Kommentar Günther Marx zur Abschiebung Jakiv Palijs Zu wenig, zu spät

Günther Marx
Günther Marx © Foto: Gerd Markert
Berlin / Günther Marx 22.08.2018

Der Fall des jetzt nach Deutschland abgeschobenen ehemaligen KZ-Wächters Jakiv Palij erinnert an jenen des John Demjanjuk. Auch dieser war ein gebürtiger Ukrainer, auch er ließ sich nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in Gefangenschaft halb freiwillig, halb erzwungen und in elender Lage von der SS als Hilfskraft für deren Konzentrations- und Vernichtungslager anwerben.

Die sogenannten Trawniki-Männer bildeten – nach einem bösen Wort – das „Fußvolk der Endlösung“; die unterste Stufe der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten. Damit machten sie sich nicht weniger schuldig als ihre deutschen Herren. Doch bis sich die deutsche Justiz endlich ernsthaft mit ihnen beschäftigte, dauerte es viel zu lange.

Demjanjuk wurde 2011 wegen Beihilfe zum zig-tausendfachen Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt und starb über 90-jährig in einem deutschen Pflegeheim, noch ehe sein Urteil rechtskräftig wurde. Es war ein Indizienprozess, der durchaus Zweifel offen ließ – mehr als 70 Jahre nach den Ereignissen im Vernichtungslager Sobibor.

Ob es nun zu einer Anklage gegen den 95-jährigen Jakiv Palij kommt, ist fraglich. Nach langjährigen Abschiebebemühungen der USA hat ihn Deutschland jetzt zwar aufgenommen – „Wir stellen uns der moralischen Verpflichtung“, so Außenminister Maas –, die Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen hat indes nichts in der Hand, um Palij anklagen zu können – außer seiner Nähe zu einem Menschheitsverbrechen. 2015 wurden Ermittlungen eingestellt. Welche Art von irdischer Gerechtigkeit kann diesen Greis noch treffen?

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