Handel Weihnachten: Das Fest der vielen Pakete

Berlin / Pia Reiser 21.12.2017
Immer mehr Menschen kaufen ihre Geschenke im Internet ein. Doch was bequem ist, ist für Paketzusteller eine große Herausforderung.

Inmitten von Paketen und Päckchen steht der Hermes-Bote im Laderaum des Transporters. Eines nach dem anderen nimmt er in die Hand, wirft kurz einen Blick aufs Etikett und sortiert sie um. Die Vorweihnachtszeit bedeutet für ihn nicht Besinnlichkeit, sondern Stress. „Unmöglich“ sei es, das Pensum in der vorgegebenen Zeit zu bewältigen. Das Resultat: ein bis zwei Überstunden am Tag. „Zufrieden macht das nicht. Aber man hat ja auch Verantwortung, die Menschen wollen Weihnachten ihre Pakete haben.“ Dann steigt der Mann im blauen Hermes-Dress in seinen Wagen und düst schnell weiter durch die Berliner Innenstadt.

Abertausende Paketboten sorgen in diesen Tagen nicht nur in der Hauptstadt dafür, dass zum Weihnachtsfest pünktlich die Päckchen unterm Baum liegen. Über ein Viertel der Verbraucher will seine Geschenke dieses Jahr online kaufen. Tendenz: steigend. Es ist einfach bequem, vom Sofa aus die neue Kaffeemaschine zu bestellen, statt sich durch Geschäfte zu drängen und das gute Stück noch heim zu schleppen. Aber was für Kunden angenehm ist, hat für Paketboten und Arbeiter in Logistikzentren Folgen.

Amazon hat vor Weihnachten 13 000 Saisonkräfte zusätzlich eingestellt, zu einem Einstiegslohn von rund 10,50 Euro. Doch der Online-Handelsriese steht immer wieder in der Kritik: Es gibt Berichte über weite Laufwege für die Mitarbeiter, über Zeitdruck und Überwachung. Gerade vor Weihnachten sei der zeitliche Druck noch höher als sonst, sagt Versandhandels-Expertin Lena Widmann von der Gewerkschaft Verdi. „Wenn man die Sekunden vor Augen hat, überlegt man es sich zweimal, ob man zur Wasserflasche geht oder nochmal zur Toi­lette“, berichtet sie von Gesprächen mit Mitarbeitern. Amazon-Sprecher Stephan Eichenseher widerspricht: „Die Bänder laufen gleich schnell wie sonst, und auch die Abläufe in den Logistikzentren laufen nicht schneller ab.“ Das Unternehmen stemme das Weihnachtsgeschäft, indem es seine Mitarbeiterzahl in den Logistikzentren verdopple.

15 Millionen Pakete am Tag werden laut dem Bundesverband Paket und Expresslogistik in der Vorweihnachtszeit in Deutschland versendet. Ein riesiger Haufen, den der Berliner Hermes-Bote und seine Kollegen wegschaffen müssen – und das teilweise für geringen Lohn. Denn die Unternehmen Hermes, DPD und GLS beschäftigen anders als etwa DHL ihre Mitarbeiter meist nicht selber. Stattdessen arbeiten diese für Subunternehmen, die nicht tarifgebunden sind. Vor Weihnachten häufen sich Berichte über Paketboten, teils aus Osteuropa, die weit unter Mindestlohn bezahlt würden. „Die Paketdienste entziehen sich hier ihrer Verantwortung, das sind unhaltbare Zustände“, sagt Sigrun Rauch, Paket-Spezialistin bei Verdi.

Bei Hermes zeigt man sich erschrocken über die Berichte. Man habe erkennen müssen, dass es trotz langer Bemühungen immer noch Subunternehmen gebe, die versuchen, gültiges Recht zu unterlaufen. „Das tolerieren wir nicht.“ Hermes kündigte an, seine Subunternehmen intensiver zu kontrollieren sowie nur noch mit solchen zusammenzuarbeiten, die ihren Sitz in Deutschland haben.

Der Kampf um ein paketreiches Fest wird immer mehr auf dem Rücken der Boten ausgetragen. Und in der Hektik der Vorweihnachtszeit machen sie bisweilen ihre Arbeit nicht so, wie sie sollen. „Normal haben wir etwa 30 Beschwerden pro Tag, im Moment sind es jedoch 200 täglich“, sagt Iwona Husemann, Leiterin des Projekts Post-Ärger der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Hier können Verbraucher ihren Frust loswerden, wenn der Bote das Paket in der Mülltonne deponiert hat oder wieder nur einen Zettel in den Briefkasten gelegt hat, statt zu klingeln. Aus Sicht der Verbraucherschützerin müssen die Dienstleister ihre Lieferversprechen  einhalten. „Sie müssen etwa genug Fahrzeuge zur Verfügung stellen oder die Routen der Paketboten so anlegen, dass sie zu schaffen sind.“ Sigrun Rauch von Verdi geht davon aus, dass die Zustellung besser würde, wenn die Paketboten bessere Arbeitsbedingungen hätten. „Zeitdruck und Hektik verschlechtern die Dienstleistung, das ist klar.“

Während das Online-Geschäft brummt, war laut dem Handelsverband Deutschland mehr als jeder zweite Einzelhändler in den Innenstädten kurz vor Weihnachten mit den Umsätzen unzufrieden. Doch dass der Online-Handel den Geschäften vor Ort Konkurrenz macht, ist nichts Neues. Leerstehende Geschäfte statt pralle Vielfalt in manchen Städten. Wird es also den Weihnachtsbummel in der Innenstadt bald nicht mehr geben? „Ich bin mir sicher, dass es das in Zukunft noch geben wird. Aber ich glaube, das Weihnachtsshopping wird sich wandeln“, sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung. Das Shopping müsse mehr Erlebnis- oder Freizeitcharakter bieten als heute und nicht nur die Masse der Kunden ansprechen, sondern spezielle Zielgruppen. Als Beispiel nennt er einen Weihnachtsmarkt, auf dem mit Augmented Reality experimentiert wird, also der computergestützten Ergänzung der sichtbaren Wirklichkeit. „Traditionell und modern müssen sich dabei nicht ausschließen.“

Weihnachtsumsatz online
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