Leitartikel Politik braucht starke Symbole

Bayern setzt auf strikte Ordnung. Egal, was man von der Botschaft hält – die Symbole sind gefährlich, meint Thomas Block.
Bayern setzt auf strikte Ordnung. Egal, was man von der Botschaft hält – die Symbole sind gefährlich, meint Thomas Block. © Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Berlin / Thomas Block 30.07.2018
Komplexe Dinge verständlich zu verpacken, ist eine Kunst. Die Politik lebt davon, meint unser Redakteur Thomas Block.

Ein Text über Symbole in der Politik verliert mutmaßlich stark an Glaubwürdigkeit, wenn er nicht selbst mit einem Symbol beginnt. Nun gut, hier ist es: Wäre Politik nicht Politik, sondern Kunstturnen, dann wäre die Inszenierung eines starken politischen Symbols ein Salto mit doppelter Schraube am Reck. Gelingt die Figur, interessiert sich plötzlich die halbe Welt für die Randsportart. Misslingt sie, erntet der Turner kurz Spott und Hohn von seinen Turnerkollegen, um dann in der Versenkung zu verschwinden.

Symbole in der Demokratie

Natürlich ist dieses Bild so schief, wie es auch in der Politik häufig vorkommt. Denn das Symbol in der Demokratie ist viel mehr als nur ein nettes Kunststück. In einem System, das von der Aufmerksamkeit der Wähler lebt, ist es lebensnotwendig, dass komplexe Vorgänge in klar verständliche Bilder gegossen werden. Willy Brandt hat mit einem Kniefall geschafft, was kein Bundeskanzler vor ihm schaffte: Die historische Schuld Deutschlands anzuerkennen, um Vergebung zu bitten, eine neues Verhältnis zum damaligen Ostblock einzuleiten. Oder ein aktuelleres Beispiel: Die deutsche Öffentlichkeit hätte nie so leidenschaftlich über das Freihandelsabkommen TTiP gestritten, wenn Felix Kolb von der Organisation Campact nicht das Symbol des Chlorhühnchens geschaffen hätte. Kolb hat einen komplexen Vorgang auf ein Bild reduziert und damit Hunderttausende gewonnen. Das ist große Kunst.

Bundesregierung tut sich schwer

Auch heute, in diesen komplexen Zeiten, wären gute Symbole wieder wichtig. Die Bundesregierung tut sich da gerade ein wenig schwer. Ein perfekt ausgeleuchtetes Bild zeigt Angela Merkel wie sie auf einem Bauernhof in Nienborstel ihr Patenkälbchen „Wirbelwind“ sanft über den Kopf streichelt. Ein anderes zeigt Umweltministerin Svenja Schulze über einen neuen Fahrradweg in Herten radeln. Ein weiteres Familienministerin Franziska Giffey wie sie bei der Altengymnastik in einem Pflegeheim in Saarbrücken die Arme in die Höhe reckt. Harmlose, wenig mitreißende Bilder. Botschaft: Wir kümmern uns.

Bayern sendet starke Symbole

Stärkere Symbole setzen da momentan die Bayern. Da werden Kreuze in Behörden gehängt, mit großem Getöse Transferzentren errichtet, Grenzpolizisten feierlich an die Arbeit geschickt. Es sind starke Symbole für eine restriktive, struktur- wie wertkonservative Gesellschaft. Die Botschaft kann man gut finden, oder auch nicht. Diese Symbole sind in jedem Fall brandgefährlich.

Der CSU reichen derzeit keine Gesten und Bilder. So wie Donald Trump und die Lega Nord gießt sie ihre Symbole in Gesetze. Symbolpolitik nennt man das, und die war noch nie gut. Denn die Vereinfachungen, die das politische Symbol so stark machen, machen Gesetze schwach. Symbolpolitik stellt den Bauch über den Verstand und verewigt temporäre Stimmungen in Paragraphen, die bleiben.

Was Deutschland jetzt braucht, ist ein starkes Symbol, das in eine andere Richtung geht. Ein Symbol für eine zukunftsgewandte Gesellschaft, die sich selbstbewusst und optimistisch den Herausforderungen der Gegenwart stellt. Vielleicht fällt der Kanzlerin ja was im Sommerurlaub ein.

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