Deutschland hat laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr etwa 400 000 Zuwanderer hinzugewonnen - so viel, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die gesamte Einwohnerzahl stieg damit das dritte Jahr in Folge auf nun 80,8 Millionen Menschen. "Deutschland ist zum Magneten vor allem für gut qualifizierte Zuwanderer geworden", sagt Migrationsforscherin Christine Langenfeld. "Wenn wir keine Wanderung hätten, würde die Bevölkerung jedes Jahr um rund 200 000 Personen schrumpfen", sagt Arbeits- und Migrationsforscher Herbert Brücker.

Die aktuelle Debatte über die angebliche Armutszuwanderung aus Rumänien und Bulgarien ist nach Ansicht der Fachleute kontraproduktiv. Sie sind überzeugt, dass Deutschland stattdessen mehr für die Integration der meist jungen Menschen aus anderen Ländern tun muss. Für Franziska Woellert, Mitarbeiterin am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, steht fest: "Die Mehrheit dieser Menschen kommen als Qualifizierte bis Hochqualifizierte zu uns - mit entsprechenden Arbeitsstellen und dem, was sie in unsere Sozialsysteme einbezahlen." Die Wissenschaftlerin ist überzeugt: "Sie fühlen sich mit Sicherheit nicht willkommen, angesichts einer solchen Diskussion." Und Migrationsforscher Brücker erinnert daran, dass die Anspruchsvoraussetzungen für Sozialleistungen die gleichen geblieben sind. Er geht zudem nicht davon aus, dass die Zuwanderung nach Deutschland dauerhaft so stark bleibt.

Woellert verweist auf die demografische Entwicklung. 2013 standen laut Statistik etwa 695 000 Geburten etwa 905 000 Sterbefälle gegenüber. Im Jahr 2050 kämen Hochrechnungen zufolge sechs Rentner auf zehn Menschen im erwerbsfähigen Alter - doppelt so viele als derzeit. Nach Ansicht des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) muss Deutschland für Zuwanderer attraktiver werden. Bis 2020 sinke das Potenzial an Erwerbstätigen um 6,5 Millionen Menschen, hatte BDI-Präsident Ulrich Grillo jüngst gesagt.

Zuwanderung kann nach Einschätzung von Migrationsforscherin Langenfeld den Fachkräftemangel abfedern, etwa von Pflegekräften und Ingenieuren. Die meisten Zuwanderer seien jung und bekämen in Deutschland auch Kinder, ergänzt Woellert. "Deutschland muss etwas tun, damit sie nicht in großer Zahl zurückgehen." Junge Spanier beispielsweise, die begeistert in der Bundesrepublik ihr Glück versuchten, blieben mit ihrer Heimat - über Reisen und moderne Kommunikationswege - verbunden. Sie seien bereit, später zurück oder in andere Länder zu gehen.

Ausschuss soll bis Juni Ergebnisse vorlegen