Jetzt wird es endlich ernst. Dreieinhalb Wochen nach der Bundestagswahl treffen sich die Delegationen von vier Parteien am Mittwoch zu ersten Gesprächen über die Bildung einer neuen Bundesregierung – ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Bislang bestanden Koalitionen in Bonn und Berlin aus höchstens drei Parteien, wenn man CDU und CSU als jeweils eigenständige Gruppierung betrachtet.

Der Ort der zunächst getrennten Zusammenkünfte der Union mit FDP und Grünen ist wie schon seit 2005 üblich die „Parlamentarische Gesellschaft“ gleich gegenüber dem Reichstagsgebäude. Hier, im Klubheim der Abgeordneten aller Fraktionen, soll ausgelotet werden, ob die potenziellen Partner überhaupt in Verhandlungen über eine gemeinsame Regierung eintreten.

Wie oft sich die Emissäre in diesem Format begegnen, ist offen. Am Freitagnachmittag soll es eine große Runde aller vier Parteien geben, am Tag zuvor wollen Liberale und Bündnisgrüne bilateral beraten und ihre Erfahrungen darüber austauschen, wie ihre separaten Unterredungen mit der Union gelaufen sind.

Es wird nicht damit gerechnet, dass die Entscheidung über die Aufnahme formeller Koalitionsverhandlungen bereits bis zum Wochenende fällt. Daher erscheint auch die Ansage, dass die neue Bundesregierung noch vor Weihnachten im Amt sein werde, ziemlich ambitioniert. Schon 2013 wurde Angela Merkel als Chefin der Großen Koalition erst kurz vor den Feiertagen vereidigt, ihre Regierungserklärung hielt sie erst nach dem Jahreswechsel.

Frei von Störungen

Die ersten Hürden auf dem vermutlich beschwerlichen Weg nach „Jamaika“ sollen bei den Sondierungen überwunden werden. Dabei handelt es sich um Vorverhandlungen unter Vertragspartnern, wie sie in der Welt der Diplomatie seit Jahrzehnten praktiziert werden. Bei Sondierungen findet man heraus, was andere denken und wollen. Ist das aber so einfach, wie es klingt?

„Nein“, sagt Thomas Matussek (70), ehemaliger Spitzendiplomat im Auswärtigen Amt, „der Erfolg von Sondierungen hängt entscheidend von den Akteuren und den Rahmenbedingungen ab, unter denen diese Konsultationen stattfinden.“  Der Ex-Botschafter erinnert sich noch gut an die Afghanistan-Konferenz, die 2001 auf dem hermetisch abgeschirmten Petersberg bei Bonn abgehalten wurde – ideal für vertrauliche Kontakte.

So ungestört werden die Teilnehmer der schwarz-gelb-grünen Sondierungen im Berliner Regierungsviertel nicht sein. Zwar ist der Zugang zur „Parlamentarischen Gesellschaft“ nur Vereinsmitgliedern und eingeführten Gästen erlaubt, doch wird das frühere Palais der Reichstagspräsidenten dicht umlagert sein von der Medienmeute der Hauptstadt, die auf Schnappschüsse und Informationshäppchen lauert. Dass von den Beratungen in den vornehmen  Salons rein gar nichts nach draußen dringt, erscheint eher unwahrscheinlich.

Das aber gefährdet den Erfolg der Sondierungen. Thomas Matussek sagt: „Wichtig ist, dass nichts durchgestochen wird aus den geschlossenen Zirkeln.“ Denn bei diesem Verfahren gehe es um  den „Aufbau eines persönlichen Vertrauensverhältnisses“, das durch Indiskretionen gleich wieder zerstört würde. Auch Frank Elbe (76), ehemaliger Planungschef von Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), sieht in einer „gemeinsamen Chemie des Vertrauens und der Empathie“ das wichtigste Ziel von Sondierungen.

Elbe war bei zahlreichen Treffen auf internationaler Ebene dabei, über die „Zwei-plus-Vier“-Verhandlungen zur deutschen Einheit hat er ein Buch geschrieben: „Ein runder Tisch mit scharfen Ecken.“ Sondierungen sind für den Juristen ein „Prozess des Abtastens und Verstehens“, bei dem alle Seiten ein Prinzip John F. Kennedys beherzigen sollten: „Treibe einen Gegner niemals in die Ecke und hilf ihm, sein Gesicht zu wahren. Stell Dich in seine Schuhe, so dass Du die Dinge mit seinen Augen sehen kannst.“

Die diplomatische Faustformel, nach der Sondierungen in möglichst kleiner Besetzung anberaumt werden sollten, wird von den „Jamaikanern“ allerdings nicht beachtet. CDU (18), CSU (12), FDP (9) und Grüne (14) haben stattliche Delegationen für die Treffen in dieser Woche nominiert. Da sind gruppendynamische Prozesse mit unkalkulierbaren Konfrontationen nicht auszuschließen. In solchen Momenten, rät Frank Elbe, sind Beratungspausen das Mittel der Wahl.

So gelang es einst seinem Chef Genscher, festgefahrene Verhandlungen mit den Amerikanern  über den Einsatz atomarer Kurzstreckenraketen zu entschärfen. Eine kurze Unterbrechung, ein Zwiegespräch mit US-Außenminister James Baker auf der Dachterrasse des State Department, und schon ging es auch in großer Runde viel entspannter zu. Elbe: „Persönliche Beziehungen oder Freundschaften sind in der politischen Kommunikation oft der Schlüssel zum Erfolg.“

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