Leitartikel Wie Steuersenkungen besser gehen

Beinahe jeder Ansatz zur Steuersenkung wäre effektvoller als die heutige Praxis, findet unser Hauptstadtkorrespondent Guido Bohsem.
Beinahe jeder Ansatz zur Steuersenkung wäre effektvoller als die heutige Praxis, findet unser Hauptstadtkorrespondent Guido Bohsem. © Foto: NBR Berlin
Berlin / Guido Bohsem 30.06.2018
Seit Jahren verschenkt der Staat die Gelegenheit, seine Steuersenkungen richtig wirken zu lassen. Dabei wäre es einfach.

Zehn Milliarden Euro sind viel Geld, mehr als ein Mensch in seinem ganzen Leben zählen könnte. Für eine Steuersenkung  jedoch handelt es um eine lächerlich kleine Summe. Gegen Null geht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeitnehmer den Unterschied auf seiner Gehaltsabrechnung ausmacht. Schlimmer noch, stellte er den Unterschied fest, wäre er umso frustrierter, weil  das großartige Entlastungsversprechen der Regierung bei ihm gerade mal den Gegenwert von zwei Café Latte ausmacht. Im Monat.

So eine Steuersenkung verpufft in der öffentlichen Wirkung. Manch einer in der Politik zieht daraus den Schluss, dass sich diese kleinen Schritte gar nicht lohnen, der Wähler dankt es nicht und die niedrigen Summen schieben noch nicht einmal die Konjunktur an. Doch das ist ein großer Irrtum, der auf altem Denken beruht. Auch kleine Steuersenkungen können sich politisch lohnen. Und sie können positive Impulse setzen. Um diese Effekte aber zu erzielen, müssen sie in Zukunft immer nur per Scheck ausgezahlt werden. Denn mehr als ihre tatsächliche Höhe wissen die Menschen zu schätzen, wie sie eine Erleichterung erhalten.

„Homo oeconomicus“ - falsche Theorie?

Diese Erkenntnis irritiert, gehen doch Wirtschaftswissenschaftler seit ewigen Zeiten vom  „homo oeconomicus“ aus. Dieser extrem rationale Mensch  strebt  in den allermeisten Fällen danach,  seinen persönlichen Nutzen zu optimieren. Neuere, von der Psychologie beeinflusste Erkenntnisse zeigen jedoch, dass der „homo oeconomicus“ nicht existiert. Gehirn und Psyche funktionieren vielmehr nach Strukturen, die dem Menschen irrationale Schlüsse und Verhaltensweisen geradezu aufzwingen. Nur mit sehr hoher Disziplin kann er sich dagegen wehren. Ansonsten wären viel weniger Menschen anfällig für Betrügereien und viel mehr würden häufiger den Stromanbieter wechseln oder größere Mühe an den Tag legen, ihren Handy-Tarif zu optimieren.

Daher ist es auch ein gravierender politischer Fehler, Steuersenkungen am Anfang eines Jahres in Kraft zu setzen und monatlich auszuzahlen. Obwohl sich die Höhe der Erleichterung nicht änderte, wäre es besser, sie zum Start jeder Steuerreform im Dezember rückwirkend als Gesamtbetrag  fürs ganze Jahr zu überweisen. Diese 12 mal höhere Summe würde bemerkt und mit dem zusätzlichen Geld bewusster umgegangen werden. Es könnte beispielsweise gespart oder auch in den Kauf von Weihnachtsgeschenken investiert werden. Die Freude vor dem Fest wäre jedenfalls groß. Noch größer wäre der Aha-Effekt bei der Steuer, wenn der Betrag nicht einfach mit dem Gehalt überwiesen, sondern stattdessen in Form eines Schecks ausgestellt und per Post verschickt  würde. Zahlreiche Varianten wären denkbar. Wollte die Politik etwa gezielt den Konsum fördern, könnte sie statt eines Schecks einen Einkaufsgutschein verschicken.

Egal wie, beinahe jeder Ansatz wäre effektvoller als die heutige Praxis. Bleibt die Politik dabei, verpasst sie eine Chance, die Stimmung zu verbessern,  für eine höhere Akzeptanz des Staates und nicht zuletzt ihrer Arbeit zu sorgen. Her mit den Schecks.

leitartikel@swp.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel