Von Hamburg, seiner Heimatstadt, ist Wolf Biermann nach Berlin gekommen, ins Hotel Savoy am Bahnhof Zoo. Der Liedermacher, der auch ein großer Erzähler ist, wie man seit seiner Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“ weiß, verkörpert deutsch-deutsche Geschichte wie kaum ein anderer. Der frühe Verlust des Vaters, eines in Auschwitz ermordeten Juden und Kommunisten, ist seine „heillose Wunde“. Als 16-Jähriger zog er in die „antifaschistische“ DDR, 1976 bürgerte sie ihn als Staatsfeind wieder aus. Biermann, 82 und so vital und pathetisch-aufgekratzt wie je, spricht über sein neues Buch „Barbara“ und vieles mehr. Wobei er auch singt, wie das halt so seine Sache ist.

Herr Biermann, als Sie Ihre Autobiografie schrieben, sagten Sie, dass Sie eigentlich keine Lust hätten auf Memoiren, aber Ihre Frau Sie damit quäle. Jetzt veröffentlichen Sie das nächste Buch mit Geschichten aus Ihrem Leben.

Ja, das stimmt, Pamela hat Blut geleckt und mich dazu ermutigt. Und sie hat kaltherzlich dafür gesorgt, dass ich stringent erzähle, ich neige nämlich dazu, noch in 20 Nebengeschichten zu mäandern. In den „Liebesnovellen“ habe ich die Perspektive umgedreht, diesmal ist nicht Biermann die Hauptfigur, sondern es sind Menschen, die mir begegnet sind, berühmte und unberühmte, mächtige und unmächtige, wichtige und nichtige.

Und vor allem Frauen. „Barbara“ heißt das Buch. Warum „Barbara“?

Weil es ein schöner Name ist, es könnte auch Ludmilla oder Elisabeth sein.

„Barbara“ aber ist die Beißwütige.

Ich habe mal ein Gedicht geschrieben, als ich jung war: „Die Ballade von der beißwütigen Barbara“ – wobei Ballade eine Übertreibung ist, denn es sind nur zwei Strophen. (rezitiert:) „Sie hat mich beim Küssen gebissen aufs Blut/ Sie biss mir nicht nur den Mund/ Und wie ich auch fluchte – da lachte sie nur/ So kam ich/ So kam ich/ der Wolf kam/ auf den Hund . . .“ Ein kleines, frivoles, freches Lied im „Spiel der Geschlechter“, wie Brecht es nannte, und davon handeln etliche Geschichten in diesem Buch.

Und von Ihrem „Zentralorgan“.

Wenn das bei einem Anfänger nicht funktioniert, kann das erschütternder sein als sein Streit mit den alten Betonköpfen vom Zentralkomitee. Aber die allermeisten Novellen handeln nicht von Sex, sondern vom Geflecht menschlicher Beziehungen.

War die Liebe die große Freiheit in der eingezäunten DDR?

Heiner Müller, dieses zynische Genie, nannte die Plattenbauten in Ostberlin „Fickzellen mit Warmwasser“. Natürlich flüchteten sich viele Menschen ins Private, weil sie sich ins Politische nicht einmischen konnten, ohne eingesperrt zu werden. Aber das war auch eine Flucht ins Idiotische. Ein „Idiot“ im Griechischen ist nicht der heutige Dummkopf, sondern einer, der sich aus dem gesellschaftlichen Wechselspiel heraushält, also ein Privatier.

Sie waren kein Idiot.

Bei näherem Hinsehen ist alles viel komplizierter. Man zieht nämlich die Kraft zum Streit in der Welt mit den Mächtigen wiederum aus der Liebe zu einem einzigen Menschen. Ohne eine solche Liebe hat man schlechte Karten. Das war die Lektion, die ich gelernt habe in all den Jahren.

Sie erzählen auch von Ihrem VW, einem Auto des Klassenfeinds. Wie ging das denn?

Den hat mir mein Vater gekauft, könnte ich salopp sagen. Meine Mutter kriegte 1960 in Hamburg, kurz vor dem Bau der Mauer, vom Staat als „Wiedergutmachung“ für meinen in Auschwitz ermordeten Vater 5000 Mark. Und wie sie mich schon als kleinen Jungen mit Bonbons vom lieben Papi, der im Knast saß, gefüttert hatte, kaufte sie mir für genau 4995 Mark einen nagelneuen Volkswagen. Ich lebte damals mit Brigitte Soubeyran zusammen, die einen französischen Pass hatte, so gelang es, das Auto in die DDR zu holen.

Das neue Buch von Wolf Biermann heißt „Barbara“ und ist ein großes Lesevergnügen.
© Foto: Janine Schmitz/photothek.net

Eine irrsinnige Lebenssituation.

Es war die Zeit, als ich als Liedermacher noch nicht verboten war, wo die Bonzen noch hofften, den kleinen Biermann auf ihren einzig richtigen Weg zu locken.

Ihr Freund Manfred Krug, der Schauspielerheld, fuhr sogar einen Mercedes!

Das war im Grunde die gleiche Nummer. Seine Großmutter kaufte einen Mercedes, der als Erbstück in die DDR kam. Ich weiß nicht, wie der Manne das hingekriegt hat. Aber der war eben ein cleve­rer „Selbsthelfer“, wie ich die Novelle über ihn nenne.

Der Leser hat den Eindruck, da möchte der Biermann noch was loswerden, ein paar Geschichten nicht mit ins Grab nehmen. Auch jene von Manfred Krug, der eines Nachts . . .

. . . meinem Freund Robert Havemann – ohne ihn zu erkennen – drei Zähne ausschlug mit einem Hieb.

Weil Havemann in seinem Trabi dem drängelnden Mercedes mit grellem West-Licht partout nicht weichen wollte auf der Straße.

Krug hat nie anderen gegenüber davon geredet, weil es ihm womöglich zu peinlich war. Er erzählte mir halb lachend, dass er es nie bereut hat, diesem rechthaberischen Trabi-Fahrer eine handfeste Lektion zu verpassen – nur dass es Havemann getroffen hatte, tat ihm leid. Ich habe Manfred immer für sein Beispiel als ungebrochener Mensch in der Diktatur bewundert.

Warum hat der Liedermacher Biermann eigentlich nie einen Roman geschrieben?

Weil ich es nicht kann. Ich bin ein Sprinter vom Charakter her, habe Angst vor Langstrecken. Ich laufe 100 Meter, 200 Meter, also Gedichte und Lieder. Und das wissen Sie wahrscheinlich längst: Prosa schreiben ist das Leichteste, das kann jeder. Gedichte schreiben ist viel schwerer. Aber gute Prosa zu schreiben, ist das Schwerste.

Brecht war Ihr Leitstern?

Dass ich zufällig im selben Jahrhundert und in derselben Stadt wie Brecht lebte, das war für mich so, als lebte jemand in London, als Shakespeare das Globe-Theater betrieb. Ein enormer Glücksfall. Ohne Brecht und ohne den Sog des Berliner Ensembles wäre ich nie auf die Idee gekommen, ein einziges Gedicht zu schreiben. Denn das war mir nicht in die Wiege gelegt worden. Meine Mutter war viel bescheidener, sie wollte nur, dass ihr kleiner Wolf die Menschheit rettet und den Kommunismus aufbaut.

Wenn Sie, immerhin als Ehrenbürger, nach Berlin kommen, streunen Sie dann auch sentimental durch Mitte, Ihren alten Kiez?

Ach, auf den Hugenottenfriedhof gehe ich manchmal, weil ich ein ernstes Wort mit Brecht reden möchte oder mit Heiner Müller oder Hegel. Aber auch einige meiner treuen Feinde, zu denen ich ein sehr lebendiges Verhältnis hatte, liegen dort begraben. Kürzlich habe ich meine alte Freundin Joan Baez in Hamburg nach einem Konzert getroffen. Und meine 18-jährige Tochter Mollie hat ihr mein altes Lied über den Brechtfriedhof vorgesungen, als wäre es der neueste Schlager in der Hitparade. (singt) „Wie nah sind uns manche Tote, doch wie tot sind uns manche, die leben.“ Die Joan hörte das mit ihren amerikanischen Ohren und sagte: „Da kann ich mitreden.“

Die Toten, das war auch Ihr Vater, dessen Schicksal Sie mahnte, keine Furcht zu zeigen, nicht zu Kreuze vor den Unterdrückern zu kriechen. Zivilcourage – das haben auch Sie Ihren Kindern mitgegeben?

Wenn Kinder mit Eltern aufwachsen, die keine Feiglinge sind, keine Kanaillen, keine Opportunisten, kriegen die das automatisch als Pfund mit. Was sie daraus machen, ist dann noch mal eine andere Sache.

Haben Sie, bald 30 Jahre nach dem Mauerfall, das Gefühl, dass die DDR rückblickend als zu harmlos dargestellt wird?

Die entscheidende Form der Verharmlosung besteht darin, dass man heute fast nur noch über die Verbrechen der Stasi spricht, obwohl doch wahr ist, dass die Stasi nichts andres war als das „Schwert und Schild“ der Partei. Wen aber das Schwert traf, das bestimmten die Genossen der SED. Ihre Verantwortung für die Verbrechen der Partei wird von den Erben der DDR-Nomenklatura verschwiegen und wird auch viel zu wenig im ­öffentlichen Diskurs unserer Gesellschaft zum Thema gemacht.

Sie sind zufrieden mit Ihrem Vaterland?

Mein Freund Arno Lustiger, der Auschwitz überlebte, erzählte mir davon, wie die Häftlinge auf einer Holzpritsche so eng nebeneinander lagen, dass sie nur schlafen konnten, wenn sie sich alle gleichzeitig  nach links oder rechts umdrehten. Wenn man sah, dass der Kamerad neben einem gestorben war, griff man in seine Tasche und fand vielleicht noch ein kleines Stück Brot, das er sich aufgehoben hatte. Das war dann im unmenschlichsten Sinne ein schöner Tag. Glück und Unglück hängen vom Koordinatensystem des wirklichen Lebens ab.

Wolf Biermann und Kulturchef Jürgen Kanold im Berliner Hotel Savoy.
© Foto: Janine Schmitz/photothek.net

Wissen das die Menschen heute?

Man kann immer todunglücklich sein, auch im Wohlstand. Es ging den Deutschen noch nie so gut, in jeder Beziehung, was die Demokratie, die Altersvorsorge, die Medizin, das Futter für die Kinder und vieles andere betrifft. Aber wenn man mit manchen Leuten redet, muss man denken, es ginge ihnen noch nie so schlecht wie heute. Das ist aus meiner Sicht, auch wenn ich nicht fromm bin, eine Todsünde.

An was glauben Sie noch?

Das kann ich Ihnen schnell sagen mit dem „Gesang für meine Genossen“, den ich 1983 auf dem evangelischen Kirchentag in Hannover vortrug. Die Christen dort wollten wissen, was dieser gottlose Biermann mitzuteilen hat (singt):  „Und meine ungläubigen Lippen beten voller Inbrunst zu Mensch, dem Gott all meiner Gläubigkeit.“ Ich habe keinen Grund, mich über den Glauben an Gott lustig zu machen, das habe ich mir früh abgewöhnt. Mein Glaube ist noch verrückter und noch weniger zu begründen: der Glaube an den Menschen. Und das ist die gottlose Religion, die ich mit der Muttermilch gesoffen habe.

Der Mensch aber ist ja so und so . . .

Das hat sich auch bei mir herumgesprochen. Aber weil ich mich viel mit der jiddischen Sprache beschäftigt habe, lernte ich, dass man das jiddische Wort „a Mensch“  korrekt mit „ein guter Mensch“ übersetzen muss. Das ist ein Unterschied in der Sprache und in der Kultur.

. . . und ein optimistischer Glaube.

Ja, weil man natürlich auch bei reaktionären Populisten, wie aus meiner Sicht dieser Gauland, wenn er die Nazi-Zeit mit dem Weltkrieg und dem Massenmord auf das verbrecherische Wort „Vogelschiss“ reduziert, immer noch darauf hofft, dass er begreift und sich öffentlich korrigiert.

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Das neue Buch von Wolf Biermann heißt „Barbara“ und versammelt 18 Erzählungen, komische, poetische, wahrhaftige – und alle handeln sie natürlich von der Liebe. Es sind Erinnerungen an Ruth Berlau, die Geliebte Brechts, an Miriam Makeba, Manfred Krug oder Oma Meume und Biermanns Gitarre – auch eine große Liebe. Ein großes Lesevergnügen (Ullstein, 288 Seiten, 20 Euro).