Mag man sich in Teilen der Republik und auch in der CDU über Hans-Georg Maaßen erregen, in Suhl hat sich an diesem warmen Spätsommerabend keine einzige Sandale in einen Protestzug eingereiht. Suhl ist friedlich. Hier akzeptiert man die Meinung der anderen. Und deswegen strömen die Bürger gemächlich ins CCS, in das Congress Centrum Suhl. Wegen der Corona-Sicherheitsmaßnahmen müssen im Saal Plätze unbesetzt bleiben. Und wegen der Corona-Einlasskontrolle geht es später los. Es ist keine Jugendveranstaltung, soviel ist klar. Knapp 700 Menschen werden es sein, die sich eingefunden haben. Sagen wir es so: Beim Thema Rente gibt es erhöhte Aufmerksamkeit.
Aber der Reihe nach. Offiziell geht es um den Wahlkreis 196. Den hat 2017 Mark Hauptmann gewonnen. Der CDU-Politiker musste dann im Zusammenhang mit der Maskenaffäre und auch wegen recht eigenwilliger publizistischer Maßnahmen zur Förderung der Länder Aserbaidschan, Taiwan und Vietnam zurücktreten. Das bleibt während der von der Zeitung „Freies Wort“ veranstalteten „Wahlarena“ nicht unerwähnt, ist aber auch schnell wieder vergessen. Inoffiziell geht es nämlich hier nur um Hans-Georg Maaßen und seinen SPD-Konkurrenten Frank Ullrich. Maaßen gilt als sehr weit rechtsstehend und im Konrad-Adenauer-Haus ist kaum jemand glücklich über seine Kandidatur, die auch nicht durch einen Listenplatz abgesichert ist. Anders bei Ullrich. Der ist auf der Thüringer SPD-Liste auf Platz 3 und wird wohl in jedem Fall in den Bundestag einziehen. Aber im Moment hat er eine vordingliche Aufgabe: Er soll verhindern, dass Maaßen den Wahlkreis gewinnt. Im Gegensatz zu dem Ex-Verfassungsschutzpräsidenten, der ein lupenreiner Westimport ist, stammt Ullrich aus der Region Südthüringen. Doch nicht nur das. Er ist eine Sportikone. 1980 war er erster deutscher Biathlon-Olympiasieger. Neunfacher Weltmeister. Später Bundestrainer der Langläufer. Nun lernt der Supersportler im CCS, dass er nicht immer gewinnen kann. Das ist, soviel kann man vorwegnehmen, nicht sein Abend.
Dabei macht es ihm Maaßen nicht gerade schwer. Etwa als es um die Frage geht, wie man Fachkräfte nach Südthüringen holen könnte. Maaßen hebt den Kopf und sagt: „Ich bin der Auffassung, dass ein Volk von 82 Millionen Einwohnern, die Fachkräfte, die wir brauchen, auch selbst hervorbringen kann.“ Ziemlich starker Beifall. Niemand, auch Ullrich nicht, sagt, dass der Altersdurchschnitt der Deutschen recht hoch ist. Oder dass die wiederholt vorgetragene Zahl 82 Millionen nicht stimmt. Das Statistische Bundesamt zählt 83 Millionen. Als die Grüne Stephanie Erben sagt, auch der Wahlkreis 196, zu dem neben Suhl zum Beispiel Schmalkalden oder Oberhof gehören, bräuchte mehr Zuwanderung, kommt ziemlich starkes Hohngelächter von größeren Teilen des Publikums. Als Frank Ullrich davon spricht, „Nachwuchskräfte bündeln“ zu wollen, wird abgewinkt. Es bleibt Ullrichs Namensvetter Gerald Ullrich (FDP) überlassen, auf die Ausländer zu verweisen, die in seiner Firma arbeiten. „Wenn wir die nicht hätten, müssten wir Aufträge zurückgeben“, sagt Ullrich, der schon im Bundestag ist und wohl auch wieder dorthin zurückkehren wird. Freilich nicht mit Direktmandat.
Dann kommt das Klima an die Reihe und da sieht es besser aus für den Sozialdemokraten Frank Ullrich. Denn Hans-Georg Maaßen verirrt sich im populistischen Dickicht. „Ich glaube nicht“, sagt er, „dass wir den Klimaschutz so hoch hängen können, dass der Wohlstand der Menschen erheblich geschädigt wird“. Und fast noch besser: „Ich möchte nicht, dass es den Kindern und Enkeln schlechter geht, als es uns heute geht.“ Und damit auch klar ist, wie das gemeint ist, ergänzt Maaßen: „Finanziell und wohlstandsmäßig.“ Man könnte jetzt von Naturkatastrophen und Umweltflüchtlingen und von dem dadurch bedrohten Zusammenleben auf dem Planeten reden. Ullrich sagt immerhin: „Der Klimaschutz ist mir schon sehr viel wert.“ Als Kenner des Rennsteiges weiß er, „wie sehr das Immunsystem des Waldes gelitten hat. Und deswegen sind Waldumbau und das Definieren von Klimazielen nötig.“ Dagegen ist wenig zu sagen.
Nach einem lauten Disput zwischen dem ausgesprochen argumentationsstarken Linken Sandro Witt und Maaßen über die Abschaffung des Verfassungsschutzes, NSU-Morde und linken Extremismus, sowie nach dem Corona-Impfthema ist man bei der Windkraft in Thüringen. Hier sorgt der AfD-Kandidat Jürgen Treutler für einige Heiterkeit, als er vom „Infraschall noch in 2,5 Kilometern Entfernung vom Windrad“ redet. Denn Infraschall könne man nicht hören, er könne aber „zu Schwindel und Übelkeit“ führen. Zuruf aus dem Publikum: „Ich denke, Sie haben studiert.“
Maaßen ist aber auch gegen Windräder im Thüringer Wald. Generell. Wegen der Natur. Überhaupt versteht er sich mit dem AfD-Mann gut. Mal reicht er den Öffner für die Cola-Flasche, ein anderes Mal lächeln sich die beiden zu, als Frank Ullrich wieder beim Thema Sport angekommen ist. Treutler erntet dann noch einen unfreiwilligen Lacher. Er soll, wie kürzlich sein Parteivorsitzender Chrupalla sein Lieblingsgedicht nennen. Chrupalla, der gerade den Kinderreportern noch erklärt hatte, wie wichtig deutsche Lyrik an der Schule sei, fiel nichts ein. Treutler antwortete auf die Lieblings-Gedichtfrage mit: „Unter 100 Kilo“. Als er seines Irrtums gewahr wurde, machte er „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ daraus. Das ist bekanntlich von Heine, nennt sich „Deutschland ein Wintermärchen“ und eignet sich nun wirklich nicht zur nationalistischen Interpretation. („Noch immer das hölzern pedantische Volk, noch immer ein rechter Winkel, in jeder Bewegung, und im Gesicht, der eingefrorene Dünkel“ – nur mal als ein Beispiel)
Frank Ullrich wiederum gerät richtig ins Schwimmen als er die Frage eines Bürgers beantworten soll, der wissen will, was der 63jährige für Südthüringen zu tun gedenke. Die folgende Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen wird mit Buhrufen geahndet. Später könnte der SPD-Kandidat Maaßen bloßstellen, kommt aber nicht auf die Idee zu sagen, dass der Konkurrent nicht wahrheitsgemäß argumentiert, wenn er behauptet, Außenminister Maas (SPD) hätte gerade den Taliban 100 Millionen Euro überwiesen, „die man besser für unsere Rente hätte einsetzen können“. Weder Ullrich noch irgendjemand sonst macht geltend, dass das Geld an die UN-Ernährungsorganisation überwiesen wird und rein humanitären Zwecken dient.
Ganz zum Schluss fragt ein Bürger, was der CDU-Direktkandidat davon hält, dass der bekannte Nazi Tommy Frenck, zur Wahl Maaßens aufruft. „Ich habe das als Provokation wahrgenommen“, sagt Maaßen. Und suggeriert, dass Frenck gemeinsam mit Spiegel-TV provoziert habe. Beide seien „gleichzeitig“ zu einer Veranstaltung von ihm erschienen. „Wir haben beiden einen Platzverweis erteilt.“ Wieder bekommt Maaßen viel Beifall und keinen Widerspruch. Eine Wahl im CCS würde er wohl gewinnen. Aber diese Wahl gibt es nicht. Sondern nur die am 26. September. Maaßen ist aber auch da siegessicher. Mit Friedrich Merz, ihm und einigen anderen werde sich die Unions-Fraktion verändern. Frank Ullrich dagegen spricht zum Schluss so oft von Südthüringen, dass man das Wort nicht mehr hören mag. Gut möglich jedoch, dass die Südthüringer damit mehr anfangen können, als mit veränderten Konstellationen in der Unions-Bundestagsfraktion.