In jeder Krise liegen auch Chancen. Davon ist gern die Rede, wenn die Lage wirklich miserabel ist. Oft wirkt der Satz von den Chancen wie das letzte verbale Aufgebot. Und doch ist ja etwas dran an der Sache. Krisen lassen uns Dinge erleben, die wir sonst nicht erleben. Normalerweise nicht erleben möchten. Vieles, was eben noch selbstverständlich war, wird in Frage gestellt.

Der Alltag wird für Wochen „heruntergefahren“

So wird es uns in den kommenden Wochen ergehen, wenn unser Alltag „heruntergefahren“ wird. Denn viele von uns, wenn nicht die meisten, brettern mit Hochgeschwindigkeit durch das Leben. Bestimmt durch Hektik, Stress und gleichzeitig geprägt von einem Glücksanspruch, dem man verzweifelt und erfolglos versucht, gerecht zu werden. Wollten wir nicht längst innehalten? Alles neu bedenken? Vielleicht sogar etwas ändern?

Gelegenheit, uns auf uns selbst zu konzentrieren

Nun bekommen wir die Gelegenheit. Wir werden auf eine Art und Weise auf uns selbst konzentriert, auf uns zurückgeworfen sein, losgelöst von täglicher Routine, Zeitnot und auch einigermaßen befreit vom Konsumterror, wie wir es bislang nicht kannten. Wir werden eine Weile die Welt mit anderen Augen sehen. Die Grenzschließungen und sonstigen Zwangsmaßnahmen werden uns den Wert der Freiheit, Europas und der Vielfalt in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Wir werden lernen, warum Videokonferenzen den direkten Kontakt zwischen Menschen mal sinnvoll ersetzen können, ein anderes Mal als Mangel empfunden werden. Wir drehen uns in den eigenen vier Wänden und entdecken plötzlich Bücher, die Plattensammlung und sogar den eigenen Partner neu. So könnte es doch sein. Oder? Draußen brechen die Börsenkurse und der CO2-Ausstoß ein. Und wir hoffen, dass beides die Welt besser macht. Nach Corona fängt dann ein neues Zeitalter an. Es fehlt nicht an Zeitgenossen, die genau davon schon jetzt, also eher am Anfang der Krise, träumen.

Vorbei mit der erzwungenen Besinnlichkeit

Kein Zweifel, wir werden auch diese Krise überwinden. Und danach? Wird es vorbei sein mit der Besinnlichkeit! Die ist schließlich erzwungen. Wer kann, wird alles nachholen, was er verpasst hat – oder glaubt, verpasst zu haben. Die Entschleunigung wird von doppelter Geschwindigkeit abgelöst. Wer es sich noch leisten kann, wird reisen, feiern und energiegeladen dem Mammon hinterherlaufen. Andere müssen vielleicht ihr Geschäft neu aufbauen, sich einen neuen Job oder eine neue Wohnung suchen. Dann werden wir wieder erschöpft sein und erneut von Entschleunigung träumen.

Meist sind die Chancen verhältnismäßig klein

In der Krise liegen Chancen? Sicher. Aber sie wachsen nicht mit der Größe der Krise. Meistens sind die Chancen dann doch eher verhältnismäßig klein. Immerhin: Der Wunsch, sich des oft von kalter Wirtschaftslogik geprägten Alltags zu entziehen, ist ja bei vielen vorhanden. Sollte sich dieser Wunsch mit den aktuellen Krisenerfahrungen verbinden, kommt vielleicht ein bisschen Neuanfang heraus. Mehr darf man nicht erwarten. Denn wenn etwas entschleunigt daherkommt, dann ist es der gesellschaftliche Fortschritt. Andererseits: Auch langsame Bewegungen sind Bewegungen.

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