Ob der Online-Versandhandel von Cannabis im Zuge der von der Bundes­regierung geplanten Legalisierung erlaubt werden soll, entwickelt sich zum Streitpunkt innerhalb der Ampel-Koalition. Im Eckpunkte­papier, das Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vor wenigen Tagen vorgestellt hat, ist der Online-Handel mit Marihuana nicht vorgesehen, er bedürfe „weiterer Prüfung“. Für die mitregierende FDP spielt der Online-Handel hingegen eine „entscheidende Rolle“, um dem Schwarzmarkt die Stirn bieten zu können.
„Die SMS an den Dealer darf nicht einfacher sein als der Kauf von legalem Cannabis“, sagt die sucht- und drogenpolitische Sprecherin der FDP, Kristine Lütke. Eine Online-Bestellung sei nicht nur simpel und bequem, sondern auch sehr sicher. Schon heute könnten online Konten eröffnet werden, argumentiert Lütke. „Die technischen Voraussetzungen für risiko­minimierten Online-Handel mit Blick auf Jugendschutz sind bereits vorhanden.“

Medizinisches Cannabis in Apotheken

Niklas Kouparanis ist CEO und Co-Founder der Bloomwell Group, nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Unternehmen für medizinisches Cannabis, das Patienten in Online-Apotheken kaufen können. Er sagt im Gespräch: „Beim medizinischen Cannabis gibt es die höchste Regulatorik. Es ist ein sehr praktikables Modell – und vor allem: Wir machen es schon.“

Berlin

Wie funktioniert es? Kouparanis erklärt, dass der Weg von der Apotheke zum Patienten komplett kontrolliert sei. Bei der Übergabe durch den Postboten an den Patienten gebe es eine Ausweiskontrolle. Nur die Person, die das medizinische Cannabis bestellt habe, dürfe das Paket annehmen. Für Kapouranis steht fest: „Der Online-Handel ist unentbehrlich.“ Es gebe kein rationales Argument dagegen.
Infografik: Gleiches Recht für alle Drogen und Genussmittel? | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista
Kanada, bisher die größte Volkswirtschaft, in der Cannabis legalisiert wurde, hat den Online-Handel erlaubt. Michael Armstrong, der sich als Assoziierter Professor an der Brock University intensiv mit der dortigen Legalisierung beschäftigt, rät Deutschland dazu, ebenfalls diesen Weg zu gehen. Doch mit Blick auf die Erfahrungen in Kanada schränkt er ein: „Nach der Legalisierung wurde schnell klar, dass Konsumenten es bevorzugen, Cannabis in Geschäften zu kaufen.“

Je mehr Cannabis-Geschäfte, desto weniger wird online gekauft

Zum Start der Legalisierung im Oktober 2018 seien in Kanada 43 Prozent der Käufe Online erfolgt, rechnet Armstrong vor. Im September 2019, als es immer mehr Fachgeschäfte gab, sank der Anteil auf sechs Prozent. Armstrong schätzt, dass er sich seitdem nochmal halbiert hat. Mögliche Gründe für die Präferenz des analogen Kaufs sind laut Armstrong, dass die Konsumenten das Produkt vorher sehen und riechen können, die Beratung durch fachkundiges Personal und die Anonymität. Denn: „Um online zu kaufen, benötigt man einen Account bei dem Verkäufer und eine Kreditkarte. Das sind zwei elektronische Nachweise, dass man Cannabis-Konsument ist – die gehackt und öffentlich werden können.“