Zerstörerische Gier

Mit einem Hochdruck-Strahl wäscht ein peruanischer Minenarbeiter einen Krater im Uno Delta im Departement Madre de Dios, südöstlich von Lima, aus. In diesem Waldgebiet werden große Goldvorkommen vermutet. Foto: afp
Mit einem Hochdruck-Strahl wäscht ein peruanischer Minenarbeiter einen Krater im Uno Delta im Departement Madre de Dios, südöstlich von Lima, aus. In diesem Waldgebiet werden große Goldvorkommen vermutet. Foto: afp
SANDRA WEISS 07.08.2012
Gold gilt als sichere Geldanlage. Das steigert die Nachfrage - und den Preis. Kostete 2006 die Unze 525 Dollar, sind es jetzt rund 1500. Doch der Goldrausch hat Folgen. In Peru schürt er Konflikte.

Verheißung und Verdammnis liegen nahe beieinander in Madre de Dios im peruanischen Amazonas: Der Millionärsstrand grenzt ans Labyrinth, das Paradies an die "kleine Hölle". Namen, die das Gold schrieb. Seit Jahrhunderten hat sich der feine, glitzernde Staub im Sand der Amazonasflüsse angesammelt. Aus den Eingeweiden der Anden herausgewaschen von kristallklaren Flüssen, über halsbrecherische Wasserfälle und durch tiefe Schluchten hinabgerissen bis ins tropische Tiefland, wo sich die wilden, eisigen Fluten in träge, schlammige Tropenflüsse verwandeln. Die das Gold irgendwo ablegen im schweren, dunklen Sand, zermahlen zu feinem Pulver. Nirgendwo sonst gibt es so feines und reines Gold wie hier. Und niemals war der Goldpreis so hoch wie jetzt. Und das ist die Tragödie von Madre de Dios.

Stellenweise hat sich der artenreiche Regenwald in eine Sandwüste verwandelt, eine Mondlandschaft, durchlöchert von Kratern und flankiert von Baumskeletten. Und mittendrin Ansammlungen von ärmlichen Holzhütten, abgedichtet gegen den Regen mit blauen Plastikplanen: Goldgräbercamps. Nomadensiedlungen auf Abruf. Es gibt kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Schulen, keine Straßen - aber improvisierte Supermärkte, Apotheken, Tankstellen, Bars und Bordelle. Und wer mag, kann das überteuerte Angebot in Gold bezahlen.

Knietief steht Adán Quispe (der Name ist von der Redaktion geändert) in einem Krater aus Sand, 10 Meter tief, 80 Meter Durchmesser. Schweißperlen rinnen seinen athletischen, nackten Oberkörper herunter. Er ist von Moskitos zerstochen, einige Wunden sind entzündet. An die klirrende Kälte des Andenhochlands ist er gewöhnt, die brütende Hitze des Dschungels zehrt. Doch das zählt jetzt nicht. Konzentriert saugt der Goldsucher mit einem Schlauch unter dem ohrenbetäubenden Lärm des Dieselgenerators feuchten Sand in einen Trichter. Dort wird der Sand mit Wasser versetzt und rieselt ein paar Meter dahinter auf eine Art Rutsche, belegt mit faserigem Teppich. "Chupadera", der Schlucker, heißt die hier erfundene Maschine unter den Goldschürfern. Was im Teppich hängenbleibt ist "Arenilla", der schwere, dunkle Sand, in dem sich der Goldstaub versteckt. Mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Nur manchmal zaubert die Sonne ein verführerisches, flüchtiges Glitzern.

Der Sand wird mit Besen aus dem Teppich herausgelöst und in Eimern mit Quecksilber versetzt, um das Gold zu binden. Ungeduldig rührt Adán mit bloßer Hand in dem kleinen Sieb aus Naturfasern, um den Prozess zu beschleunigen. Die Klumpen erhitzt er anschließend mit einer Art Bunsenbrenner, um das Quecksilber wieder zu verdampfen. Das ist der magische Moment in dem alle innehalten.

So viele Hoffnungen ruhen auf dem unförmigen gelben Etwas, mal so klein wie eine Kaffeebohne, mal wie ein Wachtelei. Der Traum vom Haus, von einem Auto, vom Studium für die Kinder. Träume dauern manchmal nur Stunden, denn Reichtum wird mitunter schnell verspielt, versoffen und verhurt oder gewaltsam entrissen. So manche Leiche wurde namenlos in einem der vielen Krater verscharrt. Ein Tribut an die Götter, glauben die Goldsucher. Damit Mutter Erde sich weiterhin großzügig zeigt.

Das Edelmetall zieht alle in seinen Bann: Arme Schlucker aus dem Hochland genauso wie entlaufene Schwerverbrecher, die Drogenmafia, asiatische Triaden-Bosse und sogar die Ureinwohner des Amazonas, die auf ihrem Stammesgebiet schürfen. Auch multinationale Bergbaukonzerne sollen das illegale Gold aufkaufen - und dann legal exportieren, munkeln Umweltschützer. Bis zu 600 Soles, rund 180 Euro, kann Adán mit seiner Schufterei am Tag verdienen. Mehr als ein Richter oder ein Minister. Und in Peru liegt viel Gold: 2,5 Milliarden Dollar haben die Exporte 2011 eingebracht; das Andenland ist der fünftgrößte Goldproduzent der Welt.

Im Zuge des Goldrauschs ist die Provinzstadt Puerto Maldonado in nur fünf Jahren um 40 Prozent gewachsen. Importeure von Baggern und Lastwagen wie Yamaha und Caterpillar machen in dem Urwaldnest, in das bis vor einem Jahr noch keine geteerte Straße führte, Millionenumsätze. Mehr als 50 000 Bauern und Tagelöhner kamen aus dem Hochland in die grüne Hölle des Amazonas. Verzweifelte Familienväter und Abenteurer, die nichts zu verlieren haben. So wie Adán.

Für ihn ist Zeit Gold. Der 25-Jährige rackert auf Kommission in 24-Stunden-Schichten. Findet er etwas, bekommt er 25 Prozent, der Rest geht an den Besitzer der Konzession, der davon die Maschinen wartet, den Treibstoff und das Essen bereitstellt. Acht Gramm findet Adán an guten Tagen. Manchmal ein halbes Kilo - oder auch gar nichts. Die Flüsse sind tückisch und ändern von Jahr zu Jahr ihren Lauf. Wo heute Urwald ist, war vor 50 Jahren vielleicht ein Fluss. Um das herauszufinden, muss man die Bäume fällen und die Erde aufwühlen. 32 000 Hektar Urwald wurden in der Region bereits abgeholzt, "Fische gibt es kaum noch, und die wenigen sind wegen der Schwermetallbelastung ungenießbar", warnt César Ipenza von der Umweltschutzorganisation SPDA: "Das Gold aus dem Amazonas trägt Ausbeutung, Habgier, Korruption und Umweltzerstörung in sich."

Mittlerweile stehen die Goldsucher vor den Toren des größten Naturparks in Madre de Dios, und die Regierung hat die Alarmrufe erhört. "Er packe jetzt den Stier bei den Hörnern", verkündete Präsident Ollanta Humala. In den vergangenen Monaten zerstörte das Militär dutzendweise Maschinen, rationierte die Treibstoffversorgung, verbot den Ankauf von Gold und räumte Goldgräbercamps. Es gab Proteste, drei Tote - und einige Erkenntnisse über die illegalen Geschäfte und ihre Verzweigungen nach Europa.

Vor allem als Zwischenhändler wie Oro Fino und UMT unter die Lupe genommen wurden. Noch im Vorjahr habe UMT illegal und am Fiskus vorbei über die Fluglinie KLM mehr als 19 Tonnen Gold im Gegenwert von 900 Millionen US-Dollar in die Schweiz geflogen und der Firma MKS Finance in Genf übergeben, berichtete die Zeitung "El Comercio"unter Berufung auf Dokumente der Staatsanwaltschaft.

Oro fino habe unter dem Namen AS Peru&Cia 2011 vier Tonnen illegales Gold in die Schweiz geliefert, Empfänger sei die Firma PAMP in Genf gewesen. Den peruanischen Exporteuren drohen nun acht Jahre Haft wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Zu den Schweizer Importeuren äußerte sich die Staatsanwaltschaft nicht.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel