Das sind die unbestaubten Filter, so wie sie aus dem Labor kommen“, sagt Messtechnikerin Heike Robakowski und präsentiert eine Art Teller mit Einsatz. „Und das sind die Filter von gestern.“ Blütenweiß hier. Rußgrau dort. Dazwischen liegen 24 Stunden nahe jener Kreuzung, die jahrelang Deutschlands dreckigste war. Wer Feinstaub für eine Phantom hält: Am Stuttgarter Neckartor lässt er sich schwarz auf weiß sehen. Die Stickstoffdioxid-Grenzwerte werden hier regelmäßig gerissen.
In der bekanntesten Messstation Deutschlands sorgen Ventilatoren für einen gehobenen Lärmpegel. Verglichen mit dem aber, was von außen heranbrandet, wirkt der Container der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) wie eine Schutzkapsel: 60.000 Autos pro Tag fahren im Schnitt vorbei. „Heute ist es etwas besser“, findet LUBW-Chemiker Sebastian Scheinhardt. „Normalerweise hat man ja ein pelziges Gefühl auf der Zunge.“
Der Kontrollabschnitt an der B14 liegt zwischen dem Autohaus Schwaben-Garage und einer ADAC-Niederlassung. Ansonsten: ein Wohnhaus, das Sozialgericht, ein Studentenwohnheim. An der Außenwand der Station hat jemand einen trotzigen Aufkleber hinterlassen: „Mein Diesel hat in Deutschland die AU bestanden.“ Doch seit Januar gilt in Stuttgart ein flächendeckendes Fahrverbot für Dieselfahrzeuge mit Euro 4 oder schlechter. Wenn die Situation sich bis zum Sommer nicht bessert, drohen Fahrverbote auch für Euro-5-Diesel.

Üppiger als andere Modelle

200.000 Euro kostet die Station so, wie sie hier steht. Sie ist üppiger ausgestattet als andere Modelle: Zwei Staubsammler für die Feinstaubklassen PM10 und PM2,5 beschichten pro Tag einen Filter, nachts wird automatisch gewechselt. Weil die Analyse drei Wochen dauert und damit zu lang für die Öffentlichkeit, wird parallel mit Streulichtverfahren gemessen. Zur Sicherheit gibt es dieses System gleich zweimal. Beim Stickstoffdioxid (NO2) erfolgt die offizielle Variante kontinuierlich per Gasanalysator. Ergänzend kommen im ganzen Stadtgebiet sogenannte Passivsammler zum Einsatz, die klein und kostengünstig sind. An der Station Neckartor hängen sie auch: „Dieses einfache Verfahren muss geprüft werden“, erklärt Robakowski, „und wir prüfen das hier gegenüber dem kontinuierlichen Verfahren“. Die Station sammelt neben Wetterdaten auch Benzol- und Ammoniak­Proben.
Rechts und links der B14 zeugen allerlei Vorrichtungen vom Versuch, die Werte zu drücken: Radarfallen und Fahrzeugzähler, Passivsammler und 17 mächtige „Feinstaubfresser“, die in einem Pilotprojekt Luftreinigung testen. Nachts wird die Strecke geputzt; alle fünf Minuten surrt ein neuer Hybrid-Expressbus vorbei. Ein Versuch mit Mooswänden ist gescheitert, dafür sollen demnächst Wandfarbe und Fahrbahnbelag NO2 binden. Zuletzt sind die Werte gesunken, beim Feinstaub wie auch beim NO2. Nur niedrig genug sind sie nicht. Kurz vor knapp wird deshalb um die Prüfstellen selbst gerungen.
Rechtsgrundlage für die Messverfahren sind die EU-Richtlinie über Luftqualität und die 39. Bundesimmissionsschutz-Verordnung, die diese seit 2010 in nationales Recht umsetzt. Dieses legt neben den Grenzwerten auch die Mindestanzahl der Messstationen und ihre Standortkriterien fest. Der Messeinlass muss sich zum Beispiel grundsätzlich in einer Höhe zwischen 1,5 Meter (Atemzone) und 4 Meter über Boden befinden, heißt es in den Richtlinien. Am Neckartor liegt er bei 3,20 Meter. Von verkehrsreichen Kreuzungen muss die Station mindestens 25 Meter entfernt stehen; am Neckartor sind es 40. Auch von Gebäuden muss die Messstelle bestimmte Abstände einhalten, um Luftzirkulation zu gewährleisten. Und bis 2017 wiesen ergänzende Messungen wie vorgeschrieben „die Repräsentativität der Messstation für einen Straßenabschnitt von mindestens 100 Meter Straßenlänge“ nach.

38 neue Messstationen

Doch 2018 wichen die Jahresmittel signifikant ab: An der Station selbst sank der Wert gegenüber dem Vorjahr um zwei Mikrogramm pro Kubikmeter. Entlang der Strecke ging die Belastung aber um sechs bis neun Mikrogramm zurück. Das Jahresmittel fürs Neckartor liegt damit nun in einer Spanne von 57 bis 71 Mikrogramm. Einerseits unter dem Spitzenwert von 120, der 2005 ermittelt wurde, andererseits jenseits des EU-Grenzwerts von 40 Mikrogramm. Die 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, die die Bundesregierung künftig erlauben will, sind aber womöglich in Sichtweite. Die Koalition schöpft daraus frischen Mut: 38 neue Messstationen über alle Stadtgebiete hat die Regierung angekündigt; dann werde an 52 Stellen gemessen.

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Stuttgart

Die Messstelle am Neckartor

Erstmalig wurden Messungen am Neckartor laut Verkehrsministerium 2001/2002 durchgeführt. 2004 wurde der Standort in das damals neu aufgelegte „Spotmessprogramm“ für straßennahe Messungen aufgenommen. Seither wurde laufend optimiert.

Der Standort wurde gemeinsam von Regierungspräsidium Stuttgart und dem damaligen Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg als mutmaßlich hochbelastete verkehrsnahe Messstelle vorgeschlagen.