Ulm Woher die Frühlingsgefühle kommen

Frühling kann so schön sein. Die Gefühle, die mit dieser Jahreszeit assoziert werden, haben viele unterschiedliche Ursachen.
Frühling kann so schön sein. Die Gefühle, die mit dieser Jahreszeit assoziert werden, haben viele unterschiedliche Ursachen. © Foto: dpa/Fredrik Von Erichsen
Ulm / ADRIENNE BILITZA 30.03.2013
Endlich: Die ersten Sonnenstrahlen blitzen hinter den Wolken hervor, unter dem schmelzenden Schnee lässt sich das erste zarte Grün erahnen. Frühling liegt in der Luft!

Die Tage werden heller, unsere wintergraue heizungsmatte Stimmung auch: Plötzlich fühlen wir uns fitter, voller Energie und Tatendrang, wollen Neues anpacken, uns verändern, offen sein für neue Leute. Flirten, jemanden kennen lernen? Sich endlich mal wieder verlieben? Aber gerne! Doch woher kommen diese so genannten Frühlingsgefühle? Sind sie nur Einbildung, oder spielen unsere Hormone im Frühjahr tatsächlich verrückt?

Woher die Frühlingsgefühle kommen

"Natürlich gibt es Frühlingsgefühle", sagt Dr. Helmut Schatz, Hormonmediziner und Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (Hormonlehre). "Das ist keine Einbildung. Was immer wir fühlen, hat einen Grund, zumeist mehrere." Auch Frühlingsgefühle werden durch verschiedene Ursachen hervorgerufen, erklärt der Experte, "ein buntes Potpourri von Faktoren" spielt dabei eine Rolle. Und es sind in der Tat auch Hormone, die unsere Herzen im Frühjahr höher schlagen lassen.

Zum einen hemmt das Sonnenlicht die Produktion von Melatonin, einem Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst. Der Körper bildet es vor allem nachts und in der dunkleren Jahreshälfte, weshalb sich viele Menschen während der Wintermonate müde und antriebslos fühlen. Geht die Sonne im Frühling und Sommer früher auf und später unter, wird weniger Melatonin produziert und wir fühlen uns fitter und aktiver. Gleichzeitig steigert das helle Licht die Synthese des Glückshormons Serotonin, das für die gute Laune und Ausgeglichenheit zuständig ist. Dopamin und Noradrenalin geben uns Antrieb und erhöhen unsere Leistungsfähigkeit.

Was der Geruch feuchter Erde auslöst

Auch Düfte tragen zu Frühlingsgefühlen bei. Romantiker glauben gerne, es handle sich dabei um die feinen Gerüche der ersten Blüten, welche die Luft füllen. Doch das Geheimnis dahinter ist weniger romantisch: Das Aroma, das uns in die Frühlingsvorfreude versetzt, ist der Geruch feuchter Erde in der Sonne, machmal auch modriges Gras, Moos und Laub, wenn der Schnee geschmolzen ist, sagt Helmut Schatz.

Die Duftstoffmoleküle gelangen über die Geruchsrezeptoren ins Riechhirn und von dort zum Limbischen System. Das ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die auch für die Abspeicherung von Erinnerungen zuständig ist. Der Geruch weckt die Erinnerung an die frühlingshafte Blütenpracht seit der frühen Kindheit. So wissen wir schon bevor die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe aus der Erde strecken, dass es bald blühen und gut duften wird.

Putzen, Ballast abwerfen, sich verändern

Das Limbische System kann aber auch Empfindungen hervorrufen. "Im Frühling ist das die Aufbruchsstimmung", erklärt Schatz. Schließlich erneuert sich in dieser Jahreszeit die Natur, und der Mensch als Teil davon überträgt dieses Gefühl des Neuanfangs auf sich selbst. Daher kommt im Frühling der Drang, sich zu verändern, Ballast abzuwerfen und etwas Neues anzufangen - das kann eine neue Sportart, der Frühjahrsputz oder tatsächlich eine neue Liebe sein.

Spielen also unsere Sexualhormone auch eine Rolle? "Nein. Die Sexualhormone haben mit dem, was wir Frühlingsgefühle nennen, nichts zu tun", stellt der Hormonforscher klar. "Der weibliche Hormonhaushalt wird ohnehin häufig durch die Pille beeinflusst, da könnten Jahreszeiten sowieso nichts verändern. Und bei den Männern liegt der Testosteron-Gipfel des Jahres nicht im Frühling, sondern am Sommeranfang."

Geflirtet wird zum Frühlingsbeginn aber trotzdem mehr. Auch ohne eine erhöhte Produktion unserer Sexualhormone entwickeln wir nach dem kalten Winter wieder mehr Interesse am anderen Geschlecht. Dafür reichen schon die optischen Reize: Wenn es draußen wärmer wird, schälen sich die Menschen langsam aus ihren dicken Jacken, die Gesichter werden nicht mehr von Schals und Kapuzen verdeckt, hier und da blitzt nackte Haut auf. Tiefe Dekolletés und freigelegte Oberarmmuskeln laden zum Hingucken ein und regen die Fantasie an.

Man kann auch tricksen

Theoretisch kann man sich natürlich auch im Winter Frühlingsgefühle verschaffen und einfach in die Sonne fliegen. Gerade wenn es draußen über Monate kalt und grau ist, der Schnee einfach nicht verschwinden will und wir keine Lust mehr auf Wintermantel, Wollstrümpfe und Heizungsluft haben, ist der Gedanke an helles Sonnenlicht und Wärme auf unserer Haut allzu verlockend.

Dazu bemerkt Helmut Schatz: "Natürlich können wir im Winter zum Beispiel in die Karibik reisen und dort Frühlingsgefühle erleben. Doch wenn wir ständig Last-Minute-Flüge in den Süden buchen, können wir den Frühling in Deutschland gar nicht mehr genießen. Wir sollten nicht zu stark in unseren biologischen Grundrhythmus eingreifen. Schließlich ist das Gefühl des Neubeginns, welches durch den Frühling vermittelt wird, sehr wichtig für die menschliche Psyche. Wie schon Hermann Hesse sagte: ,Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne."

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