Es bedarf eines ganzen Dorfes, um ein Kind großzuziehen, lautet ein afrikanisches Sprichwort. "So in etwa ist es auch bei uns", sagt Gabriele Wagner und lacht. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann 20 Kilometer nordwestlich von Tübingen in Herrenberg, im "Weitblick". Das sechsstöckige Haus mit 28 Wohnungen auf einem 1400 Quadratmeter großen Grundstück ist ein besonderes Wohnquartier.

Die heute 57-jährige Gabriele Wagner gehörte zu den sechs Mitbegründern des Wohnprojekts vor elf Jahren. "Wir haben überlegt, wie wir in Zukunft leben wollen, die demographische Entwicklung spielte dabei genauso eine Rolle wie die ökologischen Aspekte", erinnert sich Wagner. Das Projekt des Stuttgarter Architekten Rainfried Rudolf, der ein Passivhaus plante, überzeugte sie. Und so wurde aus der kleinen Baugemeinschaft eine Architektengemeinschaft, bei der der Architekt das Projekt für die Bauherren plant, weitere Mitbauende sucht und das Haus baut. "Der Architekt übernimmt die Regie, das Bühnenprogramm gestalten die Einwohner", sagt Rudolf schmunzelnd.

Er hatte eine genaue Vision von dem Wohnhaus. Und diese entsprach den Vorstellungen der künftigen Einwohner. Sie ließen sich auch für das etwas unwirtliche Grundstück am Bahndamm begeistern. Dieses schien zunächst völlig ungeeignet - so ungünstig entlang der Gleise am Ende einer Straße gelegen. Doch die gewählte passive Bauweise dämmt und schützt vor Lärm. "Somit bekommen wir im Haus nichts vom Zugverkehr mit und die leicht erhöhte Lage gewährt einen schönen Ausblick, daher auch der Name", sagt der Stuttgarter, der schon seit 15 Jahren Baugemeinschaften betreut.

Nachdem das Grundstück ausgewählt und gemeinsam von allen Mitbauenden gekauft war, haben die künftigen Einwohner in Arbeitsgruppen über Details wie Gemeinschaftsflächen oder Balkone gesprochen. Das Grundgerüst des Wohnprojektes als solches stand in groben Zügen schon fest. Die einzelnen Wohnungen wurden nach individuellen Wünschen gestaltet und gebaut. Es gibt darunter große Fünf-Zimmer-Wohnungen mit 135 Quadratmeter-Fläche und kleinere mit 65 Quadratmetern und nur zwei Zimmern. Etwa eineinhalb Jahre haben der Architekt und die Bauherren für die Vorplanung gebraucht und nochmal so viel Zeit für den Bau. Ihre Drei-Zimmer-Wohnung hat Gabriele Wagner mit ihrem Mann im "Weitblick" 2011 bezogen, ihre damals schon volljährigen Söhne eine Wohnung nebendran. Das Endergebnis und die Art des Zusammenlebens habe ihre Vorstellungen mehr als übertroffen, sagt sie. Und aus wirtschaftlicher Sicht hätte sich das Wohnprojekt auch gelohnt. Da hier alles aus einer Hand käme, würden die Kosten niedriger als bei anderen Projekten liegen, sagt Rudolf. Der Quadratmeterpreis im "Weitblick" beträgt 2300 Euro.

Das soziale Konzept des Hauses schlägt sich in der Architektur nieder. Man könnte es mit dem eines Dorfes vergleichen. Wie früher auf dem Land kennen sich die Nachbarn hier, leben in einer großen Gemeinschaft, Kinder und ältere Menschen werden unterstützt. Es herrscht ein Geben und Nehmen, ohne dass jemand dazu verpflichtet wird. "Vieles ist bei uns selbstverständlich", sagt Gabriele Wagner, die zugeben muss, dass sie überrascht war, wie gut diese durchaus idealistische Form des Zusammenlebens funktioniert. Eine Nachbarin versorgt zum Beispiel das Kind einer anderen Bewohnerin des Wohnquartiers, wenn diese schnell zu einem Termin muss und der Kindergarten gerade wieder mal geschlossen ist. "Ich habe früher in einem Einfamilienhaus gewohnt", sagt die 57-Jährige. "Ich hätte mir gewünscht, als meine Kinder noch klein waren, in so einem Haus wie ,Weitblick zu leben. Vieles wäre viel einfacher gewesen."

Die 50-jährige Sabine Sachse überlegte früher schon mit Freunden zusammenzuziehen. Bei "Weitblick" überzeugte sie die Wohnform. "Es ist herrlich, dass man so vieles miteinander machen kann und sich gegenseitig hilft", sagt sie. Egal, ob es darum geht, beim Einkaufen zu helfen oder gemeinsam zu frühstücken.

Die Einwohner verwalten das Haus als Eigentümergemeinschaft zusammen. Es ist aber keine Kommune und keine Genossenschaft. "Schön ist dieses Zwanglose", findet die Hebamme, die mit ihrem Mann, der als Gemeindediakon in der Jugendarbeit tätig ist, hier lebt. Trotzdem, räumt sie ein, eigne sich diese Wohnart nur für Menschen, die eine gewisse Toleranz und Offenheit gegenüber anderen mitbringen. Für Einzelgänger dürfte das Zusammenleben hier eher schwierig sein, meint Sachse. "Man begegnet sich oft, und wir machen vieles zusammen, sei es in den vielen Arbeitskreisen rund um die Verwaltung des Hauses oder in unseren Musik- und Theatergruppen." Gabriele Wagner rät dazu, sich noch vor dem Ruhestand für diese Wohnform zu entscheiden. "Später wird es etwas schwieriger", sagt sie. Zumal gewisse Flexibilität und Offenheit von den Einwohnern verlangt wird.

Wenn Besucher das große Haus betreten, in dem 60 Einwohner im Alter von zwei bis 71 Jahre leben, sind sie von der hellen, angenehmen Atmosphäre überrascht. Die offene Bauweise mit großem lichtdurchflutetem Atrium in der Mitte erinnert ein wenig an das Konzept mancher Hotels und Einkaufszentren. Auf den runden Gängen trifft man einander, wie früher auf dem Dorfplatz, ohne sich groß zu verabreden. Die großen Wohnungstüren sind verglast und können weit in den Flur hinein geöffnet werden, dadurch wird der Wohnraum größer und das Private vermischt sich mit dem Öffentlichen - wenn man es möchte. Wenn es einem nach Rückzug und Alleinsein ist, dann lässt man einfach die Rollos an der Tür nach unten, schließt ab und ist für sich, wie Gabriele Wagner mal an einem Silvesterabend: "Im Haus gab es eine große Party, mir ging es nicht gut, also blieb ich in der Wohnung. Da sie gut isoliert ist, habe ich fast nichts gehört." Das sei eben anders als auf dem Dorf, meint sie. Individualität und Gemeinschaft seien gleichzeitig möglich und erlebbar.

"Für das kleine Herrenberg war diese Art des Zusammenwohnens schon etwas Exotisches", sagt Gabriele Wagner. Die Baugemeinschaft wollte aber mit ihrem Wohnprojekt gezielt das, was eher in Großstädten zu finden ist, im ländlichen Raum anbieten. Das würdigt nun auch ein landesweiter Wettbewerb unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. "Weitblick" wurde neben 18 anderen Projekten ausgewählt. Unter dem Motto "So wollen wir wohnen" schafften es 18 Projekte in die Finalrunde. Prämiert werden Objekte, die eine neue Vorstellung vom Wohnen in der Zukunft mit der dazu passenden Architektur verbinden, wie es im "Weitblick" der Fall ist. Ein Folgeprojekt entsteht auch schon: "Stadtwerk" in Herrenberg. Dabei sind viele Interessenten, die bei "Weitblick" nicht zum Zug kamen.