ANDREAS CLASEN UND DPA  Uhr
Im Nordosten Deutschlands geht laut Deutschem Wetterdienst der kälteste März seit 130 Jahren zu Ende. Klimaforscher rechnen für die Zukunft mit häufiger auftretenden extremen Wintereinbrüchen.

Der Winter geht in die Verlängerung - bis nach Ostern. "Hoch ,Jill über Südskandinavien lässt einfach nicht locker und schickt uns weiterhin permanent kalte Luft aus russischen oder polaren Gefilden", sagt Meteorologe Simon Trippler vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Ein Frühlingsdurchbruch ist nicht in Sicht.

Im Nordosten Deutschlands endet in den kommenden Tagen gar der kälteste März seit 130 Jahren. Für Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin ermittelte der DWD Durchschnittstemperaturen bis zu knapp minus zwei Grad, die ganz dicht am bisherigen März-Kälterekord aus dem Jahr 1883 liegen.

Die Bezeichnung "extrem kalt" will Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik) für den gesamten Winter dennoch nicht gelten lassen, nur für den März. "Der Winter war in Deutschland gar nicht besonders kalt, um Weihnachten herum hatten wir sogar extrem hohe Temperaturen", sagt Rahmstorf. "Wenn man alle drei Wintermonate mittelt, dann sind die Temperaturen in den vergangen Jahrzehnten jedenfalls nicht gesunken, sondern klar gestiegen." Der wärmste Winter seit Beginn der Aufzeichnungen sei 2006/07 gewesen. Als letzten "richtig kalten" nennt er 1962/63. "Allerdings gab es in Europa in den vergangenen Jahren extreme Kälteeinbrüche wie im Februar 2012 oder jetzt im März", sagt Rahmstorf.

Mehrere Klimastudien hatten diese Kälteeinbrüche bereits vorhergesagt. Eine Ursache ist demnach das mit der Erderwärmung immer stärker schmelzende Arktiseis. Pik-Forscher Vladimir Petoukhov hatte 2010 in einer Modellrechnung eine Verdreifachung extremer Wintereinbrüche in Europa und Nordasien prognostiziert. Grund: Das dunkle, offene Meer in der Arktis heize untere Luftschichten weiter auf. Das führe zu einer Luftströmung, die in der Computersimulation kalte Winterwinde nach Europa brachte.

US-Forscher hätten die Modellrechnungen bestätigt, sagt Rahmstorf. "Sie haben durch eine Datenauswertung gezeigt: Wenn weniger Seeeis in der Arktis ist, dann wird es wahrscheinlicher, dass sich dort ein Hochdruckgebiet bildet, das uns Kälte bringt." Die derzeitigen Kälterekorde seien sehr ungewöhnlich, wenn man längere Messreihen betrachte. Daher sei es wahrscheinlich, dass sie als Ursache eine bislang ungekannte Entwicklung wie die Eisschmelze der Arktis hätten.

Die Fläche des arktischen Eises schwankt im Jahresverlauf, geht aber generell zurück. Im September 2012 war die Eisfläche der Arktis nach Angaben des US-Datenzentrums für Eis und Schnee (NSIDC) so klein wie nie in den 33 Jahren Beobachtung. Auch die maximale Eisausdehnung im März geht zurück: "Die zehn kleinsten Maxima seit Satellitenbeobachtung gab es in den zehn vergangenen Jahren von 2004 bis 2013", berichtet das NSIDC.

"Ich bin hier gerade in München bei minus vier Grad Celsius um zwölf Uhr mittags. Das ist für Ende März schon extrem", sagt ARD-Wetterexperte Sven Plöger, als wir ihn gestern am Telefon erwischen. Ob diese Wetterlage mit dem Klimawandel und dem schmelzenden arktischen Eis zusammenhängt, sei schwer zu beantworten, sagt der Meteorologe: "Das können nur Langzeitbeobachtungen zeigen und nicht der Winter 2012/13, dazu ist das Wetter viel zu komplex."

Prinzipiell hält Plöger eine Verbindung mit der schmelzenden Eisdecke durchaus für möglich. Die Stärke der Westwindströmung, die über die Nordhalbkugel verläuft, nehme ab, wenn der Temperaturen am Pol und am Äquator sich annähern und genau das passiere gerade infolge der Schmelze. "Wenn dieser ,Jetstream schwächer wird", sagt Plöger, "gibt es weniger Bewegung und Tief- und Hochdrucksysteme können sich länger halten - so wie gerade jetzt das Hoch über Skandinavien, das einfach bleibt, wo es ist, und uns mit dieser kalten Nordostluft quält."

Dies sei aber nur eine Erklärung, warum womöglich jetzt und in Zukunft häufiger stabile Drucksysteme und entsprechend warme oder kalte Winter, Dürren oder Überschwemmungen im Sommer auftreten könnten. Die jetzige Wetterlage kann auch ganz anderen Faktoren geschuldet sein, sagt Plöger und gibt zu bedenken: "1987 war das arktische Eis zum Beispiel noch in sehr viel größerem Ausmaß vorhanden und da hatten wir auch einen sehr kalten März. Zum Wetter gehören einfach Extreme dazu."

Einen der anderen möglichen Faktoren, die Sonne, sieht Pik-Experte Rahmstorf aber nicht als Ursache für die winterlichen Temperaturen. "Nur fünf Prozent der Temperaturunterschiede von Winter zu Winter können durch Schwankungen der Sonnenaktivität erklärt werden." Die Sonnenaktivität wirke sich mit einem Monat zeitlicher Verzögerung im geringen Umfang auf das Erdklima aus, habe aber keinen größeren Einfluss.