Das Wildschwein entwickelt sich in Bayern und Baden-Württemberg zum Problemtier. Der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) sagte gestern, die Jäger im Freistaat hätten zwar 66.000 Wildschweine in einem Jahr erlegt - mehr als je zuvor -, diese Abschusszahl habe die Wildschweinvermehrung aber nicht bremsen können. "Es besteht die Gefahr, dass diese Entwicklung aus dem Ruder läuft."

"Schwarzwild ist europaweit auf dem Vormarsch", sagt Peter Linderoth, Schwarzwild-Experte der Wildforschungsstelle Aulendorf (Landkreis Ravensburg) - auch in Baden-Württemberg: Die Abschusszahlen der Jäger dienen hierbei als Indikator für die Bestände. Bis 1990 wurden immer weniger als 10.000 Stück Schwarzwild erlegt, bis zur Jahrtausendwende maximal 30.400, aber im Jagdjahr 2012/13 bereits 70.151.

Von "aus dem Ruder laufen" will im Stuttgarter Landwirtschaftsministerium zwar niemand sprechen, aber auch dort wird der rasante Zuwachs an Wildschweinen als ernstes Problem gesehen. Denn die Tiere verursachen große Schäden. Die Hauptschäden in Baden-Württemberg sind im Grünland, in Maisanbau und in anderen Getreidefeldern zu verzeichnen, sagt Experte Linderoth. Zudem können die Tiere die Schweinepest übertragen.

Die Gründe für die Vermehrung sind vielfältig. Mildere Winter verringern die Sterblichkeit der Frischlinge, gleichzeitig können die Jäger bei Schneearmut schlechter jagen. Vor allem aber hat sich das Futterangebot verbessert, besonders durch die Ausweitung des Maisanbaus.

Da die Jäger die Landwirte für die Wildschäden oft entschädigen müssen, finden sich kaum noch Pächter für Reviere mit vielen Wildschweinen. Der im Frühjahr vorgelegte Jagdgesetz-Entwurf sieht laut Stuttgarter Landwirtschaftsministerium vor, dass die Pflicht zum Schadenersatz bei Wildschäden an Maiskulturen um 20 Prozent reduziert wird, damit die Landnutzer stärker an den Kosten beteiligt werden.

Um die Zahl der Wildschweine in den Griff zu bekommen, will Bayern mit Bauern, Jägerschaft und Behörden nun nach Auswegen suchen. Stuttgart sieht in einem "Maßnahmenspektrum" die Lösung, "in dem der effektiven Bejagung die größte Bedeutung zukommt".
 

Wildschweine: Nicht nur der Jäger ist schuld

Wildschweine sind schlaue Tiere. Wer eins erlegen will, der muss meistens für mehrere Stunden Geduld mitbringen und auch nachts gerne auf der Pirsch sein. Entsprechend ungerecht wäre es, bei 66.000 beziehungsweise mehr als 70.000 erlegten Wildschweinen in Bayern und Baden-Württemberg den Jägern einfach die ganze Schuld für die steigende Zahl an Schwarzwild zu geben.

Viele Faktoren spielen hier eine Rolle und entsprechend sind unterschiedliche Maßnahmen nötig, um diese Entwicklung in den Griff zu bekommen. Politiker, Jäger und Landwirte müssen dabei zusammenarbeiten. Das zeigt das Beispiel Mais: Die Politik war es, die jahrelang mit entsprechenden Subventionen seinen Anbau gefördert hat. Die Landwirte sind dem Impuls gefolgt. Das Ergebnis sehen wir derzeit: Maisfelder wohin der Blick auch schweift. Das erfreut nicht jedermanns Auge aber jedes Wildschwein, das nun mal Mais gerne frisst. Für die Schäden werden bisher in der Regel die Jagdpächter verantwortlich gemacht, was die grün-rote Landesregierung jetzt zum Glück teilweise ändern will.

Aber natürlich stehen auch die Jäger in der Pflicht, ihre Anstrengungen zu erhöhen. Experten fordern eine stärkere Kooperation unter Jägern, um etwa vermehrt Drückjagden über Reviergrenzen hinweg zu ermöglichen, bei denen mehr Wildschweine erlegt werden können als per Einzeljagd vom Hochsitz aus.