Tübingen / VOLKER REKITTKE Seit ein Erdgastank explodierte, sind Halter solcher CNG-Autos verunsichert. Wie lang kennen Kfz-Herstellern das Problem rostender Druckbehälter? Eine Spurensuche.

Beim Tanken krachte es plötzlich. Splitter des geborstenen Tanks flogen durch die Luft, der Fahrer eines CNG-Touran wurde schwer verletzt in eine Klinik eingeliefert. Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt nun wegen des Unfalls im niedersächsischen Duderstadt. Marktführer Aral und andere Tankstellenkonzerne empfahlen umgehend ihren Pächtern, fürs Erste kein Erdgas (CNG=Compressed Natural Gas) mehr zu verkaufen. Mittlerweile gilt das Tankverbot nur noch eingeschränkt. „Der Erdgasbetrieb von Caddy und Passat ist nach Auffassung unserer Experten unbedenklich“, so VW-Sprecher Michael Franke auf Nachfrage. Die dringende Empfehlung, kein Erdgas zu tanken, betreffe alle CNG-Touran der Baujahre 2006 bis 2009, die noch nicht in der Werkstatt waren.

„Der generelle Ausschluss von CNG-Betankungen hat nicht mehr Sicherheit gebracht, sondern nur Verunsicherung“, so Michael Oppermann. Der Pressesprecher von „Zukunft Erdgas“ – die Interessenvertretung der Erdgasunternehmen, die CNG an Tankstellen verkaufen – kritisiert: Es sei kein Fall bekannt, bei dem Tankunfälle mit Benzin oder Diesel zu einer bundesweiten Sperrung der Tankstellen geführt hätte. Und schließlich seien nicht die CNG-Zapfsäulen das Problem, sondern rostende Erdgastanks beim VW-Touran.

Insgesamt waren im Juni und Juli weltweit knapp 7000 Erdgas-Touran – davon rund 4000 in Deutschland – von VW wegen rostender Tanks in die Werkstätten gerufen worden. Ab Ende August waren dann etwa 30 000 CNG-Caddy und -Passat (davon 19.000 in Deutschland) betroffen. Bereits 2012 mussten beim CNG-Touran zwei der vier Erdgastanks ausgetauscht werden – die anderen zwei Tanks sind offensichtlich jetzt fällig. Seit wenigstens vier Jahren ist das Problem mit korrodierenden Tanks also im Volkswagen-Konzern bekannt. „Wir haben permanent hingeschaut“, beteuert VW-Sprecher Franke: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“

„Erdgasfahrzeuge sind genauso sicher wie Benziner und Diesel“, heißt es bei „Zukunft Erdgas“. Bei den Tanks herrsche ein hoher Sicherheitsstandard – schließlich wird der Kraftstoff mit 200 bar Druck in den Tank gepresst. Ähnlich liest sich das in einem VW-Prospekt: „Der Caddy Life EcoFuel ist enorm sicher.“ Die Tanks des mit Erdgas betriebenen Autos „haben sich in unzähligen Tests als beinahe unverwüstlich erwiesen. Die Insassen sind jederzeit bestens geschützt unterwegs.“ Wirklich?

Ich fahre seit 2007 einen Erdgas-Caddy. Und das nicht nur, weil das steuerbefreite Erdgas günstiger als Benzin oder Diesel ist. „Erdgasmotoren haben systembedingt große Vorteile gegenüber Dieselmotoren“, sagt Lars Mönch vom Umweltbundesamt (UBA). CNG-Autos stoßen rund ein Viertel weniger CO2 aus als solche mit Diesel- oder Benzinantrieb, sie emittieren kaum Stickoxide (NOx) und überhaupt keine Rußpartikel. Ein veritabler Umwelt-Pluspunkt angesichts der Debatten um überhöhte NOx-Werte und VW-Dieselgate.

Im Oktober 2014 bekam meine Erdgas-Euphorie einen Riss. Die Hauptuntersuchung war fällig, das Urteil des Tüv-Prüfers ernüchternd: Die Erdgastanks waren verrostet, das Auto bekam keine Plakette. Austauschkosten: mehr als 6000 Euro. Für einen seinerzeit sieben Jahre alten Wagen quasi der Restwert. Meine Frage an den Schrauber, ob ich etwas dagegen hätte tun können, verneinte der: „Das ist leider so, an die Stelle wird immer Salz und Wasser hinkommen.“ Also eine Art Sollbruchstelle.

Die erste Kulanzanfrage wischte VW noch vom Tisch. Erst nach Protest-Mails übernahm der Konzern die Kosten. Ich hakte nach: Ob ich schon länger auf einer „tickenden Zeitbombe“ durch die Gegend fahre? Ich bezweifelte, dass ich als einziger das Rost-Problem hätte: „VW müsste dringend eine Warnung rausschicken und die Tanks – selbstredend auf Konzernkosten! – austauschen. Oder der zweitgrößte Autobauer der Welt wartet ab, bis etwas Schlimmes passiert.“ Die Antwort von VW: „Sehr geehrter Herr Rekittke, Ihr Caddy EcoFuel ist sicher“. Das war vor zwei Jahren.

Bei Caddy und Passat habe es bisher zwar rostende, aber keine explodierenden Tanks gegeben, sagt VW-Sprecher Franke. „Der in Duderstadt verletzte Kunde ist von uns bereits im Juni angeschrieben worden.“ Der Mann habe die Tanks bei seinem CNG-Touran jedoch bis zur Explosion am 9. September nicht auswechseln lassen. Zudem sei das Fahrzeug erst ein Jahr zuvor bei der Hauptuntersuchung gewesen, da war die Sichtprüfung von Erdgastanks bereits gesetzlich vorgeschrieben.

Auch CNG-Autos anderer Hersteller sind betroffen: Bei Freunden rosten die Erdgastanks beim Opel Zafira. Gab es Rückrufe? „Derzeit liegen uns keine Hinweise auf ein Sicherheitsrisiko vor“, beantwortet Opel-Sprecher Wolfgang Scholz die Anfrage. Jedoch: „Aus der Vergangenheit kennen wir Korrosionsbildung an CNG-Hochdruckzylindern.“ Deshalb habe man 2012 in Zusammenarbeit mit dem Kraftfahrt-Bundesamt die Metalltanks ersetzt – und benutzt seitdem für neuere CNG-Modelle nur noch Tanks aus Kunststoff-Karbon. Rostende Metallbehälter würden auf Kulanz ausgetauscht.

Volkswagen setzt derweil weiter auf Stahltanks mit einer „verbesserten Oberflächenbeschichtung“, so Franke. Der VW-Sprecher könnte sich auch für Deutschland ein Pfandsystem vorstellen, wie es in Italien längst Vorschrift sei: Alle vier Jahre würden dort die CNG-Tanks ausgewechselt, dafür bezahlen die italienischen Kunden etwas mehr fürs Gas. Franke: „Im Sinne der Sicherheit wäre das ideal.“

Zahlen und Fakten

Erdgas In Deutschland gibt es rund 100 000 Erdgasfahrzeuge, darunter mehr als 80 000 Pkw. Etwa 12 500 Erdgasfahrzeuge (10 400 Pkw) davon sind in Baden-Württemberg zugelassen. Marktführer mit mehr als einem Viertel ist VW mit sechs verschiedenen CNG-Modellen. Auch Fiat (7 Modelle) und Opel (2) verkaufen in Deutschland Erdgasautos, außerdem Mercedes (1), Audi (2), Seat und Skoda (je 3). In Deutschland kann man mittlerweile an mehr als 900 Tankstellen CNG, also komprimiertes Erdgas, tanken. Es wird nur verdichtet und getrocknet. Der Energieinhalt von 1 Kilo CNG entspricht 1,3 Litern Diesel bzw. 1,5 Litern Benzin. Es besteht vor allem aus Methan. Es ist leichter als Luft.

Autogas CNG ist von Flüssiggas, auch Autogas oder LPG=Liquefied Petroleum Gas genannt, zu unterscheiden. Es handelt sich um ein variables Gemisch aus Propan und Butan. Diese Bestandteile sind Nebenprodukte der Förderung von Erdöl und Erdgas. LPG ist ein Raffinerieprodukt und an die Verfügbarkeit von Erdöl gebunden. Es stößt wie Erdgas deutlich weniger Schadstoffe aus als Benzin und Diesel, der CO2-Ausstoß ist höher als bei CNG. eb