Terrorgefahr Weihnachtsmärkte: Der Staat rüstet auf

Advent 2017: Barrieren aus Beton stehen am Eingang zum Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz.
Advent 2017: Barrieren aus Beton stehen am Eingang zum Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. © Foto: dpa
Berlin / Stefan Kegel und Maria Neuendorff 02.12.2017
Betonblöcke und mehr Polizei: Ein Jahr nach dem Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz rüsten Staat und Weihnachtsmärkte auf. Doch die Angst bleibt.

An einem Tag im Advent wird am Berliner Breitscheidplatz das Leben still stehen. Keine Weihnachtsmusik, keine hell erleuchteten Buden, kein Duft nach gebrannten Mandeln. Am 19. Dezember, ein Jahr nachdem der Tunesier Anis Amri mit einem Lastwagen hier elf Menschen totgefahren und einen erschossen hat, wird der Weihnachtsmarkt geschlossen sein. An diesem Tag wird am Ort des Anschlags ein Mahnmal eingeweiht: ein 14 Meter langer Riss, der sich durch den Boden zieht, mit goldglänzendem Metall ausgegossen und mit den Namen der Opfer versehen.

Mit den hunderttausenden Besuchern schlendern in diesem Advent auch die Erinnerungen mit über den Markt: die Bilder des Lasters mit dem eingedrückten Fahrerhaus, der zerstörten Verkaufsstände und der blutenden Menschen.

Um so etwas wie Sicherheitsgefühl zu wecken, haben die Veranstalter rund 100 tonnenschwere Betonsperren an den Eingängen aufgestellt, die zum Teil mit Christbäumen kaschiert sind. Ab und zu sieht man Polizisten mit Maschinenpistolen. Viele Beamte seien zudem in Zivil unterwegs.  „Man kann auch sehr nah dran sein, ohne dass schwer bewaffnete Kollegen sichtbar von Bratwurst zu Glühwein flanieren“, erklärt Polizeisprecher Winfrid Wenzel. Die Sicherheit ist kostspielig. Die Händler müssen in diesem Jahr 20 Prozent mehr Standgebühr zahlen. Das schlägt sich auf die Preise nieder.

So wie in Berlin sieht es auf den meisten größeren Weihnachtsmärkten aus. Der Fund eines verdächtigen Pakets nahe des Potsdamer Weihnachtsmarktes am Freitag zeigt, dass die Wachsamkeit ihren Grund hat.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte seine Botschaft im Vorfeld wiederholt: „Eine absolute Garantie, dass es in Deutschland nicht zu Terroranschlägen kommt, kann niemand geben.“ In einem schmucklosen Raum, keine acht Kilometer Luftlinie vom Breitscheidplatz entfernt, sitzt er an diesem Tag mit den Chefs von sieben Sicherheitsbehörden zusammen. Hier, im Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum von Bund und Ländern (GTAZ), bewerten täglich einige Dutzend Menschen die Gefahr erneuter Anschläge. In diesem Raum geschah im Februar 2016 der verhängnisvolle Fehler, den späteren Attentäter Anis Amri als relativ unverdächtig einzustufen, trotz gegenteiliger Warnungen. Ein Fehler, der sich nicht wiederholen soll, wie de Maizière betont. Die Bundesregierung habe dafür viel getan. „Wir haben dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Möglichkeit gegeben, Handydaten auszulesen, um Identitäten zu klären“, nennt er als ein Beispiel. Amri war als tunesischer Flüchtling eingereist und hatte 14 verschiedene Identitäten.

An dem Beratungstisch erklärt Sven Kurenbach, dass ein neues Bewertungssystem seit Mitte des Jahres Gefährder leichter erkennbar machen solle. Der Chefermittler für Islamisten im Bundes­kriminalamt nennt Beispiele für Kriterien, nach denen potenzielle Attentäter ausgesiebt werden: „Welche Gewaltstraftaten hat er sich zuschulden kommen lassen, welche Qualität hatten die, in welcher Taktung sind die erfolgt?“

Dieser Ansatz ist deshalb konsequent, weil Amri vor seinem Anschlag nicht nur als Gefährder bekannt war, sondern auch als Kleinkrimineller: Er hatte unter anderem Körperverletzung und Drogenhandel auf dem Kerbholz, wie viele islamistische Attentäter der vergangenen fünf Jahre. Hätte man sie wegen dieser Delikte festgenommen und verurteilt, wären möglicherweise einige der schweren Anschläge von Paris, Brüssel oder Berlin gar nicht geschehen. Künftig sollen, so kündigt Generalbundesanwalt Peter Frank an, durch einen besseren Datenabgleich die bundesweiten Kleindelikte reisender Gefährder leichter zu einer Anklage zusammengefasst werden können. Potenzielle Terroristen zu erkennen werde zunehmend schwerer, räumt der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, ein: „Es gibt den Trend zum individuellen Dschihad.“

Ob Beton und Maschinenpistolen die Märkte vollständig vor solchen Einzeltätern sichern können, ist unklar. Ein Test der Dekra zeigte, dass ein Lkw mit mittlerer Geschwindigkeit selbst die tonnenschweren Betonblöcke beiseite schieben würde.

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Verstärkte Sicherheit

Deutschlandweit gibt es auch in diesem Jahr wieder rund 1500 Weihnachtsmärkte. Viele haben angesichts der Terrorgefahr ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Einige Beispiele:

Nürnberg: Mobile Metallstelen schützen den Christkindlesmarkt. Durch die Zwischenräume passen nur Rollstühle oder Kinderwagen, keine Autos. Polizeifahrzeuge blockieren die Zufahrten.
Dresden: Jeweils drei Betonblöcke mit einem Gewicht von je 2,4 Tonnen bilden eine Mauer gegen Angriffe mit Lastwagen auf den Striezelmarkt. Für den Notfall wurde ein eigenes Wlan-Netz eingerichtet.

München: Insgesamt 14 Kameras überwachen das Geschehen auf dem Christkindlmarkt, Pflanzkübel dienen als Sperre gegen potenzielle Angreifer mit Kraftfahrzeugen.

Düsseldorf: Betonpoller sollen Angriffe mit Fahrzeugen unmöglich machen.

Potsdam: Neben Zivilpolizisten sind auch Videokameras im Einsatz. Auf dem Markt gibt es eine eigene Polizeiwache.

Ulm: Betonbarrieren wurden aufgestellt, uniformierte Streifen und Zivilpolizisten patrouillieren auf dem Weihnachtsmarkt. kg

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