Ziemlich beste Ex-Freunde

Eine der "Bild"-Schlagzeilen in der Wulff-Affäre. Foto: "Bild"-Zeitung
Eine der "Bild"-Schlagzeilen in der Wulff-Affäre. Foto: "Bild"-Zeitung
GUNTHER HARTWIG 11.05.2012
Erst jubelte "Bild" Christian Wulff zur Lichtgestalt mit Kanzlerqualitäten hoch, dann schwenkte das Springer-Blatt um. Eine Studie klärt über die Rolle der Zeitung beim Aufstieg und Sturz des Präsidenten auf.

Keine drei Monate sind nach Christian Wulffs Rücktritt am 17. Februar vergangen, und schon liegt die erste Studie über die Schnäppchen-Affäre des ehemaligen Bundespräsidenten vor. Die Publizisten und Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung die "einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung" zwischen dem CDU-Politiker aus Niedersachsen und Deutschlands auflagenstärkster Zeitung untersucht und präsentieren ihre Ergebnisse unter dem Titel: ""Bild" und Wulff - Ziemlich beste Partner".

Auf der Grundlage von 1528 Meldungen aus dem Online-Archiv von "bild.de", die Wulffs Karriere in den Jahren 2006 bis 2012 behandeln, leuchten die Autoren aus, welcher Wandel sich in der Rolle des Berliner Boulevard-Blatts in dieser Zeit vollzog und wie es deren Chefredakteur Kai Diekmann gelang, die "Mailbox-Attacke" des Staatsoberhaupts zum Angriff auf die Pressefreiheit zu erklären - und "Bild" zum wackeren Hüter dieses demokratischen Grundrechts.

Angefangen hat das innige Verhältnis zwischen Christian Wulff und der "Bild"-Zeitung in Hannover. Der niedersächsische Ministerpräsident und sein Pressesprecher Olaf Glaeseker entwickelten nach dem Befund der beiden Autoren "eine eingespielte, in der Regel reibungslose und schnell funktionierende Kooperation" mit dem Massenblatt. So überstand Wulff die Trennung von seiner ersten Frau Christiane unbeschadet und lieferte dem Boulevard mit seiner Beziehung zur wesentlich jüngeren Bettina Körner schöne Bilder und fette Schlagzeilen: "Das ist Christian Wulffs Neue - Sie joggt, sie lacht, und sie singt im Chor."

Bald waren die Wulffs für "Bild" das Traumpaar der deutschen Politik, eigentlich viel zu schade für die Provinz. Kein Wunder, dass der CDU-Vize zum möglichen Rivalen und Nachfolger von Bundeskanzlerin Angela Merkel hochgeschrieben wurde, der es dann - welch ein unverhofftes Glück für beide Seiten - nach Horst Köhlers auch heute noch rätselhaftem Abgang im Sommer 2010 sogar bis ins Schloss Bellevue schaffte. "Bild" hätte damals mit einiger Berechtigung titeln können: "Wir sind Präsident!"

Doch der Rausch war kurz - die Vergangenheit holte den Schnäppchenjäger von der Leine ein. Was nun, "Bild"? Arlt und Storz unterscheiden bei ihrer Analyse drei Zeiträume. In der "Jubel-Phase" wurde der Politiker, Ehemann und Vater Wulff nach allen Regeln medialer Inszenierung "glorifiziert". Nach Bekanntwerden seines dubiosen Privatkredits im Dezember 2011 wurde die Haus- und Hofpostille des Präsidenten kurzfristig zur Getriebenen (Phase 2), um sich in der "Wirbel-um-Wulff-Phase" nach dem 13. Dezember selbst an die Spitze der Jagdmeute zu setzen und den einst Protegierten "aus dem Himmel direkt in die Hölle" zu schicken.

Um diesen Rollenwechsel einigermaßen glaubwürdig zu bewerkstelligen, so schreiben die Autoren, habe Chefredakteur Diekmann die Mailbox-Botschaft, mit der Wulff den ersten "Bild"-Bericht über die Kredit-Affäre zu verhindern versuchte, für sich instrumentalisiert: Der Anruf des auf Auslandsreise weilenden Staatsoberhaupts bei Diekmann wurde als unerhörte Attacke auf die Meinungsfreiheit skandalisiert. "Bild" war plötzlich das Sturmgeschütz der Demokratie und durfte sich über die fast uneingeschränkte Solidarität der übrigen Medien in Deutschland freuen. Die Raffinesse dieser Inszenierung suche ihresgleichen, urteilen Arlt und Storz: ""Bild" macht vielleicht dumm, dumm gemacht ist sie nicht."

Doch entlarven sie die Strategie sogleich als fadenscheinig. Wer den telefonischen Zornausbruch Wulffs als Angriff auf die freie Presse interpretiere, müsse ihm "ein Maß an Ungeschicklichkeit und Dummheit zuweisen, die man gewöhnlich einem erfahrenen Politiker nicht unterstellen mag". Die Vergeblichkeit seiner Aktion sei "von vornherein offenkundig" gewesen. Für viel plausibler halten es die beiden Medienexperten, "dass Wulff zu Recht davon ausging, dass zwischen ihm und ,Bild keine Beziehung zwischen Politiker und Journalisten, sondern vielmehr eine seit Jahren erprobte Geschäftsbeziehung zur Produktion von Aufmerksamkeit zu beiderseitigem Vorteil bestanden habe, die Bild" jetzt einseitig und zum Schaden Wulffs aufkündigte".

Ob die Studie allerdings verhindern kann, dass "Bild" weiter mit dem neuen Image als "unabhängige Trutzburg der Pressefreiheit" Eigenwerbung betreibt, bleibt abzuwarten. Heute wird in Hamburg zum achten Mal der "Henri Nannen Preis" für die besten journalistischen Leistungen des Jahres 2011 vergeben. In der Kategorie "Investigation" gehören die beiden "Bild"-Redakteure Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns mit ihrem Artikel "Wirbel um Privatkredit" zu den Nominierten. Die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) nannte es ein Alarmsignal, wenn "Pseudo-Journalismus im Kampagnenstil des Boulevards" als auszeichnungswürdig gelte.