ein veganes Produkt gekauft haben, obwohl sie Wurst oder Käse wollten. dgu