Jägerei Wir Menschen geben nichts zurück

Ermstal / Michael Koch 17.04.2018

Jagen ist in. „Mega-in sogar“, ergänzt Frank Simon. Der passionierte Jäger weiß, wovon er spricht, schließlich kann er anhand seiner Kohlberger Jagdschule das wachsende Interesse an den Kursen ablesen. Dabei können es Jäger ja eigentlich nie richtig machen: Jagen sie, dann bekommen sie Kritik von den Tierschützern, jagen sie nicht, dann stehen Land- und  Forstwirte mit ihren Wildschäden auf der Matte. Trotzdem ist all das sprichwörtlich kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen, versichert Simon, besonders dann nicht, wenn man beim Jagen auf Nachhaltigkeit achtet und die ethischen Aspekte nicht missachtet. Die  stehen bei ihm nämlich ganz hoch im Kurs.

Herr Simon, in der Region wurde in diesem Frühjahr über große Wildschäden geklagt. Haben Sie und Ihre Kollegen die Wildschweine nicht im Griff?

Frank Simon Technisch wäre der Mensch leicht in der Lage, in kurzer Zeit den kompletten Bestand zu vernichten. Aber wollen wir das? Ist denn der Mensch nicht auch selbst ein Stück weit Schuld an der Misere? Wo kann eine Sau denn heute noch den Wald verlassen, ohne jemandem gleich auf die Füße zu treten? Und weil wir im vergangenen Herbst keine gute Eichelmast hatten, suchen die Tiere eben außerhalb des Waldes nach Nahrung.

Könnte man sie denn dann nicht durch die Jagd etwas einschränken?

Die Schwarzwildbejagung ist schwierig. Die Sau, die ursprünglich tagaktiv ist und nur in die Nacht ausgewichen ist, um dem Menschen aus dem Weg zu gehen, ist schlau. Nachts ist der Mensch ihr mit seinen Sinnen weit unterlegen. Die Leitbache merkt sich, wo sie Kontakt mit dem Menschen hatte, sie legt mit ihrer Rotte große Strecken zurück und kommt nur unregelmäßig wieder zurück. Sie brauchen als Jäger viel Erfahrung, ein gutes Gespür und Glück, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Was mit gesetzlich zugelassenen Mitteln und Engagement der Jäger möglich war, haben die Jäger bestens erfüllt.

Und was kann der Obstbauer tun, um seine Wiese zu schützen?

Ganz einfach: sie bewirtschaften. Wenn der Grasschnitt abgetragen und nicht gemulcht wird und wenn das Obst geerntet wird, dann kommt auch das Schwarzwild nicht. Da gibt es von einem Grundstück zum anderen Unterschiede beim Wildschaden, als wäre mit dem Lineal eine Grenze gezogen worden.

Es gibt ja nicht nur wegen der Schäden Rufe nach mehr Bejagung, sondern auch wegen der Schweinepest.

Das ist richtig. Deswegen gibt es auch ein Zwölf-Punkte-Programm, das intensive Mittel erlaubt. Für Schwarzwild ist derzeit die erst neu durch das Gesetz eingeführte Jagdruhezeit wieder ausgesetzt, außerdem sind Nachtzielhilfen gestattet. Aber damit wird der Hauptpart auf die Jäger abgeschoben, dabei ist der Mensch der Hauptausbreitungsgrund. Wenn etwa ein befallenes Stück Rohwurst im Kofferraum über große Strecken transportiert wird, dann ist das viel gefährlicher. Man könnte ja auch mal die Grillsaison aussetzen, damit keine Stücke von Roten Würsten um die Feuerstellen herumliegen. Stattdessen wird nur an die Reduktion des Schwarzwildbestandes gedacht.

Und dafür stehen die Jäger dann wieder in der Kritik der Tierschützer. Haben Sie diesbezüglich persönlich auch schon unangenehme Erfahrungen gemacht?

Immer mal wieder. Aber nicht unangenehm, eher intensiv. Ich mache dann immer auf die gesellschaftliche Gesamtverantwortung der Jägerschaft aufmerksam, auf die wir auch bei der Ausbildung in der Jagdschule besonderen Wert legen.

Wie viele Jäger bilden Sie denn pro Jahr in etwa aus?

100. Wir verzeichnen seit Jahren einen Boom, was auch gut ist, damit die Jägerschaft nicht überaltert. Landesweit hat sich der Zuwachs der Jäger pro Jahr auf etwa 3000 erhöht, wozu auch die Öffnung für  Frauen einen Beitrag geleistet hat. Der Anteil der Jägerinnen unter den Neuen dürfte etwa bei 20 Prozent liegen.

Was lernt man denn eigentlich als angehender Jäger bei Ihnen?

Jede Menge, die Ausbildung wurde in diesem Jahr neu ausgearbeitet. Da gibt es Themen wie Jagdethik, der Umgang mit dem Jagdhelfer, also dem Hund, Muttertierschutz, Wildbretverkauf oder Naturschutz. Zum Abschluss erfolgt eine dreitägige schriftliche, mündliche und praktische Prüfung, auch die Schießfähigkeit wird dabei geprüft.

Ein anderes medienwirksames Thema: Glauben Sie, dass einer Ihrer Schüler eines Tages den Wolf bejagen wird?

Ja, aber im Augenblick ist die Gesellschaft noch nicht so weit. Aktuell unterliegt der Wolf noch dem Naturschutzgesetz, der DJV hat aber bereits die Aufnahme ins Jagdrecht gefordert. Der Wolf kommt dorthin, wo er leicht etwas zu fressen findet – und das ist häufig in der Nähe des Menschen. Ich sehe das sehr kritisch. Man kann nur hoffen, dass nicht viel passieren muss, bis es zum Umdenken kommt.

Sie haben ihr Jagdrevier in Bad Urach. Haben Sie dort schon Spuren vom Wolf gesichtet?

Nein, aber es würde mich nicht wundern, wenn schon einer durchgezogen wäre. Bei den Luchsen, die teilweise mit Sendern ausgestattet sind, hat man ja schon gesehen, dass sie durch unsere Region gezogen sind.

Ich habe gehört, seit vergangenem Jahr haben Sie einen anderen neuen Besucher im Ermstal.

Stimmt, der Biber ist angekommen. Selbst gesehen habe ich ihn noch nicht und auch den Bau nicht gefunden, aber die Bissspuren an den Bäumen lassen keine Zweifel zu. Mich als Jäger stört er nicht, eher die Bürger, die die Schäden im Uferbereich zu tragen haben. Aber auch der Biber unterliegt dem Naturschutz und darf weder gejagt noch gestört werden.

Im Gegensatz zum Hirsch!

Mit dem ist es ein Trauerspiel. Urach und Alb waren früher Rotwildgebiete, noch heute gibt es zahlreiche Namen mit Bezug zum Hirsch, dem Wappentier unseres Landes. Tatsächlich darf sich der Hirsch aber nur noch in fünf kleinen Gebieten in Baden-Württemberg aufhalten, die nur drei Prozent der Landesfläche ausmachen. Im Schönbuch, im Nord- und  Südschwarzwald, im Odenwald und bei Isny. Aber nicht im Biosphärengebiet Schwäbische Alb – ein Unding für mich.

Könnte man ihn denn dort nicht wieder ansiedeln?

Ansiedeln muss man ihn gar nicht. Es gibt hier sogar eine Abschussverpflichtung, wenn Jäger einen Hirsch auf seiner Wanderung von einem Schutzgebiet ins andere sehen. Würde man diese Verpflichtung aussetzen, kämen sie wahrscheinlich von ganz alleine zu uns zurück und man könnte schauen, was passiert. Aber die Forstwirtschaft stemmt sich dagegen.

Wenn Sie in Ihrem Revier einen Hirsch vor den Lauf bekämen, würden Sie abdrücken?

Sicher nicht, das wäre für mich persönlich ein Schritt über meine ethischen Grenzen hinaus. Andererseits verstehe ich natürlich auch die Belange der Forstwirtschaft.

Wie ließe sich das Problem mit dem Rotwild Ihrer Meinung nach lösen?

In der Landwirtschaft gibt es Zuschüsse für Greening-Flächen, die ökologisch wertvoll bewirtschaftet werden. Warum kann man nicht auch eine Art Lebensraumzuschlag bezahlen, getragen von der Allgemeinheit, für Gebiete, in denen Rotwild geduldet wird. Wenn die Mehrheit sich das wünschen würde, dürfte das kein Problem sein. Der Mensch hat sich in den vergangenen 100 Jahren in der Natur alles gekrallt, heute tun wir uns leider verdammt schwer damit, wieder etwas zurückzugeben.

Das alles klingt nach vielen Problemen und Tristesse. Warum sind Sie überhaupt noch Jäger?

Jäger ist man aus Passion. Und es gibt auch sehr gute Ansätze. Speziell in Metzingen etwa legt man seitens der Verwaltung viel Wert auf ein vernünftiges, nachhaltiges Miteinander zum Beispiel durch angemessene Pachtpreise. Oder mit Überlegungen, wie Sie sie vergangene Woche in Ihrem Artikel über Wildschäden erwähnt hatten, als Freiwilligkeitsleistung einen Wiesenhobel, ein Gerät zur Wildschadensbeseitigung, zu kaufen, um zerstörte Wiesen wieder herzustellen. Da können sich andere Kommunen eine Scheibe dran abschneiden. Das Bild von der zerpflügten Wiese lässt übrigens Rückschlüsse zu.

Da bin ich aber gespannt.

Man muss das Schwarzwild verstehen, warum es etwas tut. Wildschweinrotten sind eine Weibergesellschaft, die Weibchen und ihre Kinder ziehen ihrer Leitbache hinterher. Die jungen Keiler ziehen in Überläufertrupps herum. Das sind wilde Rowdys, die waren mit Sicherheit auf ihrer abgelichteten Wiese. Die erwischt man auch nicht so leicht, weil sie völlig unberechenbar auftauchen. Die alten Keiler sind Einzelgänger, die richten nicht so viel Schaden an. Jetzt im Frühjahr zerfällt die Frauenrotte, weil jede für sich ihre Frischlinge bekommt. Dann ist der Bewegungsradius der Bache stark eingeschränkt, sie sucht in einem relativ kleinen Radius nach Nahrung. Auch das hinterlässt ganz signifikante Spuren.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel