ZUR PERSON: Letzter Pfeil im Köcher

Bald Ministerpräsidentin Tschechiens? Miroslava Nemcova. Foto: dpa
Bald Ministerpräsidentin Tschechiens? Miroslava Nemcova. Foto: dpa
HANS-JÖRG SCHMIDT 22.06.2013
Miroslava Nemcova könnte die erste Premierministerin Tschechiens werden. Im Unterschied zu vielen Parteifreunden ist sie nicht vorbelastet.

In tiefsten Krisenzeiten scheint in Tschechien alles möglich: Die von reichlich Machos geprägte Politikergilde der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) nominiert eine Frau für das Amt des Regierungschefs. Miroslava Nemcova könnte die erste Premierministerin des Landes werden. Es ist der 61-Jährigen aus Südmähren nicht leicht gefallen, dem Ruf der Parteiführung zu folgen. Aber nach Rücksprache mit ihrer Familie sagte sie doch zu. "Ich bin jetzt 15 Jahre Abgeordnete. Es ist kein schlechter Zeitpunkt, gerade jetzt etwas zurückzugeben, was ich immer bekommen habe: Vertrauen und Unterstützung." Als man sie im vergangenen Jahr überreden wollte, für das Präsidentenamt zu kandidieren, hatte sie der ODS noch einen Korb gegeben. Dabei hätte sie sich gute Chancen ausrechnen können.

Nemcova ist seit Jahren bei den Wählern sehr beliebt. Sie unterscheidet sich in einem Punkt ganz wesentlich von fast allen ihren männlichen Kollegen aus der ODS-Führungsriege: Sie ist nicht im Geringsten durch irgendeinen Skandal belastet. Logisch, dass die oppositionellen Sozialdemokraten sie sofort als "Feigenblatt" für ihre korrupten Kollegen herabzuwürdigen versuchten.

Die Mutter eines Arztes, die seit ihrem 18. Lebensjahr mit ihrem Mann zusammen ist, ist niemand, der kuscht. Zwar bemühte sie sich als Parlamentspräsidentin, mit allen Parteien im Abgeordnetenhaus gut auszukommen. Aber sie kann auch auf den Tisch hauen.

Für Nemcova spricht ihre Erfahrung in der Politik. Gegen sie, dass sie immer nur Funktionen im Parlament hatte. Sie hat nie einer Regierung angehört und gilt auch nicht als Wirtschaftsexpertin. Sie war der letzte Pfeil, den die ODS im Köcher hatte.