Wenn Leonie bei ihrem Vater lebt, ihre Lieblingsjeans aber bei der Mutter sind, kann es schon mal Stunk geben. „Warum habt ihr euch überhaupt getrennt?“, fragt sie dann. Knapp zehn Minuten Fußweg liegen zwischen den zwei Wohnungen ihrer Elternteile in einer baden-württembergischen Kleinstadt. Mal ist sie  mit ihrem Bruder zwei Tage pro Woche beim Vater, mal drei oder vier.

Was Anna (48) und Jens (52) mit ihrer Tochter Leonie (13) und ihrem Sohn Ben (9) seit rund drei Jahren praktizieren, nennt sich Wechselmodell. Es bedeutet, dass Kinder getrennt lebender oder geschiedener Eltern zwei Lebensmittelpunkte haben, Mutter und Vater also in etwa gleichermaßen die Betreuung übernehmen. „Ohne Kommunikation und Kooperation funktioniert das nicht“, sagt Anna (alle Namen wurden von der Redaktion geändert). Sie und ihr Ex-Mann – beide sind berufstätig – müssen sich im Alltag ständig abstimmen, egal ob es um ihre Arbeitszeiten, die Hausaufgaben oder das Fußballtraining geht.  Sie tun das über WhatsApp oder telefonisch, sehen sich aber auch. Jens, der Vater, muss Schichtdienste leisten, die oft erst kurzfristig feststehen. „Das macht es sehr schwierig“, sagt er.

Lange Zeit war das Residenzmodell üblich und wurde im Streitfall auch von Familiengerichten favorisiert. Die Kinder wohnten bei der Mutter, den Vater „besuchten“ sie an Wochenenden.  Doch mit dem Abschied von der traditionellen Rollenverteilung gerät diese Regelung zunehmend ins Wanken. Nach einer Allensbach-Umfrage wünschen sich 51 Prozent der Trennungseltern eine in etwa hälftige Aufteilung der Betreuung ihrer Kinder. 15 Prozent gaben an, dies bereits umzusetzen. Anna und Jens haben sich gar nicht bewusst für das Wechselmodell entschieden. „Für uns war das  einfach klar“, sagt die Mutter. Der Vater betont: „Ich möchte meine Kinder nicht nur am Wochenende sehen.“

Doch was, wenn sich die Eltern nicht einig sind? In der politischen Diskussion ist das Wechselmodell ein Minenfeld. Die Auseinandersetzung dreht sich um die Frage, was am ehesten dem Kindeswohl dient und ob der Gesetzgeber aktiv werden muss. Es geht in einzelnen Streitfällen aber auch um einen Kampf von Männern um Gleichberechtigung und ein Recht am Kind – und um Frauen, die sich als bessere Eltern begreifen. Und es geht ums Geld.

Auf der einen Seite stehen Lobbygruppen wie der Verein Väteraufbruch für Kinder. „Allen Kindern beide Eltern“, ist seine Devise, ab Geburt und bei Scheidungen. Sprich: Das Wechselmodell – der Verein bevorzugt den Begriff  „Doppelresidenz“ – soll gesetzlich geregelt und das Unterhaltsrecht daran angepasst werden. Zuletzt bekamen die Väter Unterstützung von 60 Experten, die das „gemeinsame Getrennterziehen“ ebenfalls zum Leitbild machen wollen, darunter Familienrechtler und Psychologen.

Auf der gegnerischen Seite warnen etwa der Deutsche Kinderschutzbund und der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) vor einem staatlich erzwungenen Paradigmenwechsel. „Wir lehnen das Wechselmodell nicht grundsätzlich ab“, sagt VAMV-Chefin Erika Biehn der SÜDWEST PRESSE. Ob es funktioniere, hänge aber vom Einzelfall ab. Ein Gesetz könnte dazu führen, dass  Richter mehr zum Wechselmodell tendieren, ohne alle Facetten des jeweiligen Falls zu überblicken,  so die Warnung.

Die Rechtsprechung wandelt sich aber auch so schon. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied im Februar 2017, dass ein Familiengericht auf Antrag eines Elternteils das Wechselmodell auch gegen den Willen des anderen Elternteils anordnen kann. Entscheidender Maßstab sei dabei immer das Kindeswohl, so die Richter. Bestärkt fühlen sich die Väter zudem durch eine Europarats-Resolution von 2015, die dazu aufruft, die Doppelresidenz in nationale Gesetze zu gießen.

Unter den Parteien will die FDP das Wechselmodell zum Regelfall machen. Bei den Jamaika-Sondierungen stieß sie damit aber auf Granit. Auf  fachlicher Ebene prüft das Bundesjustizministerium nach Auskunft eines Sprechers allerdings schon länger, ob es gesetzgeberischen Handlungsbedarf im Sorgerecht gibt. Auch das Familienministerium ist tätig. Es lässt in einer aufwändigen Studie den Zusammenhang von Kindeswohl und Umgangsrecht prüfen. Dafür befragen Forscher Eltern und Kinder, erste Ergebnisse werden Anfang 2018 veröffentlicht, teilte ein Ministeriumssprecher mit. Doch ob zwei Zuhause für ein Kind nun gut oder schlecht sind, hängt letztlich immer von den individuellen Verhältnissen ab.

Experten sind sich wenigstens über die Mindestvoraussetzungen des Wechselmodells einig:  die Wohnortnähe und dass die Ex-Partner miteinander reden können. Bei Anna und Jens funktioniert das, obwohl der Alltag anstrengend ist und auch die Kinder „immer mal wieder nervt“, wie sie einräumen. Aus ihrer Sicht steht und fällt ihre Lösung aber damit, dass sie „die Kinder im Fokus haben“, nicht eigene Interessen. Und es ist auch eine Geldfrage, denn zwei kindgerechte Haushalte kosten nun mal mehr. „Darüber redet niemand“, sagt Anna. Jens findet die deutsche Familienpolitik insgesamt „zum Kotzen, vor allem den Kindern gegenüber“. Familien bräuchten mehr Unterstützung, unabhängig vom Lebensmodell.

Wechselmodell für Trennungskinder: Familiengerichtstag warnt vor Zwang


Der Deutsche Familiengerichtstag warnt davor, das Wechselmodell für Scheidungskinder vorzuschreiben. Das Kindschaftsrecht müsse aber insgesamt modernisiert werden.

Heinrich Schürmann ist Vizevorsitzender des Deutschen Familiengerichtstags (DFGT). Er wirbt für die elterliche Freiheit.

Warum ist das Wechselmodell für Scheidungskinder in der politischen Diskussion so umstritten?

Heinrich Schürmann: Bei solchen Entwicklungen kommt es immer auch zu Abwehrprozessen. Das war in den 1990er Jahren nicht anders, wenn Gerichte einem Vater das alleinige Sorgerecht zusprachen. 1998 wurde dann per Gesetz die Beibehaltung des gemeinsamen Sorgerechts geregelt. Da haben alle erst die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Heute ist es völlig normal, sich das Sorgerecht zu teilen.

Ist das Wechselmodell Folge eines neuen, modernen Vaterbildes?

Ja, natürlich hat das damit zu tun. Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, was sich auch im Bereich des Familienrechts bemerkbar macht. Ein solcher Wandel kann allerdings auch zu neuen Machtkämpfen zwischen Müttern und Vätern führen. Es wird zwei bis drei Elterngenerationen brauchen, bis auch das zur Normalität gehört.

Sollte das Wechselmodell gesetzlich geregelt werden?

Nicht unbedingt.  In der Praxis wird das Wechselmodell ja längst gelebt. Der Normallfall ist dabei, dass sich Eltern von sich aus arrangieren und eine Lösung für den Umgang mit ihren Kindern finden, ohne Gesetze und Gerichte. Hier geht es um Elternautonomie, um elterliche Freiheit. Die sollte bis zu der Grenze, wo das Kindeswohl gefährdet ist, gewahrt sein.

Also alles so lassen wie es ist?

Nein, das wiederum auch nicht. Wir brauchen zahlreiche Reformen im Kindschaftsrecht. Im Prinzip müsste man das ganze System umstellen, so dass es beweglicher ist und unterschiedlichen Lebensmodellen mehr Rechnung trägt. In diesem Zusammenhang können gesetzliche Leitlinien mitunter hilfreich sein und die Entwicklung befördern – ich denke zum Beispiel an die Ächtung der Gewalt in der Kindererziehung oder die gemeinsame Sorge als Regelfall.

Laut einem BGH-Beschluss kann das Wechselmodell gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden. Ist das in Ihrem Sinne?

Der Familiengerichtstag sieht den Beschluss angesichts der aktuellen Gesetzeslage kritisch. Aber auch unabhängig davon ist ein funktionierendes Wechselmodell anspruchsvoll, es erfordert eine intensive Kooperation der Eltern. Das lässt sich schwer gerichtlich aufzwingen.