Kiesewetter-Mord Zweifel im Polizistenmord nicht ausgeräumt

Trauermarsch am 30. April 2007 für die getötete Polizistin Michèle Kiesewetter.
Trauermarsch am 30. April 2007 für die getötete Polizistin Michèle Kiesewetter. © Foto: Norbert Försterling/dpa
Heilbronn / Thumilan Selvakumaran 12.07.2018

Das Urteil ist gesprochen, Fragen bleiben – gerade im Bezug auf den Heilbronner NSU-Mord. Das Oberlandesgericht ist überzeugt, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 25. April 2007 auf der Theresienwiese mit Kopfschüssen Michèle Kiesewetter  getötet und ihren Streifenkollegen Martin Arnold lebensgefährlich verletzt haben. Die Täter seien zufällig auf die Polizisten gestoßen, hätten sich spontan zur Tat entschieden. Damit bleibt das Gericht bei der These der Bundesanwaltschaft. Hinweise, dass es anders gewesen sein könnte, gab es viele, nicht nur im Prozess in München, auch in der Polizei und im Stuttgarter U-Ausschuss.

Zweifel an der Zufalls-Opfer-Theorie kamen auf, weil es im Heimatort von Kiesewetter Verbindungen zum NSU-Umfeld gab. Auch die Zwei-Täter-Theorie halten einige Experten nicht für haltbar. Zeugen blieben unberücksichtigt, die nach der Tat blutverschmierte, flüchtende Personen gesehen haben wollen. Deren Angaben stützten sich gegenseitig, so Ermittler. Demnach wären bis zu sechs Personen beteiligt gewesen. Die Polizei glaubte den Zeugen, die Bundesanwaltschaft blieb aber dabei, dass nur Mundlos und Böhnhardt die Mörder waren.

Phantombilder, die nach Angaben der Zeugen und des überlebenden Polizisten gezeichnet wurden, ähneln aber weder Mundlos noch Böhnhardt. Auch eine Jogginghose mit Blutspritzern von Kiesewetter, die in der NSU-Wohnung gefunden wurde, deutet auf mehr als zwei Täter hin. Derjenige, der die Hose trug, sei eher in der zweiten Reihe gestanden und nicht der Schütze gewesen, erklärte ein Sachverständiger vor dem Oberlandesgericht.

Walter Martinek, Nebenklagevertreter von Arnold, erklärte in seinem Plädoyer, dass es sich bei der von der Bundesanwaltschaft vertretenen Theorie auch nur „um eine von mehreren Möglichkeiten handelt, die letztlich alle spekulativ sind“. Bei seinem Mandanten blieben Fassungslosigkeit und Zweifel an der Aufklärung.

Der Autor, Redakteur unserer Zeitung, recherchiert seit Jahren intensiv zum NSU und dem Polizistenmord. Er ist Mitautor und Mitherausgeber des neuen Buchs: „Ende der Aufklärung – Die offene Wunde NSU“, Verlag Klöpfer&Meyer, erhältlich seit gestern als E-Book und ab 30. Juli im Buchhandel.

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