Leitartikel Helmut Schneider zum Auslöser der Finanzkrise vor zehn Jahren Lehren aus Lehman

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Ulm / Helmut Schneider 14.09.2018

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor zehn Jahren löste eine Kettenreaktion aus, deren Ende noch nicht absehbar ist. Der Lehman-Kollaps markiert einen historischen Meilenstein in mehrerlei Hinsicht – finanztechnisch, ökonomisch, politisch, philosophisch gar. Lehman ist Fanal für die Gefahren einer globalisierten Welt ebenso wie für die Hoffnung, sie bändigen zu können.

Die Frage, ob sich Lehman und die verheerenden Folgen wiederholen können, muss leider ebenso illusionslos beantwortet werden wie zum Beispiel die Frage, ob es neue Kriege geben kann, wo man doch weiß, warum die alten geführt wurden. Tatsächlich sind verheerende Banken-, Börsen-, Wirtschafts- und politische Krisen nie auszuschließen. Es ist aber schon etwas gewonnen, wenn sie unwahrscheinlicher werden. Von Lehman lernen, heißt vorbeugen lernen.

Die Lehren aus Lehman folgten zunächst dem jeweiligen politischen Interesse. Bis heute wird die Mär erzählt, die ungezählten Milliarden an Staatshilfen seien geflossen, um die Banken und ihre Bosse zu retten. Richtig ist, dass der Geldkreislauf gerettet werden musste, um den Zusammenbruch der Wirtschaft und damit des Gemeinwesens zu verhindern. Das wird immer so sein müssen.

Der Beinahe-Crash des Finanzsystems hatte zwar eine Ursache darin, dass die Fesseln der Kontrolle zuvor gelockert wurden. Als ebenso verheerend stellte sich aber auch das gut gemeinte Ziel heraus, Menschen Wohneigentum zu ermöglichen, die es sich eigentlich nicht leisten konnten. Lehman hatte zwei Väter:  der neoliberale Glaube an die Selbstregulierung des Marktes und die Sozialpolitik. Beides kann zerstörerisch wirken, wenn Maß und Ziel nicht mehr im Lot sind.

Was hat die Politik gelernt? Sie hat mit einer Vielzahl neuer Vorschriften versucht, die Ausgrenzungen der Finanzindustrie wieder einzuhegen. Manches mag dabei Alibi und Aktionismus sein. Richtig war der Ansatz, den Banken mehr Eigenkapital bei ihren Kreditvergaben abzuverlangen. Es müsste jedoch noch mehr sein, damit das entscheidende Prinzip jeden ökonomischen Handelns besser wirkt: eigene Haftung für eigenes Risiko.

Keinen Schritt vorangekommen ist die sinnvolle Idee, Großbanken in zwei Teile zu trennen. Keine Rede mehr ist von einer Steuer auf Börsentransaktionen, die so genannten Schattenbanken sind größer denn je und werden kaum überwacht. Auch die Großbanken sind nicht kleiner geworden. Das Risiko, dass sie den bei Lehman erlebten Domino-Effekt auslösen, ist heute eher größer. Hinzugekommen sind Gefahren der Digitalisierung: Cyberangriffe.

Die größte Gefahr für Lehman 2.0 geht aber von der Politik aus. Die großartige Krisenbekämpfung hat die Staatsverschuldung erhöht  – ohne dass sie wieder reduziert wurde. Schuldenabbau ist unpopulär. Populär geworden sind dagegen Populismus und Protektionismus. Wozu sie führen werden, mag man sich nicht ausmalen. Die finanztechnischen Risiken sind heute kleiner, die politischen aber größer. Noch längst sind nicht alle Lehren aus Lehman gezogen.

leitartikel@swp.de

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