Stuttgart/Berlin / ROLAND MUSCHEL Bundesweit sinkt die Zahl junger Komasäufer. Im Land ist die Quote besonders niedrig. Laut einer Studie liegt das am nächtlichen Alkoholverkaufsverbot. Mit einem Kommentar von Roland Muschel: Nüchtern betrachtet.

Noch immer trinken jedes Jahr tausende Minderjährige so viel Hochprozentiges, dass sie in der Klinik landen. Aber die Zahl junger Komasäufer ist 2013 bundesweit erstmals seit Jahren gesunken, und das sogar deutlich: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mussten rund 23.300 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren wegen Alkoholmissbrauchs stationär behandelt werden - 12,8 Prozent weniger als im Vorjahr.

In Baden-Württemberg liegt die Zahl der Klinikaufenthalte sogar deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Hier kommen auf 100.000 Einwohner dieser Altersklasse 284 Fälle, bundesweit sind es 296 Klinikaufenthalte wegen übermäßigen Konsums von Schnaps, Bier und Wein. Im Südwesten gehen die Exzesse zwar nicht mehr so stark, dafür aber gegen den Bundestrend bereits seit Beginn des Jahrzehnts zurück. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) und des Hamburger Center for Health Economics (HCHE) führt dies unmittelbar auf das im März 2010 noch von Schwarz-Gelb erlassene nächtliche Alkoholverkaufsverbot zurück. Seitdem dürfen in Baden-Württemberg zwischen ab 22 Uhr in Tankstellen, Supermärkten und Kiosken keine alkoholischen Getränke mehr über die Ladentheke gehen. Lediglich in Bars und Restaurants ist der Ausschank erlaubt.

Laut der Studie wirkt sich das Verbot nachweisbar auf das Konsumverhalten der 15- bis 19-Jährigen und auch der 20- bis 24-Jährigen aus: Seit Beginn des Verkaufsverbots hat in beiden Altersgruppen die Zahl der Alkoholexzesse ebenso überproportional abgenommen wie auch die damit oft einhergehenden Körperverletzungsdelikte. Ein solches Verbot könne "für andere Bundesländer ein interessanter Ansatz" sein, empfehlen die Studienautoren den Stuttgarter Sonderweg zur Nachahmung.

Das Verbot sei "ein wichtiger Baustein in unserem Gesamtkonzept, mit dem wir junge Menschen vom Komasaufen abhalten wollen", sagte Baden-Württembergs Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD). Der beste Weg sei dabei aber "ein Mix aus vielfältigen Präventivmaßnahmen einerseits und aus entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen andererseits".

Kommentar von Roland Muschel: Nüchtern betrachtet

Ganz überraschend kommt der Befund nicht: Das bei seiner Einführung überaus umstrittene nächtliche Alkoholverkaufsverbot an Tankstellen und in Supermärkten wirkt. Es tut dies nicht im Übermaß und nicht bei allen Problemgruppen. Aber es ist eine der Ursachen für eine erfreuliche Entwicklung: den Rückgang von Alkoholexzessen bei Kindern und Jugendlichen.

Damit weist sich, was Suchtforscher schon lange predigen und eigentlich nach einer Binsenweisheit klingt: Bei eingeschränkter Verfügbarkeit sinkt der Missbrauch von Hochprozentigem automatisch. Und anders als von Kritikern gedacht, kaufen viele trink- und experimentierfreudige Jugendliche Alkohol situationsabhängig und nicht planvoll auf Vorrat. Das rechtfertigt im Nachhinein ein Verbot, das auch deshalb seine Berechtigung hat, weil Schnapsverkauf schon aus Sicht der Straßenverkehrsteilnehmer nicht zum Kerngeschäft von Tankstellen gehören sollte.

Nüchtern betrachtet ist der baden-württembergische Sonderweg aber nur ein Baustein auf dem schwierigen Weg, einen vernünftigen Umgang mit Alkohol zu finden. Allein seligmachend ist er nicht. Denn trotz des aktuellen Rückgangs werden auch hierzulande noch immer deutlich mehr Minderjährige mit einem Vollrausch in die Klinik eingeliefert als zu Beginn dieses Jahrtausends. Die Landesregierung liegt daher richtig, wenn sie nicht nur auf Verbote, sondern auch auf Prävention setzt.