ZUR PERSON: Der blinde Richter

Der erste blinde Richter am BGH: Hans- Eugen Schulze.
Der erste blinde Richter am BGH: Hans- Eugen Schulze.
STEFANIE DODT, DPA 11.04.2012
Seine Berufung war eine Sensation: 1963 wurde Hans-Eugen Schulze der erste blinde Richter am BGH. Gestern wurde er 90 Jahre alt.

Mit 17 steckte sein Leben in der Sackgasse. Hans-Eugen Schulze war seit frühester Kindheit blind und seine vorgezeichnete Laufbahn an ihrem Ende: Er hatte seine Ausbildung an der Blindenschule Soest beendet und sollte von nun an für den Rest seines Lebens Stühle und Matten flechten, telefonieren oder stenografieren. Viel weiter konnte man als Blinder im Jahr 1939 nicht kommen. Ein Vierteljahrhundert später war Schulze wieder an einem Punkt, an dem es nicht mehr weiterging - aber diesmal, weil man tatsächlich nicht weiter kommen kann: 1963 wurde er Richter am Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe. Gestern wurde Schulze mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet, an seinem 90. Geburtstag.

Bei seinem ersten Kontakt mit der Justiz war Schulze das kleinste Rädchen. Die Richter am Landgericht Dortmund diktierten ihm Strafurteile, Schulze brachte sie zu Papier. "Dann hab ich mir eingebildet, ich müsste das auch können, wenn ich studiert hätte." Er schmiss den Job, holte sein Abitur nach und schrieb sich in Marburg für Jura ein. Schulze kämpfte sich durchs Studium, bestand mit der Note 1. Er promovierte und wurde Richter am Landgericht Bochum.

Im Gerichtsalltag stand Schulze eine Vorleserin zur Seite, die ihm die Akten auf Kassetten sprach. So habe er seinen Beruf ganz normal ausführen können, zumindest fast. Die Berufung zum Bundesrichter 1963 war eine Sensation. "Ich war glücklich, irgendwie demütig und dankbar. Aber ich habe hart dafür gekämpft." Bis heute hat es nur einen weiteren blinden Richter am BGH gegeben. Hans-Eugen Schulze ist zufrieden, auch wenn eine Computerstimme ihm die Uhrzeit vorlesen muss. "Ich habe mein Leben bestmöglich gelebt."

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