Leitartikel Helmut Schneider zur Wende in der Geldpolitik Zehn Jahre sind genug

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Ulm / Helmut Schneider 18.06.2018

Mit der Pleite der US-Bank Lehman Brothers jährt sich zum zehnten Mal eine Art Urknall des Weltfinanzsystems. Seither haben die Notenbanken getan, was sie nicht gerne tun, aber tun mussten, weil kein anderer mehr dazu in der Lage war: den Kollaps von Konjunktur und hochverschuldeter Staaten zu verhindern. Der Euro hat nur dank billigen Geldes und Niedrigzinsen überlebt. Nach der US-Notenbank Fed steuert jetzt auch die Europäische Zentralbank um. Es wurde auch Zeit!

Der neue Fed-Chef Jerome Powell hat mit einer neuerlichen Zinserhöhung, der womöglich noch dieses Jahr weitere folgen werden, das Ruder bereits kräftig Richtung Normalkurs gedreht. Mario Draghi hält dagegen die Europäische Zentralbank (EZB) immer noch im Krisenmodus. Der Leitzins bleibt noch Monate lang auf null. Womöglich auch noch länger, sollte sich die derzeit gute wirtschaftliche Lage wieder verschlechtern. Eine richtige Kursänderung ist das nicht.

Darüber mögen sich Börsianer und Kreditnehmer freuen, Sparer hingegen ärgern. Entscheidend ist jedoch die wirtschaftspolitische Dimension und ihre Risiken. Die sind mit dem zögerlichen Schritt der Währungshüter nur unwesentlich geringer geworden. Wenn die Zentralbanken die Zügel anziehen, sind zunächst zwei Reaktionen zu beachten. Zinserhöhungen machen Aktien weniger attraktiv und zweitens den hochverschuldeten Staaten das Leben schwerer. Doch sowohl Börsen als auch Staaten müssten schneller auf eine normale Geldpolitik eingestimmt werden – zehn Jahre Ausnahmezustand sind genug.

Die Rettungseinsätze können zwar einen Absturz, der bereits eingesetzt hat, abbremsen. Aber sie können eine neue Krise nicht verhindern. Die wird kommen, nur weiß niemand, wo und wann sie ausbricht. Weil Draghi sein Pulver – Nullzinsen und 2,5 Billionen Euro Kredite an die Eurostaaten – schon verschossen hat, ist beim nächsten Alarm keiner mehr da, der das Schlimmste verhindern kann. Man kann es nicht oft genug betonen: Zentralbanken können den Regierungen nur die Zeit verschaffen, ihren Staat oder Währungsverbund wieder in Ordnung zu bringen. Das ist sehr viel, aber mehr geht nicht.

Deshalb müsste Draghi seinen Köcher zügiger wieder auffüllen. Das ist nur in einem stabilen oder gar ­prosperierenden Umfeld möglich. Die allermeisten Euroländer haben sich erholt: Irland, Spanien und jetzt auch Frankreich haben wichtige Reformen umgesetzt, selbst Italien war auf dem richtigen Weg. Mit dem Aufbau einer Bankenunion, so unvollständig sie noch sein mag, ist der Euroverbund heute stabiler als vor zehn Jahren.

Die Zentralbank ist die Feuerwehr, die einen Brand an den Finanzmärkten und am Fundament des Euro löscht. Jetzt sollte sie das Feld der Politik überlassen. Unglücklicherweise ist der Job dort schlechter aufgehoben als bei Draghis Truppe. Die Populisten in Italien haben mit den Ankündigungen weiterer Schuldenmacherei zumindest verbal die Lunte wieder gelegt. Das Euro-Fundament ist auch zehn Jahre nach dem Urknall von New York nicht einsturzsicher.

leitartikel@swp.de

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