Ohrenbetäubender Lärm, eine Bohrmaschine sucht sich ihren Weg durch eine dicke Steinplatte, die Umgebung versinkt in feinem, grauem Staub. Urplötzlich ein lautes Krachen, die Bohrmaschine quietscht, das Trommelfell droht zumindest gefühlt zu platzen, die Umstehenden bekommen eine Gänsehaut. Die Frau hinter der Bohrmaschine stammelt erschrocken: "Ich kann nichts dafür." Kann sie auch nicht - und kaputt ging auch nichts. Dieser Abend ist zum Lernen da.

Mitten in einem Baumarkt stehen zwei Bierbankgarnituren, daneben zwei Stehtische. Statt Tischdecken zieren rote Servietten die Tische, kleine Vasen mit Stiefmütterchen sind dekorativ verteilt. Salzstangen, Sekt und Wasser warten auf hungrige und durstige Münder. Vier Werkbänke stehen einsatzbereit da.

Carmen Feicke, ihre Tochter Sophia und sieben weitere Frauen zwischen 17 und Mitte 60 treffen sich an einem sonnigen Herbstnachmittag im Toom-Baumarkt in Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen). Sie wollen an einem Heimwerker-Grundkurs für Frauen teilnehmen. Ein Mann gesellt sich kurz vor Beginn des fünfstündigen Kurses zu der Runde. Ihm war bei der Anmeldung nicht gesagt worden, dass es sich um einen reinen Frauenkurs handelt. "Wenn Sie schon da sind, dann bleiben Sie", meint eine der Frauen, die anderen nicken beipflichtend und prosten sich mit ihren Sektgläsern zu.

"Die genießen das richtig", sagt Eberhard Flinspach von der Do-It-Yourself-Academy (DIY) in Köln über Frauen bei Heimwerkerkursen. Er leitet die Einführung am heutigen Abend. Für den Grundkurs hat er verschiedene Geräte angeschleppt. Akkuschrauber, Stichsägen und Bohrmaschinen sollen zum Einsatz kommen.

Als Flinspach loslegt, Akkuschrauber, Hammer und Co vorstellt, macht sich der Mann in der Runde wortlos vom Acker. "Männliche Teilnehmer fühlen sich für einen Grundkurs zu fortgeschritten", berichtet Flinspach aus seinen Erfahrungen. Die Frauen scheinen etwas geduldiger zu sein, rutschen aber auch schon auf der Bierbank hin und her. Sie wollen endlich Hand anlegen.

Im Hintergrund hören die Teilnehmerinnen das typische Werbegedudel, der Marktbetrieb läuft normal weiter. Die Frauen, die in Gang 20 zwischen Bierbänken und Regalen werkeln, ziehen neugierige Blicke auf sich. Mitten in das Getöse fragt Carmen Feicke: "Gibt es keine Multifunktionsmaschine für alles?" Der Kursleiter zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf.

Jetzt geht es los. Sägen, Bohren und Schleifen stehen auf dem Programm. Carmen Feicke sagt von sich selbst, dass sie "schon immer viel Handwerkliches" gemacht habe. Sie will trotzdem weitere Grundlagen erlernen. Die Familie aus Lenningen (Landkreis Esslingen) ist kürzlich erst umgezogen. Geschickte Hände sind da gefragt.

Die DIY-Academy beziehungsweise deren Vorgängerorganisation Deutsche-Heimwerker-Akademie biete seit 2006 Frauenkurse an, sagt Pressesprecherin Mareike Hermann. Das Interesse daran wächst. "Die Anzahl der Frauenkurse hat sich von 13 Prozent 2010 auf knapp 20 Prozent 2014 gesteigert," sagt Hermann.

Feicke und ihre Tochter haben je zehn Euro für den Kurs gezahlt. Dafür bekommen sie einen Gutschein im Gegenwert für den Baumarkt. Die beiden probieren sich zuerst beim Zusägen von Holz. Hochkonzentriert testen Mutter und Tochter verschiedene Sägen, so lange bis sie mit dem Ergebnis zufrieden sind. Sophia macht bald Abi, und gerade zum Studiumsbeginn wäre es ganz gut, wenn sie ein paar handwerkliche Griffe selber erledigen könne, findet ihre Mutter.

Dass Frauen sich fürs Heimwerken interessieren, zeigt sich auch daran, dass der Anteil der Frauen, die in Baumärkten einkaufen, in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Das stellt zumindest Peter Wüst, Präsident des Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten fest. Zwischen 40 und 50 Prozent der Kunden im Baumarkt seien Frauen, je nach Unternehmen, sagt Wüst.

"Notgedrungen", sei sie zum Heimwerken gekommen, sagt Ursula Hack-Bader aus Dettingen (Landkreis Esslingen). "Seit drei Jahren kämpfe ich mich durch", sagt die ältere Dame und rückt ihre Brille zurecht. Vor drei Jahren sei ihr Mann gestorben, der habe vorher alles gemacht. Sie wolle nicht für jede Kleinigkeit Hilfe holen. Wände oder Fenster streichen - darin habe sie Erfahrung, aber "ans Bohren habe ich mich noch nicht herangetraut".

Dazu gibt es heute Abend Gelegenheit, die Frauen machen Löcher in große Gesteinsplatten und in Holz. Und wenn bei so einer Übung mal etwas zu Bruch geht, halb so schlimm. Die Teilnehmerinnen verlieren ganz offensichtlich ihre Berührungsängste und wirken schon nach kurzer Zeit ganz routiniert und selbstsicher.

Ein Vorteil reiner Frauenkurse: Die Frauen sind mutiger, weiß Mareike Hermann von der DIY. Flinspach meint, dass Frauen sich in diesen Kursen trauen, alle möglichen Fragen zu stellen.

Er führt die Frauen durch die hohen Regale des Baumarkts. Es riecht nach Kleister, Farbe oder frischem Holz. Vor dem Regal mit verschiedenen Dübeln bleibt die Gruppe stehen. Was vor zwei Stunden für manche Teilnehmerinnen wie böhmische Dörfer gewirkt haben mag, ist jetzt schon ein Stück vertrauter, und so stellen die Damen eifrig Fragen zum Einsatz der verschiedenen Dübel.

Die Baumärkte haben auf die steigende Anzahl an Kundinnen reagiert: Es gibt andere Sortimente, und auch mehr Farben haben Einzug gefunden, erklärt Peter Wüst.

Carmen Feicke jedenfalls will nach dem Grundkurs nicht aufhören. Im November geht es weiter: Da belegt sie einen Fliesenlegerkurs.