Michael Burgenmeister ist ratlos. Der Leiter des Theodor-
Heuss-Gymnasiums in Esslingen möchte wie in jedem Jahr seinen Sport-Leistungskurs auf Klassenfahrt schicken. Doch er weiß immer noch nicht, wie er das finanzieren soll. „Im Januar müssten wir die Unterkunft buchen. Das wird spannend“, sagt der Vorsitzende der Direktorenvereinigung Nordwürttemberg dieser Zeitung.
Burgenmeister ist nicht allein mit seiner Sorge. Auch viele seiner Kollegen in anderen Bundesländern sind unsicher, wie sie Klassenreisen künftig organisieren sollen. Grund ist ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Künftig wird es nicht mehr möglich sein, dass Lehrer freiwillig auf die Erstattung ihrer Auslagen verzichten, um den Reise-Etat der Schule zu schonen. Gut für die Lehrer, schlecht für gemeinsame Unternehmungen. Eine solche Praxis hat viele Klassenfahrten bisher erst ermöglicht.

Verunsicherung bei Schülern, Lehrern und Eltern

Die Aufregung ist groß an den Schulen. Schüler und Eltern fürchten, dass Klassenfahrten künftig wegen strengerer Auflagen und unklarer Finanzierung kaum noch stattfinden können. Auch Lehrer fühlen sich unter Druck. Noch warten viele Schulleitungen ab, doch sie könnten sich bald gezwungen sehen, erste Reisen abzusagen. Dabei gehören Schulfahrten eigentlich zur Schule wie die Klingel zur großen Pause. Pädagogen schätzen diese kleine Auszeit mit ihrer anschaulichen Art der Wissensvermittlung sehr. Und viele Schüler freuen sich darauf, mit ihren Lehrern auf Exkursion zu gehen. Sie reisen beispielsweise nach Berlin zum Reichstag oder übernachten in einer nahe gelegenen Jugendherberge.
Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat in den Ländern eine regelrechte Regulierungswelle ausgelöst. So will Schleswig-Holstein unterbinden, dass Lehrkräfte einen Teil ihrer Auslagenerstattung den Fördervereinen der Schule spenden. Mit dem Geld hatten die Vereine manche Reise erst ermöglicht. Baden-Württemberg sprach ein generelles Verbot für Fahrten aus, bei denen die Lehrkräfte auf ihr Geld verzichten. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) stellte zwar jetzt in Aussicht, dass der Landeszuschuss verdoppelt werden soll. Doch der Esslinger Schulleiter Burgenmeister ist skeptisch. „Entscheiden muss das Finanzministerium, und das hat bisher blockiert“, sagt er.

Brandenburg geht voran

Vorbild könnte Brandenburg sein, das seine Probleme mit Klassenfahrten inzwischen weitgehend gelöst hat. Ein Pädagoge hatte 2013 vor Gericht durchgesetzt, dass er seine Reisekosten nicht mehr vollständig selbst bezahlen musste. In der Folge stoppte die Landesregierung von einem auf den anderen Tag alle anstehenden Fahrten. Manche Schule musste daraufhin ihre Reisen stornieren, andere verschoben die Planungen auf unbestimmte Zeit. Mittlerweile sei „gewährleistet, dass den Lehrkräften die anfallenden Reisekosten erstattet werden können“, wie das Potsdamer Bildungsministerium betont.
Die finanziellen Rahmenbedingungen von Klassenreisen sind immer wieder in der Diskussion.  Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) möchte, dass Lehrer wie normale Arbeitnehmer behandelt werden. „Überall ist es selbstverständlich, dass Dienstreisen vom Arbeitgeber gezahlt werden“, heißt es. Nur Lehrer sollten „in ihre eigene Tasche greifen“. Deshalb fordert die GEW: Was nicht finanziert werde, „findet nicht statt“.

Bürokratie erschwert Engagement

Was aber doch stattfindet, ist oft sehr kompliziert. Der Geschäftsführer des Bundesforums Kinder- und Jugendreisen, Dennis Peinze, verweist darauf, dass es in den 16 Bundesländern 16 verschiedene Regelungen gebe. „Sie reichen von unterschiedlichem Umgang mit Freiplätzen in einer Unterkunft bis zu Sonderregelungen, wonach Schüler nur zu Zielen in ihrem eigenen Bundesland reisen dürfen, wenn die Fahrt gefördert werden soll.“
Dabei sei eigentlich allen klar, wie wertvoll Erfahrungen sind, die Schüler auf solchen Jugendreisen sammeln. „Ein Geschichtslehrer zum Beispiel kann die Reformation im Unterricht durchnehmen. Aber viel schöner ist es natürlich, wenn mit seinen Schüler eine Fahrt nach Wittenberg unternimmt.“
Bürokratie erschwere zunehmend auch das Engagement der Eltern. Der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, nennt ein Beispiel: „Um Geld einzusammeln, hat es bei uns in Hessen früher gereicht, wenn ich bei meiner Bank ein Unterkonto eröffnet habe“, sagt er dieser Zeitung. Heute sei das anders. Es gebe plötzlich Bedenken, dass jemand in die Kasse greife. „Deshalb brauchen wir ein Extra-Konto – und die schriftliche Einwilligung des Schulleiters.“

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Bürokratie

16 unterschiedliche Regelungen – also für jedes Bundesland eine eigene – gibt es für die Durchführung von Klassenfahrten zum Beispiel, in welchem Umkreis sie stattfinden darf.