Prozess Wehrhahn-Anschlag: Prozess endet mit Freispruch

Gelbe Rosen zum Gedenken hängen am S-Bahnhof Wehrhahn am Ort des Anschlages vor 18 Jahren.
Gelbe Rosen zum Gedenken hängen am S-Bahnhof Wehrhahn am Ort des Anschlages vor 18 Jahren. © Foto: Martin Gerten/dpa
Düsseldorf / Andreas Förster/dpa 01.08.2018

Eine Bombe explodiert inmitten einer Gruppe ausländischer Sprachschüler. Sie sind auf ihrem Weg zur S-Bahn. Ein ungeborenes Baby stirbt, zehn Menschen werden verletzt, einige kämpfen um ihr Leben. Aber nach dem Freispruch gegen den einzigen Tatverdächtigen am Dienstag vor dem Düsseldorfer Landgericht scheint eine Aufklärung der Tat kaum noch möglich zu sein.

Das Urteil fällt fast auf den 18. Jahrestag des ungesühnten Verbrechens. Am 27. Juli 2000 hatte eine Rohrbombe in einer Plastiktüte an der Düsseldorfer S-Bahn-Station Wehrhahn ein Blutbad angerichtet. Mehrere der zwölf Menschen in der Gruppe waren Juden, schnell geriet ein Mann mit Kontakten zur rechtsradikalen Szene unter Verdacht. Doch die Beweislage reichte der 1. Großen Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts nun für eine Verurteilung nicht aus.

Zweifel an der Täterschaft

„Wir haben es uns nicht leicht gemacht“, sagt der Vorsitzende Richter Rainer Drees. Es blieben „erhebliche Zweifel an der Täterschaft“ des heute 52 Jahre alten Angeklagten – auch wenn dieser „extrem fremdenfeindlich“ und geltungssüchtig sei und im Prozess immer wieder gelogen habe.

Der Freispruch ist keine Überraschung. In dem seit Ende Januar laufenden Prozess verwickelten sich mehrere Zeugen, die noch im Ermittlungsverfahren den Angeklagten Ralf S. schwer belastetet hatten, in Widersprüche oder relativierten  frühere Aussagen. Es gibt zudem kein Geständnis, keinen klaren Beweis, keine DNA oder Fingerabdrücke von S. am Tatort. Auch die vermeintlichen Selbstbezichtigungen des Angeklagten in abgehörten Telefongesprächen oder gegenüber Dritten schienen der Kammer nicht so überzeugend.

Angeklagter ein „Dummschwätzer?“

Vielleicht ist der Rechtsextremist ja tatsächlich nur der „Dampfplauderer und Dummschwätzer“, als den ihn sein Verteidiger bezeichnet hatte. Die Staatsanwaltschaft, die wegen zwölffachen Mordversuchs lebenslange Haft gefordert hatte, wird möglicherweise in Revision gehen.

Der Anschlag hatte damals die Öffentlichkeit entsetzt, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) rief kurz danach den „Aufstand der Anständigen“ gegen rechte Gewalt aus. Ralf S. war bereits kurz nach der Tat festgenommen worden, mangels Beweisen musste die Polizei ihn aber wieder laufen lassen. Erst viele Jahre später klagte ihn die Staatsanwaltschaft doch noch an. Als er 2014 wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe in der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel saß, soll er sich mit der Tat gebrüstet haben. „Ich habe die Kanaken weggesprengt“, soll er einem Mithäftling gesagt haben.

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