Interview Was ist von 68 geblieben, Frau Süssmuth?

Berlin / Elisabeth Zoll 18.07.2018
Auch mit 81 ist Rita Süssmuth kämpferisch. Die Schlacht ist noch nicht geschlagen, sagt sie. Ein Gespräch über das Erbe der 68er.

Auf die Frage, was „68“ an Positivem gebracht  habe, antwortete der Politikphilosoph Jürgen Habermas mal ganz spontan: Rita Süssmuth. Die ehemalige Bundestagspräsidentin hat nicht nur ihre CDU herausgefordert. Viele konservative Männer konnten sich gar nicht vorstellen, Frauen das Recht auf Selbstbestimmung zu gewähren.  An einem runden Tisch in ihrem Büro direkt am Brandenburger Tor lässt sich die drahtige 81-Jährige noch einmal ein auf die Konflikte, die sie als rebellische Politikerin für Frauen, Ausgegrenzte und  Minderheiten durchgestanden hat. Preise und Ehrenzeichen, die Regale und Büroschränke zieren, zeigen, dass sie damit allen Anfeindungen zum Trotz viel bewegen konnte.

Frau Professor Süssmuth, wie schauen Sie auf die 68er?

Rita Süssmuth:  Die 68er waren keine Anwälte der Frauen. Doch sie haben Entwicklungen angestoßen: zum einen den rebellischen Aufbruch zu einem neuen Lebensstil. Der betraf primär die Männer, hatte aber Konsequenzen für Frauen. Und dann die Neuauslegung von Werten. Die hatte eine Menge mit Selbstbestimmung zu tun. In ihr war der Gedanke der Emanzipation zutiefst verankert.  Diese Befreiung vom alten Denken brachte die Fugen unserer Republik fast zum Krachen.

Was bedeutete das für Sie persönlich? Ende der 60er-Jahre waren Sie gerade als Professorin für Erziehungswissenschaften an die Ruhr-Universität Bochum berufen worden.

Da schaue ich auf meine Publikationen. Ich habe damals den ersten Aufsatz zur Emanzipation im Bildungssektor geschrieben. Meine Frage war: Wovon emanzipieren wir uns? Inspiriert war ich von Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“.  Dort spielt die Selbstbestimmung über den eigenen Körper eine zentrale Rolle und das neue Verständnis von Sexualität zwischen Frauen und Männern. Hinzu kam ein neuer Blick auf Kinder – und die Frage nach der Verantwortung von Vätern in der Erziehung. Da tauchte plötzlich das Bild vom Kinderwagen-schiebenden Vater auf. Diese Vorstellung traf auf eine Männergeneration, die geschlagen aus dem Krieg gekommen war und sich ihren Platz in der Gesellschaft zurückerobern musste. Den hatten in vielen Fabriken Frauen eingenommen.

Hatten Frauen auch Anspruch auf einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft?

Frauen hatten zwar aktives und passives Wahlrecht, doch ansonsten fehlte die Rechtsgrundlage für eine gleichberechtigte Teilhabe. Dabei hatte die Notlage nach dem Krieg Frauen selbstbewusster gemacht. Das zeigte sich an der hohen Zahl der Scheidungen in den 50er-
Jahren.

Diese Frauen trafen aber nicht nur auf Gesetze, in denen der Geist einer ganz anderen Zeit atmete, sondern auch auf ein männliches Denken, das bereits von der Wirklichkeit überholt worden war.

Ja, aber zunächst konnte man das gut verstecken unter dem Mantel der Fürsorglichkeit. Im Ruhrgebiet habe ich Männer immer wieder sagen hören: Nun sind wir wieder zu Hause, nun muss das Elend der Erwerbstätigkeit von Frauen aufhören. Sie sollten zurück an den Herd.  So wie es vor dem Krieg gewesen war.

Sie sind selbst eine der Ausnahmen. Sie haben Abitur gemacht, anschließend Romanistik und Geschichte studiert und dann promoviert.

Das war aber nicht der geplante Weg. Ich wollte nur die Mittlere Reife machen und dann Krankenschwester werden. Doch mein Vater sagte: Mach mal Abitur. Danach sagte er: Studiere, am besten Jura. Das konnte ich mir nicht vorstellen, doch ich war wild darauf zu lernen. Davon  abgesehen bin ich sozialisiert worden in einer Welt, die sich nicht unterschied von der anderer.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?

In der Ordensschule turnten wir in langärmeligen Leibchen, langen Strümpfen, über die noch einmal eine lange Hose getragen wurde. Ja nichts sehen lassen.  Mein Körpergefühl war voller Zwänge. Die ganze Zeit war voller Verkrampfungen. Noch für die Arbeit an meiner Promotion brauchte ich die schriftliche Bestätigung meines Professors, damit ich Bücher ausleihen konnte, die etwas freizügiger waren.

In diese Zeit hinein platzen die 68er. Welche Wirkung hatte das für die Gesellschaft?

Das konnte ich zunächst auch nicht erfassen. „68“ schien zunächst wie der Aufstand einer jungen, rebellischen Generation, die versuchte, längst geschriebene Emanzipationstheorien in die Praxis umzusetzen. Welch eine Empörung hat das ausgelöst! Da gingen ja nicht nur die Hippies auf die Straße, sondern auch unsere Studenten. Das riss die Gesellschaft fast auseinander.

Gehörten Sie mit zu den rebellischen Geistern?

Zunächst nicht. Mein Vater hat zwar immer darüber gesprochen, wie schwierig es sei, mich zu zähmen. Mir war aber gar nicht klar, was er damit meinte. Ich war ja von Natur aus keine Rebellin. Wie schwierig der Weg raus aus alten Strukturen ist hinein in neue, verantwortbare, habe ich erst mit den Jahren erfahren. Mit den „68ern“ und der neuen Frauenbewegung wurden Prozesse freigesetzt. Diese haben nicht sofort Hochschulprofessorinnen hervorgebracht. Dem stand noch allzu oft männliches Denken im Weg: Die bekommt ja sowieso Kinder. Wir Frauen sollten gezwungen werden, zu wählen, Beruf oder Familie. Das Sowohl-als-auch wurde uns lange verwehrt.

Was hat Sie rebellisch gemacht?

Die Geschlechterbeziehung. Bei meiner Bewerbung für eine Assistentenstelle lautete die erste Frage: Ob ich mir vorstellen könne, kinderlos zu bleiben?  Die zweite: Was denn wäre, wenn ich vor meinem Mann Dozentin würde? Und die dritte: Wie ich es wagen könne, mich zu bewerben, wo sich doch auch ein Vater von acht Kindern um die Position beworben hat. Da platzte mir innerlich der Kragen. Da hatte ich erlebt, was es mit der Frauenfrage auf sich hat. Das habe ich nie mehr vergessen.

Und mit dieser Erfahrung trieb es Sie dann 1981 ausgerechnet in die CDU. Warum?

Da gab es am meisten zu tun.
SPD und Grüne waren da viel weiter. Natürlich spielte auch meine Prägung und Wertschätzung der christlichen Soziallehre eine
Rolle.

Sie wollten die Partei auf den Kopf stellen – und das ohne Hausmacht.

Nein, ich wollte nichts auf den Kopf stellen. Ich wollte das, was längst hätte gemacht werden müssen, nachholen.

Wer war an Ihrer Seite?

Der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler war mein wichtigster Mitstreiter. In der Partei habe ich zunächst keine Mehrheit gefunden. Die hatte ich in der Bürgerschaft und bald auch bei den Frauen.  Damit bin ich als Ministerin auch das große Thema Aids angegangen. Mein Motto war: Wir bekämpfen nicht die Menschen, sondern die Krankheit. Für diese Position brauchte ich den Rückhalt der Gesellschaft, die Partei war noch nicht so weit. Als Gesundheitsministerin stand mir ständig Peter Gauweiler von der CSU gegenüber. Der wollte Aids-Kranke absondern. Noch bevor ich als Ministerin zu Wort kommen konnte, wurde er gehört. Das hat mich verletzt.

Ein weiterer Streitpunkt war der Paragraf 218 und die Frage der sexuellen Selbstbestimmung. Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hatte das Thema im Magazin „Stern“ mit dem Bekenntnis von 374 Frauen „Ich habe abgetrieben“  in die Öffentlichkeit gebracht. Sie machten sich stark für die Entkriminalisierung von Frauen – und haben dafür Sturm geerntet . . .

. . .  bei Freund und Feind. . .

Was passierte da in der männerdominierten CDU-CSU?

Das war eine ganz harte Zeit. Bei dieser Frage war die Gewissensbelastung unglaublich groß.  Meine stärksten Widersacher waren ja in der eigenen Partei. Schon vor meiner Ernennung zur Ministerin hatte ich Helmut Kohl gesagt, dass ich in dieser Frage anders dachte als die Partei. Ich bin für Lebensschutz, aber nicht für die Bestrafung von Frauen, die in einer großen Konfliktlage sind. Denn was bedeutet es, wenn ein Kind gegen den Willen der Mutter zur Welt kommt?

Wie hat die einflussreiche katholische Kirche reagiert? Sie waren ihr als Vizevorsitzende im Zentralkomitee der deutschen Katholiken eng verbunden.

Der verstorbene Kardinal Lehmann hatte das verstanden. Andere Bischöfe haben meinen sofortigen Rücktritt gefordert. Weil ich für eine verpflichtende Beratung war, bin ich aber auch von Frauenseite hart kritisiert worden. Mit unserer Regelung ist die Entscheidung für Frauen nicht einfacher geworden, aber menschenwürdiger und selbstbestimmter. Das hat Druck aus der Debatte genommen.

Gab es auch schmerzliche Niederlagen?

Unzufrieden bin ich damit, dass heute manches wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Nicht nur in der Frauenfrage. Dort erleben wir ein verrohtes Verhalten – sprachlich und körperlich. Ich denke an die sexuellen Übergriffe. Dabei wird die Würde von Frauen mit Füßen getreten. Meiner Meinung nach gibt es heute wieder psychischen Terror gegenüber Frauen. Was sich manche da erlauben, wäre vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Besonders schlimm ist es bei der Migrations- und Flüchtlingsfrage. Ich hätte nie gedacht, dass Christdemokraten so aggressiv sein können gegen Menschen.

Auch in der Union kommen Frauen nicht voran. Ihr Anteil unter Abgeordneten geht zurück. Erleben wir einen Roll-Back?

Nicht unbedingt. Im Gegensatz zu früher wissen wir heute: Wir können uns das nicht erlauben. In der Frauenfrage werden wir nicht so zurückfallen wie auf anderen Gebieten.

Hat sich das Kämpfen dennoch gelohnt?

Ja. Und ich kämpfe auch weiter. Die Schlacht ist noch nicht geschlagen.

Quereinsteigerin mit eigenem Kopf

Das glanzvollste Amt war das der „Bundestagspräsidentin“, doch das mochte Rita Süssmuth wohl nie so richtig. Die 1937 in Wuppertal geborene Politikerin wollte gestalten: als Direktorin des Forschungsinstituts „Frau und Gesellschaft“ (1982-1985), als CDU-Familienministerin (1985-1988),  als Vorsitzende der CDU-Frauenunion (1986-2001), aber auch als Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken. Auf reinen CDU-Kurs ließ sich die Quereinsteigerin nie biegen. Zuletzt als Vorsitzende der  Zuwanderungskommission erwarb sie sich breiten Respekt – und manches erboste Widerwort aus der eigenen Partei. eth

Gesetze

1949
„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, so steht es im neuen Grundgesetz. Die Realität sieht anders aus.

1962
Frauen dürfen jetzt auch ohne Zustimmung des Ehemannes ein
Bankkonto eröffnen.

1969
Erst jetzt wird eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Bis 1977 brauchte sie in der Bundesrepublik noch die Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterzeichnen wollte.

1974
Der Paragraf 218 wird reformiert.

1997
Vergewaltigung in der Ehe wird
strafbar.

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